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Designer-Baby : Sein Name sei Hoffnung

Embryonenauswahl mit klarer Zielvorgabe? In Frankreich ist die Debatte um die PID neu entflammt Bild: dpa

Frankreich streitet über ein Retortenbaby, das gezeugt wurde, um seinen älteren Geschwistern das Leben zu retten. Liegt in den Methoden der Präimplantationsdiagnostik ein weiterer Schritt zur Instrumentalisierung des Kindes? Die bioethische Debatte ist neu entflammt.

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          Die Medien nennen es „Doctor Baby“. Oder auch „Medikamenten-Kind“. Der Säugling ist ein Knabe, geboren wurde er am 26. Januar im Krankenhaus Antoine Béclère in Clamart im Großraum von Paris. Er wiegt dreieinhalb Kilo und soll bei bester Gesundheit sein.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Ins Leben geworfen, wie ein Schlüsselbegriff von Jean-Paul Sartres Existentialphilosophie lautet, wurde der Knabe türkischer Einwanderer nicht aus Zufall und Willkürlichkeit. Sondern mit einer Mission: Er soll einem oder besser noch beiden seiner beiden älteren Geschwistern das Leben retten. Sie leiden an der genetischen Blutkrankheit Beta-Thalassämie. Das Baby wurde in vitro gezeugt und hat auf Wunsch der Eltern den Namen Umut-Talha bekommen: „Unsere Hoffnung“.

          Von einer „doppelten Hoffnung“ sprachen die als Ärzte für die Geburt zuständigen Forscher Arnold Munnich und René Frydman. Frydman hatte 1982 das erste französische Retortenbaby in die Welt gesetzt. Die jetzt angewendete Methode der Präimplantationsdiagnostik basiert auf der genetischen Analyse und Auswahl der Embryonen vor der Einpflanzung. Sie garantiert, dass das Neugeborene nicht an der gleichen Erkrankung leidet und später als Blutspender für die Schwester funktionieren kann. Zu diesem Zweck wurde die an Stammzellen reiche Nabelschnur konserviert. Frydman glaubt, dass mit dem Verfahren die Erbkrankheit in der Familie besiegt werden könne. Die Eltern sind mit ihrem dritten Kind bereits wieder nach Hause gereist, sie wohnen in Südfrankreich.

          Neue Debatte über Fortpflanzungsmedizin

          Die Nachricht von der erfolgreichen Geburt wurde zum Auftakt einer neuen Debatte über die biogenetische Ethik und Gesetzgebung im französischen Parlament veröffentlicht. Frydman hatte für seine Premiere die Einwilligung einer Ethikkommission bekommen, die gesetzliche Grundlage dafür besteht seit mehreren Jahren. In seiner Klinik seien gegenwärtig zehn gleichgelagerte Fälle in Gang, mit neuen Geburten sei in den nächsten Monaten zu rechnen. Ein paar „Doctor Babys“ wurden bislang in Amerika produziert. In Europa gab es zwei Geburten in Spanien und eine in Belgien. In anderen Ländern – wie etwa in der Schweiz – ist die Präimplantationsdiagnostik verboten.

          Die Genforschung ist in Frankreich eher streng geregelt. Stammzellen- und Embryonalforschung sind bislang verboten. Seit Jahren kämpfen René Frydman und andere Forscher für eine Liberalisierung. Frydman will sich an England orientieren, und längst wird auch die Schreckensvision, dass französische Familien für die therapeutische In-vitro-Befruchtung in andere Länder reisen könnten, an die Wand gemalt. Frydman will die Erlaubnis für das Forschen an überzähligen Embryonen und das therapeutische Klonen. In der Presse und im Fernsehen kritisiert er einen „Dschungel von bürokratischen und rechtlichen Vorsichtsmaßnahmen“ und das „Fehlen einer Vision“: Der wissenschaftliche Fortschritt sei in Gefahr, die Weiterentwicklung der Fortpflanzungsmedizin bedroht.

          Schritt zur Verzweckung des Menschen

          Die Kirche war auf die Parlamentsdebatte durchaus vorbereitet. Kardinal Vingt-Trois, der Vorsteher der französischen Bischofskonferenz, hat das Vorgehen von René Frydman scharf kritisiert. Er lehnt die Methode ab und spricht von der „Instrumentalisierung des Menschen im Dienste eines anderen Menschen“ (siehe auch Instrumentelle Vernunft: Kinder als Mittel zum Erwachsenenzweck) Vor der barbarischen Gefahr, einen Menschen für eine Dienstleistung zu produzieren, warnt die konservative Abgeordnete Christine Boutin. Auch der Schauspieler Michael Lonsdale wirft sein ganzes moralisches Gewicht als Star des großartigen Erfolgsfilms „Des Dieux et des Hommes“ in die Waagschale: „Wir müssen die Würde der Embryonen schützen.“ Im Parlament haben die Beratungen unter dem Schock der wissenschaftlichen Premiere mit einer eher defensiven Stoßrichtung begonnen. Zulassen will man zum Beispiel „gekreuzte Organspenden“ zwischen zwei Familien (weil sich Nierenspenden familienintern oft als unverträglich erweisen). Keineswegs unbestritten ist die Möglichkeit, einen Embryo in den Mutterleib einzupflanzen, wenn der Vater verstorben ist. Das soll allerdings nur dann ermöglicht werden, wenn das Paar eine In-vitro-Befruchtung eingeleitet hat.

          Angesichts der eher kontraproduktiven Auswirkungen von René Frydmans Zeitplan hat der Genetiker Axel Kahn als Mitglied der Ethikkommission die Tragweite der Premiere heruntergespielt: Dass man ein Kind zeuge, um ein anderes zu retten, sei nicht neu. Bislang habe man einfach auf den Zufall gesetzt. René Frydman selbst verwirft den Begriff des „Medikamenten-Babys“ und schwärmt vom Kinderwunsch der Eltern: „Nach der künstlichen Befruchtung hatten wir zwei Embryos“, erklärte er inzwischen im Sender RTL: „Ein Embryo war für die Transplantation kompatibel, das andere nicht. Was tun? Die Eltern haben entschieden, beide einzupflanzen, und hofften, dass ihnen der Zufall zu Hilfe kommen werde.“ Im Uterus, erzählt der forsche Frydman, habe sich dann tatsächlich das richtige, das verträgliche Embryo durchgesetzt.

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