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Plagiatsfall „Große Seeschlachten“ : Glänzend geschrieben, wenn auch nicht immer von unserem Autor

Zweieinhalb Seiten der Friedrich-Biographie befassen sich mit der Waffenmode der Zeit. Am Ende des ersten Absatzes dieses Abschnitts verweist eine Fußnote auf den Aufsatz von Ortwin Gamber aus dem Katalog der Stuttgarter Staufer-Ausstellung von 1977. Das kann man so verstehen, dass damit alle Gedanken des Absatzes, insbesondere auch ein dreigeteiltes Epochenschema für die Zeit von 1150 bis 1250, als Anlehnungen gekennzeichnet sind. Nun paraphrasieren aber auch sämtliche Sätze von zwei der drei folgenden Absätze Thesen und Beobachtungen Gambers ohne jede Zutat Raders. Der Tipp, dass man den Unterschied von französischem und deutschem Schwertmodell sehr schön an den Reichsinsignien in der Wiener Schatzkammer studieren kann; die Einordnung, dass Ludwig der Heilige und Friedrich II. dem dreizehnten Jahrhundert die Leitbilder des Rittertums vorgaben; sogar der Hinweis, dass in „iserkolzen“, der Eisenhose, das italienische Wort für Strümpfe steckt - alles bei Gamber.

Raders Paraphrasen - ein Textstellenvergleich

Wie Gerätehersteller ihren Kunden die jüngste Version naturgemäß auch dann verkaufen wollen, wenn die zweitjüngste noch tadellose Dienste tut, beruht das Geschäftsmodell der historischen Sachbuchverlage auf dem Versprechen, dass die neueste Biographie Friedrichs II. oder Darstellung der Kreuzzüge die beste ist. Sie bewegt sich tänzerisch auf der Höhe der Forschung und ist natürlich - so circa hundert Prozent aller Beck-Klappentexte - glänzend geschrieben! Nicht selten wird aber das ältere, gründlich gearbeitete Buch dem mit großem Tamtam daherkommenden jüngeren vorzuziehen sein, zumal dann, wenn der Autor wie Rader auch stilistisch ein Blender ist, dem regelmäßig Grammatikfehler unterlaufen.

Neueste Forschung ist für das allgemeine Publikum nicht unbedingt interessant und oft nicht einfach zu vermitteln. Es mag ja sein, dass es zur Bewaffnung der Stauferzeit in den 33 Jahren zwischen Staufer-Ausstellung und Raders Biographie keine neuere Forschung mehr gegeben hat, so dass Gambers Aufsatz noch den state of the art darstellte. Aber warum unterbricht der Biograph seine Schilderung der Schlacht von Bouvines, um ein Mikroepochenschema aus einer hochspekulativen Disziplin wie der Mittelalterarchäologie als sicheres Wissen zu präsentieren? Auf die These von Gambers Aufsatz, die Behauptung eines durchgehenden Einflusses der orientalischen Mode, geht Rader mit keinem Wort ein, obwohl es sich bei Friedrich II., dem vermeintlichen Freund der Mauren, doch aufgedrängt hätte. Wenn dann noch nicht einmal die Wiedergabe des Schemas ohne Fehler abgeht, werden chronologische Präzision und Forschung nur fingiert.

Im Gespräch mit dieser Zeitung verriet Olaf Rader auf der Frankfurter Buchmesse 2013 die Geheimnisse der literarischen Produktion, die er neben seiner Editorentätigkeit für die ehrwürdigen Monumenta Germaniae Historica entfaltet hat. „Die Kunst ist, dass der Leser nicht vordergründig merkt, auf welchen soliden Fundamenten ein gut lesbares Buch ruht.“ In der „Geschichte des Verbrechens“ von Radbruch und Gwinner, einem Buch, dessen Lektüre der belesene Rader wohl noch vor sich hat, heißt es im Kapitel über die falschen Friedriche: „Jede Zeit hat die Betrüger, die sie verlangt.“

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