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Der Klickarbeiter : Acht Stunden sind kein Tag

Großraumbüro der digitalen Arbeitswelt: Café im Silicon Valley Bild: Marko Priske/laif

Crowdwork, Klickwork, Abrufarbeit - neue, flexible Arbeitsformen erobern den Arbeitsmarkt. Bedrohen sie das europäische Sozialmodell?

          Ein Smartphone ist nicht nur ein Kommunikationsgerät, sondern auch eine Arbeitsagentur im Kleinen, die in ihr Innenleben kaum Einblick gibt. Ein Tastendruck auf die App setzt Menschen in Bewegung, als Paketboten, Lieferservice, Taxifahrer. Dass sie ihre Arbeit nicht immer zu den besten Konditionen verrichten, kann man sich vorstellen, sieht es auf der Bedienoberfläche aber nicht. Die Taxi-App Uber zum Beispiel bezeichnet sich als Vermittler für Transportdienste. Auf die Frage, wo der Fahrer angestellt ist, wer ihn versichert und seinen Lohn bei Krankheit begleicht, gab es bis vor kurzem nur eine praktische Antwort: Uber nicht. Amazon gründete 2006 die Plattform „Mechanical Turk“, die Personal für die Vorweihnachtszeit anwirbt, in der das Geschäft des Versandhändlers regelmäßig explodiert. Die Angeworbenen erledigen stupide und leicht kündbare Tätigkeiten, an der Computer scheitern, wie die Kontrolle von Plattencovern auf Pornographie.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Noch einen Schritt weiter ging IBM, als es vor drei Jahren unter dem Namen „Liquid“ einen radikalen Personalumbau ankündigte. Die Arbeit wird hier in kleinste Einzelschritte, sogenannte Sprints, zerlegt und in weltweiten Jobauktionen ausgeschrieben. Die Rekrutierten sortiert man nach getaner Arbeit in zwei Leistungsklassen, die ihre Eignung für künftige Aufgaben anzeigen, ohne dass sie davon erfahren. Die Namen der Gruppen, „Blue“ und „Blue Select“, klingen nach Mobilfunktarifen. Im gleichen Atemzug kündigte IBM den Abbau von zehntausend Mitarbeitern in Deutschland an. Die Nachfrage, was von dem Programm Wirklichkeit wurde, lässt die Pressestelle unbeantwortet. Verlage zogen nach. Gruner + Jahr entließ im vergangenen Jahr das Gros der Redakteure bei seinen „Brigitte“-Titeln. Eine Rumpfredaktion verteilt Aufträge an ein Heer von freien Mitarbeitern, die früher Kollegen waren.

          Digitalisierung auf der Tagesordnung

          So könnte man fortfahren. Das Quantum der Frist- und Leiharbeit ist in Deutschland zehn Jahre lang nicht mehr gestiegen, aber eine Reihe neuer Arbeitsformen schießt wie Pilze aus dem Boden: Abrufarbeit, Klickarbeit, Crowdwork. Ihr Volumen ist schwer einzuschätzen, da sie oft unterhalb der statistischen Schwelle laufen. Derzeit sind sie noch eher eine marginale, aber schnell wachsende Größe. Ein Beispiel der neuen Unverbindlichkeit bieten die in England mehr als eine Million Mal vergebenen Nullstundenverträge, die den Arbeitgeber zur Entlohnung geleisteter Arbeit verpflichten, aber keinerlei Vorgaben machen, wie viel Arbeit er denn anzubieten habe. Wenn die Beschäftigung ein Zubrot für Rentner ist, liegt darin kein großes Problem. Wer von Klickarbeit seine Existenz bestreiten will, wird dagegen leicht zum Spielball.

          Bernd Waas

          Gewerkschaften und Arbeitnehmerverbände kritisieren die meist niedrig bezahlten Arbeiten als Boten eines neuen Feudalismus. Man redet wieder von Tagelöhnern. Das Argument der Arbeitgeber, man könne digitale Arbeit nicht anders organisieren, gilt hier als Vorwand für den Sozialabbau. Man kann es als Zeichen lesen, dass in dieser Debatte wieder so viel von Arbeitern gesprochen wird. Vordergründig ist es eine Anleihe aus dem Englischen, wo der Arbeiter eine Rechtskategorie mit geringeren Schutzrechten ist. In der deutschen Verwendung zeigt es die Notwendigkeit, stärker zwischen Arbeitnehmern, Selbständigen und Scheinselbständigen zu unterschieden.

          Das am klassischen Arbeitnehmerbegriff orientierte europäische Recht bekommt diese Arbeitsformen nicht zu fassen. Die bisherige Bezeichnung „atypisch“ zeigt die Verlegenheit um einen aussagekräftigen Begriff. Die Vorarbeit für eine griffigere Definition leistet das European Labour Law Network (ELLN), das 31 Arbeitsrechtsexperten aus unterschiedlichen europäischen Nationen verknüpft und an der Universität Frankfurt seinen Hauptknoten hat. Als sich das Netzwerk vor zehn Jahren bildete, war sein Anspruch ein vergleichender Blick auf das europäische Arbeitsrecht. Vor zwei Jahren setzte der Frankfurter Rechtswissenschaftler Bernd Waas die Digitalisierung auf die Tagesordnung. Die meisten hatten da von Click- und Crowdwork noch nie gehört.

          Rasch entstand ein Arbeitskontakt zur Europäischen Kommission, die mit Sorge verfolgt, wie kalifornische Technologien an den Pfeilern des europäischen Sozialmodells fräsen. Im nächsten Jahr wird man den Kommissaren eine auf der Höhe der Zeit formulierte Definition der neuen Arbeitsformen und Arbeitnehmer vorlegen, an der sich die Reform der europäischen Richtlinien orientieren kann.

          Ein Verbot extremer Formen vielleicht?

          Seit sich sein belgischer Kollege Herma von Joos vor zwei Jahren zurückzog, koordiniert Bernd Waas das Netzwerk allein, bis vor kurzem unterstützt von seiner Mitarbeiterin Christine Marburger. Waas muss nur die Bürotür öffnen, um ein Gespür für den psychischen Verschleiß eines Lebens in der Warteschleife zu entwickeln. Es ist die Lebensroutine des in Kurzzeitverträgen befangenen akademischen Mittelbaus. Die Folgen sind bekannt: Wenn jede Tätigkeit eine Bewerbung für die nächste ist, werden keine Familien gegründet, keine Pläne verfolgt und keine Werke geschrieben. Stromlinienförmigkeit und Langeweile gedeihen prächtig. Den Wissenschaftlern bleibt der Vorteil des gemeinsamen Milieus, der Klickarbeiter verrichtet ein einsames Werk. Sein Selbstvertrauen leidet nach arbeitspsychologischen Studien am stärksten unter dem fehlenden Abgleich mit Kollegen.

          Auch rechtlich steht seine Arbeit auf schwachen Füßen. Arbeitgeber weichen dem arbeitsrechtlichen Schutz oft ins Zivilrecht aus und beschäftigen Mitarbeiter als Scheinselbständige. Die herben Einschnitte in der sozialen Absicherung bleiben an ihnen kleben. Inzwischen prüfen europäische Richter genauer, ob ein Selbständiger seine Arbeitsbedingungen tatsächlich frei gestalten und über Aufträge souverän entscheiden kann. Es war aber ein kalifornisches Gericht, das im September eine Zäsur setzte, indem es Ubers Fahrer als Arbeitnehmer einstufte.

          Auf europäischer Ebene liegt die Schwierigkeit in der Erfassung. Die Richtlinien der EU legen den Arbeitgebern Informationspflichten auf, etwa wann die Arbeit beginnt, worin sie besteht und wie sie bezahlt wird. Wie das aber geschehen soll, wenn der Arbeiter, wie beim französischen portage salarial, nur bei einer Mantelfirma beschäftigt ist, die ihn an andere Firmen vermittelt, und selbst gar nicht weiß, was er im Einzelnen tut, ist weitgehend ungeklärt. Das europäische Recht steht vor der Entscheidung, die Berichtspflichten auszuweiten, vielleicht auch extreme Formen der atypischen Arbeit zu verbieten, oder die Direktiven flexibler zu gestalten. Im zweiten Fall stünde auch der Achtstundentag zur Disposition.

          Die Generation der Laptoparbeiter

          Das ELLN ist kein politisches Projekt. Was interne Reformvorstellungen betrifft, bleibt Waas sehr vage. Auf der letzten Jahreskonferenz schälte sich die Tendenz zu einem Mittelweg heraus: Ausweitung der Meldepflicht auf alle Tätigkeiten, die acht Stunden in der Woche oder einen Monat überschreiten. Das würde den Takt etwas verlangsamen. Man will die Direktive aber auch nicht zu rigide fassen, um Arbeiter nicht in die Scheinselbständigkeit abzudrängen und Berufsfelder für Geringqualifizierte zu vernichten.

          Die in IT-Belangen oft unerfahrenen Juristen bewegen sich tastend in die neue Arbeitswelt. Vielleicht revolutioniert sie nicht die klassische Verteilungslogik, und es sei nicht vergessen, dass mehr als achtzig Prozent der europäischen Arbeitnehmer weiter mit einem Standardvertrag beschäftigt sind. Aber innerhalb des Paradigmas werden viele Koordinaten verschoben: Erst wenn Arbeit in kleinste Schritte skaliert werden kann, ist es möglich, sich problemlos von Arbeitern zu trennen, weil sie eben nie lange beschäftigt werden mussten. Und erst ein virtuell abrufbares Angebot an internationalen Arbeitskräften macht es so leicht, Löhne zu senken und Mitbestimmung auszuhebeln. Ein Drittes ist die Globalisierung der Gerichtsbarkeit. Die Klage eines Telearbeiters, so Waas, wird an einem für den Arbeitgeber frei wählbaren Gerichtsstand entschieden. Er kann in Tuvalu oder Tonga sein. Welcher Arbeiter verfügt über intuitive Vertrautheit mit dem dortigen Arbeitsrecht? Und welcher Anwalt kann es ihm spontan erklären?

          Eine neue Generation von Laptoparbeitern, heißt es, wisse die neuen Verhältnisse zu nutzen, für mehr „Atmung“ in ihren Lebensläufen oder die Arbeit in freien Kollektiven, und habe auch mit ständigen Unterbrechungen kein Problem. In der Masse sind die Telearbeiter fensterlose Monaden, leicht gegeneinander auszuspielen, weil sie keine Gruppen bilden. Was sie einmal verschmähten, werden sie bald vermissen: Kaffeeküchen, Betriebsausflüge, Weihnachtsfeiern. Das Labour Law Network steht vor einer großen Aufgabe.

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