Feminismus : Der Kapitalismus des Geschlechts
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Opfer der globalen Arbeitsteilung: indische Leihmütter nehmen den kapitalistischen Spitzenkräften die Reproduktionsarbeit ab Bild: Massimiliano Clausi/laif
Die Geschlechterforschung ist ein Bündel vielfältiger Ansätze. Heute gibt ihr die Kapitalismuskritik wieder eine Richtung. Aber auch hier ist die Lage verwickelt.
Man könnte klassisch beginnen und den Stand feministischer Wissenschaft mit einer wissenschaftlichen Tagung oder einem Sammelband dokumentieren. Man könnte den Einstieg aber auch - was zur Verwobenheit feministischer Diskurse mit der Pop- und Subkultur besser passt - über die Lesereise einer momentan besonders populären Feministin wählen, die auf der Bühne erst einmal ihr widerspenstiges Nasenpiercing richten muss.
Et voilà: Im Saal der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt sitzen viele Frauen, einige Männer. Vorne sitzt Laurie Penny, sie hat eben aus ihrem Buch „Unsagbare Dinge: Sex, Lügen & Revolution“ vorgelesen. In den Passagen geht es um Liebe und Hausarbeit, die von Frauen seit Jahrhunderten „aus Liebe“ gratis geleistet werde, „damit die Profit- und Produktionsmechanismen unserer Gesellschaft erhalten bleiben“.
Kapitalismus und Geschlecht ist Laurie Pennys Herzensthema. Die 28 Jahre alte Britin kann sich über Popkultur und Porno mit dem gleichen nerdigen Interesse auslassen wie über Leihmutterschaft, Abtreibungsrechte oder cyberfeministische Roboterbaby-Phantasien. Darüber steht bei ihr die Frage, was das alles wiederum mit Kapitalismus zu tun hat. Nach eineinhalb Stunden hat Penny fast das gesamte Tableau der Themen aufgefächert, mit denen sich feministische Wissenschaft und Praxis derzeit befassen.
Es wäre falsch, Laurie Penny zur Repräsentantin des akademischen Feminismus zu stilisieren, bloß weil sie in Oxford Englische Literatur studiert hat und derzeit als Stipendiatin der Nieman Foundation of Journalism in Harvard weilt. Die Bloggerin und Autorin spricht vor allem ein jüngeres Publikum an, das nicht unbedingt einen Hörsaal von innen gesehen haben muss. Die Thesen ihrer manifestartigen Texte trägt sie über ihre hunderttausend Twitter-Follower in die Öffentlichkeit.
Penny steht für einen linken Feminismus, der in jüngster Zeit wieder in Mode zu kommen scheint. Wenn sie Liebe als soziale Praxis dechiffriert und die Konstanz alter Rollenklischees beschreibt, berührt sie ein Kernthema feministischer Forschung: die Kritik an der geschlechtshierarchischen Logik des modernen Denkens. Die kapitalistische Wirtschaftsordnung, so Penny, fuße auf zwei unterschiedlich bewerteten Sphären, die nach Geschlecht zugewiesen werden. Was zählt, ist die produktive „männlich“ konnotierte Sphäre von Staat, Ökonomie und Öffentlichkeit, während der weiblich besetzte Bereich des Privaten und der Haus-, Sorge- und Pflegearbeit als „unproduktiv“ betrachtet oder gleich ganz ausgeblendet wird. Dieser Geschlechtercode wurde von der in den Siebzigern entstehenden Frauen- und Geschlechterforschung als androzentrische Verzerrung kritisiert.
Die Entlarvung geschlechtsblinder Wissensprodukte, die Kritik des akademischen Kanons und die Korrektur androzentrischer Theorieansätze wurden zu einem wichtigen Betätigungsfeld der Frauen- und Geschlechterforscherinnen in ihren jeweiligen Disziplinen. Dabei ging man laut der Berliner Wissenssoziologin und Queer-Theoretikerin Sabine Hark „wechselnde Bündnisse mit anderen kritischen Theorieprojekten“ ein, an denen man sich zugleich abarbeitete: mit der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule, dem dekonstruktivistischen Denken, marxistischen Ansätzen, der Diskurstheorie, der Psychoanalyse und später mit postkolonialen und queertheoretischen Perspektiven.
Dem Feminismus kommt die Frau abhanden
Das Bild eines monolithischen Blocks, das in medialen Debatten gerne gezeichnet wird, ist daher unbedingt korrekturbedürftig. Die Herausgeberinnen des im vergangenen Jahr erschienenen Sammelbands „Feminismen heute“ schreiben den Feminismus im Plural, um die Vielfalt der Ansätze zu verdeutlichen, die vom marxistischen über den afrodeutschen bis zum intersektionalen Feminismus nicht unbedingt miteinander kompatibel sind.
Ein verkürztes Bild fördert aber auch die innerfeministische Debatte selbst, etwa wenn Verbote von Sexarbeit als Haltung „des Siebziger-Jahre-Feminismus“ abgeschmettert werden. „Aus jener Zeit kommt doch der ganze spannende sozialistische Feminismus!“, gibt Penny zu bedenken und fügt hinzu, dass die ökonomische Bedeutung von Hausarbeit auch in der linken Kapitalismuskritik geflissentlich ignoriert worden sei. Geschlechterhierarchien wurden hier als vom „Hauptwiderspruch“ (zwischen Kapital und Arbeit) entkoppelter „Nebenwiderspruch“ abgetan. Sozialistische Feministinnen wie Mariarosa Dalla Costa oder Frigga Haug bissen sich die Zähne an ihren Genossen aus.