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Hochschulen : Der gefesselte Professor

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Folienableseautomaten? Die Position des Professors in den Hochschulstrukturen scheint geschwächt Bild: dpa

Wenn Universitäten ihre Professoren gegenüber studentischer Kritik im Stich lassen, ist das kein Zufall. Das neue Wunschbild des Dozenten, der leisetreterische Dienstleister, ist fest in den Strukturen verankert.

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          In der letzten Zeit gab es neben vielen normalen zwei prominente Fälle an deutschen Universitäten, in denen Professoren von Studenten öffentlichkeitswirksam scharf kritisiert wurden: der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler und der Konstanzer Zoologe Axel Meyer. In beiden Fällen traf es etablierte Kollegen, die sich, so unangenehm die Anfeindungen sind, zu helfen wissen und in ihrer beruflichen Existenz nicht gefährdet sind.

          Magnus Klaue hat in der F.A.Z. auf die Rolle der Studentenevaluationen hingewiesen, die anonymer Kritik einen festen Platz in der Universitätsbürokratie geben. Sobald die studentischen Urteilsbögen mitentscheidend für Berufungen, Gehalts- und Mittelbemessungen werden, können sie dramatische Wirkung entfalten. Vorab: Nichts spricht gegen wissenschaftlich fundierte Lehrevaluationen. Die Verwendung staatlicher Mittel muss überprüft werden. An vielen Universitäten erfolgt diese Evaluation aber mit zentral entwickelten Urteilsbögen. Sie orientiert sich nicht an wissenschaftlichen Kriterien, sondern am Verwaltungsakt. Abgefragt wird hier etwa, ob der Student die Lehrveranstaltung verstanden hat, aber nicht, welches Vorwissen er mitbrachte. Man will von ihm wissen, ob ihm Hörsaal und Veranstaltungstermin gefallen haben, wichtige Kontextfaktoren wie Besucherzahl und Anforderungsprofil eines Seminars bleiben dagegen außen vor. Kurz: Die Evaluation folgt dem Grundsatz Legalität vor Funktionalität. Am Ende steht eine anonyme Note, die als Machtinstrument eingesetzt wird und fast nie ihrem eigentlichen Zweck, der Verbesserung der Lehre, dient.

          Damit diese problematische Art von Fremdbenotung wirksam wird, muss sie in die Systeme für die Auswahl und Entlohnung von Professoren Eingang finden. Dies geschieht in verschiedenen Formen. Zum einen werden studentische Evaluationen bei Berufungsverfahren immer wichtiger. An nordrhein-westfälischen Fachhochschulen werden Professoren beispielsweise erst nach einem Jahr Probezeit verbeamtet, die ihre pädagogische Eignung sicherstellen soll. Über Studentenvoten können sie gekippt werden. Ein geordnetes Verfahren, das die Angemessenheit der Voten untersucht, existiert nicht. Gute Evaluationsnoten sind kein Auswahlgrund für Bewerber, schlechte aber ein Abwahlgrund, was in Kommissionen bedauernd zur Kenntnis genommen, aber nicht ernsthaft diskutiert wird.

          Studenten als Verdienstquelle

          Weil die Hochschulen die meisten ihrer „freien“ Einnahmen für Studenten beziehen, gibt es ein gemeinsames Interesse zwischen Studenten und Hochschulleitungen, das das studentische Votum enorm aufwertet. Die Universitäten erhalten pro Student Prämien von mehreren tausend Euro. Diese Zahlung muss für das gesamte Studium reichen. Die Prämie erreicht ihre höchste Effizienz, wenn die Studenten den Abschluss in Regelstudienzeiten schaffen. Für einen Masterstudenten bekommt eine Universität dreitausend Euro. Die Prämie erhöht sich nicht, wenn er länger als die vorgesehenen zwei Jahre studiert.

          Auch in der leistungsorientierten Mittelvergabe, die eine wichtige Rolle für die Budgetzuweisungen an die Fakultäten spielt, wird die Absolventenquote hoch gewichtet. Ein Beispiel: Auf ein fixes Gesamtbudget von 85,5 Prozent einer wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät in Nordrhein-Westfalen kommen 14,5 Prozent leistungsorientierte Mittelvergabe. Die Hälfte davon hängt direkt von der Absolventenzahl ab, wobei die Universitäten für Absolventen in Regelstudienzeit doppelt so viel bekommen wie für Absolventen, die länger studieren. 2012 betrug die leistungsorientierte Mittelvergabe 432 Millionen Euro von 2977 Millionen Euro Gesamtbudget der Universitäten. Geht man davon aus, dass „nur“ rund fünfzig Prozent in den Wirtschaftswissenschaften ihre Abschlüsse in der Regelstudienzeit schaffen, dann ist klar, dass jede Hochschulleitung in der Erhöhung der Regelstudienzeits-Quote eine naheliegende Einnahmequelle sieht. Die nordrhein-westfälische Landesregierung denkt etwa darüber nach, die Durchfallquoten in ingenieurwissenschaftlichen Fächern per Anordnung um zwanzig Prozent zu senken. Welchen Anreiz sollten Professoren hier noch haben, ihre Studenten zu fordern?

          Verschärft wird diese Entwicklung durch die Erhöhung der Studierquote auf nahe sechzig Prozent eines Geburtsjahrgangs. Auf politischen Wunsch werden Studenten durch das Hochschulsystem geschleust, die den Universitäten zwar Mehreinnahmen von tausend Euro pro Person einbringen, aber in der Mehrzahl weit unter dem bisherigen Begabungsdurchschnitt liegen. Wer vom Seminarinhalt wenig versteht und schlecht benotet wird, gibt wahrscheinlich auch seinem Dozent keine gute Note. Schwache Seminarqualität kann nicht nur an der Lehrleistung, sondern auch am Bildungsniveau der Studenten liegen.

          Nachgeben als Pflicht

          Die Folgen dieser Entwicklung sind besonders gut bei amerikanischen Universitäten oder bei privaten deutschen Hochschulen zu betrachten, wo Lehrevaluationen einen noch direkteren Einfluss auf die Mittelvergabe haben als an staatlichen Hochschulen. An bestimmten Privatuniversitäten ist das Fehlen einer Eins vor dem Komma im Urteilsbogen für Professoren gefährlich. Doch auch bei staatlichen Universitäten zeigen studentische Evaluationen inzwischen Wirkung, wie sich in Berlin und Konstanz an der halbherzigen oder gar verweigerten Solidarität der Universitäten mit den attackierten Professoren zeigte.

          Die disziplinierende Wirkung der studentischen Evaluation kommt schließlich auch in den Gehaltsvereinbarungen zwischen Hochschulleitung und Professoren zur Geltung. Hier werden die Urteilsbögen als Maß für die Qualität der Lehrleistung herangezogen. Das Land Brandenburg bewertet in der Verordnung über besondere Leistungsbezüge beispielsweise auch das Engagement bei der Betreuung von Studenten, bei Studienreformangelegenheiten und bei der Qualitätssicherung sowie Lehrerfolge und Lehrtätigkeiten, die über die gesetzliche Lehrverpflichtungen hinaus geleistet werden. Das alles ist zweifellos verdienstvoll. Aber auch hier werden keinerlei wissenschaftliche Kriterien für die Bewertung der Lehrqualität angegeben. Entscheidend ist die politisch korrekte Verwaltungssprache.

          Verständlich wird so, warum Kritik nur noch von altgedienten Professoren geäußert wird. Von den Marktneulingen, deren Karriere von den studentischen Bewertungen abhängt, hört man dergleichen nicht. Die Botschaft ist klar: Da Leistungsanforderungen und Studentenqualität auf politischen Wunsch weiter sinken, müssen sich die Professoren ändern. Der streitbare Ordinarius soll durch den leisetreterischen Sachbearbeiter abgelöst werden, der angstvoll seine Folien abliest. Jüngst las ich folgendes auf den Folien eines juristischen Kollegen: „Der Vortragende soll sich im Verlauf der Vorlesung möglichst eng an den Folien orientieren . . . (Es) kann nur so vermieden werden, dass die Teilnehmer den Faden verlieren . . . Ein von den Folien losgelöster Vortrag (wird) als unstrukturiert und nicht hilfreich empfunden.“

          In diesem System lohnt sich für Professoren die offene und kritische Diskussion mit den Studenten nicht mehr. Wo Nachgeben zur fiskalischen Pflicht wird, entfällt der Diskurs. Wer das als Akteur nicht sofort begreift, wird von den Universitätsleitungen daran erinnert. Die offene Debatte und der Streit um die wissenschaftliche Wahrheit, den wir heute noch sehen, wird eines Tages verschwunden sein wie eine kleine Tierart, die unseren Planeten verlassen hat.

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