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Hochschulen : Der gefesselte Professor

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Verschärft wird diese Entwicklung durch die Erhöhung der Studierquote auf nahe sechzig Prozent eines Geburtsjahrgangs. Auf politischen Wunsch werden Studenten durch das Hochschulsystem geschleust, die den Universitäten zwar Mehreinnahmen von tausend Euro pro Person einbringen, aber in der Mehrzahl weit unter dem bisherigen Begabungsdurchschnitt liegen. Wer vom Seminarinhalt wenig versteht und schlecht benotet wird, gibt wahrscheinlich auch seinem Dozent keine gute Note. Schwache Seminarqualität kann nicht nur an der Lehrleistung, sondern auch am Bildungsniveau der Studenten liegen.

Nachgeben als Pflicht

Die Folgen dieser Entwicklung sind besonders gut bei amerikanischen Universitäten oder bei privaten deutschen Hochschulen zu betrachten, wo Lehrevaluationen einen noch direkteren Einfluss auf die Mittelvergabe haben als an staatlichen Hochschulen. An bestimmten Privatuniversitäten ist das Fehlen einer Eins vor dem Komma im Urteilsbogen für Professoren gefährlich. Doch auch bei staatlichen Universitäten zeigen studentische Evaluationen inzwischen Wirkung, wie sich in Berlin und Konstanz an der halbherzigen oder gar verweigerten Solidarität der Universitäten mit den attackierten Professoren zeigte.

Die disziplinierende Wirkung der studentischen Evaluation kommt schließlich auch in den Gehaltsvereinbarungen zwischen Hochschulleitung und Professoren zur Geltung. Hier werden die Urteilsbögen als Maß für die Qualität der Lehrleistung herangezogen. Das Land Brandenburg bewertet in der Verordnung über besondere Leistungsbezüge beispielsweise auch das Engagement bei der Betreuung von Studenten, bei Studienreformangelegenheiten und bei der Qualitätssicherung sowie Lehrerfolge und Lehrtätigkeiten, die über die gesetzliche Lehrverpflichtungen hinaus geleistet werden. Das alles ist zweifellos verdienstvoll. Aber auch hier werden keinerlei wissenschaftliche Kriterien für die Bewertung der Lehrqualität angegeben. Entscheidend ist die politisch korrekte Verwaltungssprache.

Verständlich wird so, warum Kritik nur noch von altgedienten Professoren geäußert wird. Von den Marktneulingen, deren Karriere von den studentischen Bewertungen abhängt, hört man dergleichen nicht. Die Botschaft ist klar: Da Leistungsanforderungen und Studentenqualität auf politischen Wunsch weiter sinken, müssen sich die Professoren ändern. Der streitbare Ordinarius soll durch den leisetreterischen Sachbearbeiter abgelöst werden, der angstvoll seine Folien abliest. Jüngst las ich folgendes auf den Folien eines juristischen Kollegen: „Der Vortragende soll sich im Verlauf der Vorlesung möglichst eng an den Folien orientieren . . . (Es) kann nur so vermieden werden, dass die Teilnehmer den Faden verlieren . . . Ein von den Folien losgelöster Vortrag (wird) als unstrukturiert und nicht hilfreich empfunden.“

In diesem System lohnt sich für Professoren die offene und kritische Diskussion mit den Studenten nicht mehr. Wo Nachgeben zur fiskalischen Pflicht wird, entfällt der Diskurs. Wer das als Akteur nicht sofort begreift, wird von den Universitätsleitungen daran erinnert. Die offene Debatte und der Streit um die wissenschaftliche Wahrheit, den wir heute noch sehen, wird eines Tages verschwunden sein wie eine kleine Tierart, die unseren Planeten verlassen hat.

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