https://www.faz.net/-gqz-6lkzc

Der Diplom-Ingenieur kehrt zurück : Die Vernunfttat von Schwerin

In Mecklenburg-Vorpommern darf es ihn wieder geben: den international hochgeschätzten Dipl.-Ing. Bild: ddp

Bologna ist nicht der Endbahnhof von Europas Bildungsreise: Mecklenburg-Vorpommern macht mit der Autonomie der Hochschulen ernst und führt den Abschluss eines Diplom-Ingenieurs wieder ein. Und nicht nur das.

          Der Landtag von Mecklenburg-Vorpommern hat gestern mit den Stimmen von SPD und CDU das dortige Hochschulgesetz geändert. Die Universitäten und Fachhochschulen von Greifswald bis Rostock erhalten dadurch Freiheitsgrade, wie man sie sich andernorts in Deutschland nur wünschen kann. Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass Mecklenburg-Vorpommern das erste Bundesland ist, in dem die Hochschulpolitik sich gegenüber den Reformphantasien und -bürokratismen von Bologna ausdrücklich – Baden-Württemberg und Sachsen tun es ebenfalls, aber weniger demonstrativ – wieder auf den eigenen Verstand besinnt.

          Das geht über die Wiedereinführung des Diplomgrades etwa in den Ingenieursstudiengängen hinaus. Künftig müssen dort die Studiengänge auch nicht alle fünf Jahre in jenem so teuren wie informationsarmen Verfahren der „Programmakkreditierung“ überprüft werden, das bundesweit kritisiert wird. Eine „Reakkreditierung“ soll nur noch nötig sein, wenn einmal genehmigte Studiengänge gravierend geändert werden. Da gerade der Entwurf eines bundesweiten Staatsvertrages vorliegt, der wider alle Erfahrung an den Hochschulen das Gegenteil, nämlich die regelmäßige Erneutakkreditierung, vorsieht, kann man Schwerin zum Ernstmachen mit der Ländersouveränität nur gratulieren.

          Erleichterter Masterzugang

          Auch für die Studierenden enthält die Gesetzesnovelle gute Nachrichten. Ein freiwilliger Studienaufenthalt im Ausland wird nicht länger auf die Regelstudienzeit angerechnet. Welche Teile des Studiums mit einer Note versehen werden und welche dieser Noten ins Endzeugnis eingehen, wird den Hochschulen überlassen. Besonders begabte Studierende können aus dem Bologna-Prüfungskorsett, das – Stichwort „Verschulung“ – für die orientierungsschwächeren Studenten gedacht war, befreit werden. Beim Übergang vom Bachelor- zum Masterstudium kommt es in Zukunft zur Beweislastumkehr: Der Zugang zum Master wird verwehrt, wenn im Einzelfall erkennbar ist, dass das Masterprogramm nicht erfolgreich absolviert werden kann. Die Abschlussnote als pauschale Zugangshürde ist abgeschafft. Dem Bedürfnis vieler Studierenden trägt schließlich die Einführung des Teilzeitstudiums mit der Möglichkeit einer längeren Regelstudienzeit Rechnung.

          Und dazu eben das Diplom. Sturm sind Funktionäre der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) dagegen gelaufen, dass dieser Abschluss nun – SPD, CDU und Linke haben dafür, FDP und NPD dagegen gestimmt – auf Antrag von Studierenden nach achtsemestrigem Studium wieder verliehen werden kann. Am Dienstag noch meldete sich die HRK-Präsidentin mit einer in ihrer Naivität – um nicht uncharmant zu sagen: Lachhaftigkeit – unüberbietbaren Mahnung, es entstünde Verwirrung, „wenn künftig in den Bundesländern Diplome mit unterschiedlichen Ansprüchen an die erbrachten Studienleistungen ausgestellt würden“.

          Hat Frau Präsidentin schon einmal davon gehört, dass das auch für die Abiturzeugnisse in diesem Land gilt? Und für die Doktorgrade an unterschiedlichen Fakultäten? Und für Bachelorzeugnisse, sagen wir: in Cambridge und Bolton, Paris-Süd und Paris-Mitte, in Chicago, Stanford und an der Eastern Mennonite University? Oder sagen wir: in Saarbrücken, Heidelberg und Lecce?

          Ein Verwirrspiel, neu durchdacht

          Dass Gleichheit der Leistungen zu gleichen Abschlüssen führt, ist nicht nur reine Phantasie. Vom Gesichtspunkt des vielbeschworenen Wettbewerbs aus betrachtet, ist es nicht einmal wünschenswert. Doch um Wettbewerb geht es der hochschulpolitischen Reformklasse – die sich ja auch Wettbewerbe vorstellen kann, in denen angeblich niemand verliert (Exzellenzwettbewerbe) und solche, in denen alle dasselbe machen (Bologna-Profilbildung) – gar nicht. Vielmehr scheut sie die bloße Möglichkeit, dass Hochschulen künftig Studiengänge anbieten können, die funktionieren, auch wenn sie nicht oder gar weil sie nicht dem HRK-Schnittmusterbogen entsprechen. Weil man das aber nicht sagen kann, wird von einem „einmaligen Verwirrspiel“ gesprochen, das in Europa jetzt durch Schwerin entstünde. Wer ist hier denn verwirrt?

          Gewiss nicht Mathias Brodkorb, der hochschulpolitische Sprecher der SPD im Landtag, der die Novelle maßgeblich vorangetrieben hat. Ihm und seinen Mitstreitern ist bewusst, dass gerade die Bundesländer im Osten sich gedankenlose Bildungsreformen nicht leisten können. Für ihre Hochschulen ist „Profilbildung“, andernorts oft Phrase, angesichts von Demographie und Studierverhalten eine existentielle Frage. Brodkorb und die Seinen haben bewiesen, dass es sich lohnt, eine Sache zu durchdenken, auch wenn in ihr schon alles entschieden scheint.

          Weitere Themen

          Hoffnung im Angesicht der Apokalypse Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Endzeit“ : Hoffnung im Angesicht der Apokalypse

          Blutverschmierte Münder, abgehackte Gliedmaßen und Non-Stop-Action – so kennt man als geneigter Zuschauer das Zombiefilm-Genre. Wie sich der deutsche Film „Endzeit“ dagegen abhebt und warum man gerade als Nicht-Zombie-Fan den Gang ins Kino wagen sollte, erklärt F.A.Z.-Redakteur Andreas Platthaus.

          Topmeldungen

          Fed-Präsident Jerome Powell : Donald Trump und sein Buhmann

          Jerome Powell lenkt die mächtigste Zentralbank der Welt. Der Fed-Chef schlägt eine fast aussichtslose Schlacht – auch gegen seinen eigenen Präsidenten. Nun warten Anleger und Politiker in der ganzen Welt auf eine Rede von ihm.
          Der ehemalige Daimler-Chef Dieter Zetsche wird Aufsichtsrat bei Aldi Süd. Das liegt auch an seiner Freundschaft zum ehemaligen BASF-Chef Jürgen Hambrecht.

          Ehemaliger Daimler-Chef : Zetsche geht zu Aldi Süd

          Nach dem Ende seiner Karriere bei Daimler hat Zetsche einen Posten bei Aldi Süd übernommen. Wie die F.A.Z. erfahren hat, ist er schon seit Juni im Beirat des Discounters. Das hängt mit einer Männerfreundschaft zusammen.
          Sie kann für ihre Wikingerfahrt keine Mannschaft gebrauchen, der die einfachsten geographischen Grundbegriffe fehlen: Greta Thunberg.

          Klimadebatte : Gretas kindische Kritiker

          Das Kindische an der Klimadebatte ist die gespielte Naivität der Kritiker Greta Thunbergs. Der Kulturhistoriker Johan Huizinga hatte einen Begriff für solches Verhalten, mit dem eine Gesellschaft hinter ihren Möglichkeiten zurückbleibt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.