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Der Diplom-Ingenieur kehrt zurück : Die Vernunfttat von Schwerin

In Mecklenburg-Vorpommern darf es ihn wieder geben: den international hochgeschätzten Dipl.-Ing.
          3 Min.

          Der Landtag von Mecklenburg-Vorpommern hat gestern mit den Stimmen von SPD und CDU das dortige Hochschulgesetz geändert. Die Universitäten und Fachhochschulen von Greifswald bis Rostock erhalten dadurch Freiheitsgrade, wie man sie sich andernorts in Deutschland nur wünschen kann. Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass Mecklenburg-Vorpommern das erste Bundesland ist, in dem die Hochschulpolitik sich gegenüber den Reformphantasien und -bürokratismen von Bologna ausdrücklich – Baden-Württemberg und Sachsen tun es ebenfalls, aber weniger demonstrativ – wieder auf den eigenen Verstand besinnt.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

          Das geht über die Wiedereinführung des Diplomgrades etwa in den Ingenieursstudiengängen hinaus. Künftig müssen dort die Studiengänge auch nicht alle fünf Jahre in jenem so teuren wie informationsarmen Verfahren der „Programmakkreditierung“ überprüft werden, das bundesweit kritisiert wird. Eine „Reakkreditierung“ soll nur noch nötig sein, wenn einmal genehmigte Studiengänge gravierend geändert werden. Da gerade der Entwurf eines bundesweiten Staatsvertrages vorliegt, der wider alle Erfahrung an den Hochschulen das Gegenteil, nämlich die regelmäßige Erneutakkreditierung, vorsieht, kann man Schwerin zum Ernstmachen mit der Ländersouveränität nur gratulieren.

          Erleichterter Masterzugang

          Auch für die Studierenden enthält die Gesetzesnovelle gute Nachrichten. Ein freiwilliger Studienaufenthalt im Ausland wird nicht länger auf die Regelstudienzeit angerechnet. Welche Teile des Studiums mit einer Note versehen werden und welche dieser Noten ins Endzeugnis eingehen, wird den Hochschulen überlassen. Besonders begabte Studierende können aus dem Bologna-Prüfungskorsett, das – Stichwort „Verschulung“ – für die orientierungsschwächeren Studenten gedacht war, befreit werden. Beim Übergang vom Bachelor- zum Masterstudium kommt es in Zukunft zur Beweislastumkehr: Der Zugang zum Master wird verwehrt, wenn im Einzelfall erkennbar ist, dass das Masterprogramm nicht erfolgreich absolviert werden kann. Die Abschlussnote als pauschale Zugangshürde ist abgeschafft. Dem Bedürfnis vieler Studierenden trägt schließlich die Einführung des Teilzeitstudiums mit der Möglichkeit einer längeren Regelstudienzeit Rechnung.

          Und dazu eben das Diplom. Sturm sind Funktionäre der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) dagegen gelaufen, dass dieser Abschluss nun – SPD, CDU und Linke haben dafür, FDP und NPD dagegen gestimmt – auf Antrag von Studierenden nach achtsemestrigem Studium wieder verliehen werden kann. Am Dienstag noch meldete sich die HRK-Präsidentin mit einer in ihrer Naivität – um nicht uncharmant zu sagen: Lachhaftigkeit – unüberbietbaren Mahnung, es entstünde Verwirrung, „wenn künftig in den Bundesländern Diplome mit unterschiedlichen Ansprüchen an die erbrachten Studienleistungen ausgestellt würden“.

          Hat Frau Präsidentin schon einmal davon gehört, dass das auch für die Abiturzeugnisse in diesem Land gilt? Und für die Doktorgrade an unterschiedlichen Fakultäten? Und für Bachelorzeugnisse, sagen wir: in Cambridge und Bolton, Paris-Süd und Paris-Mitte, in Chicago, Stanford und an der Eastern Mennonite University? Oder sagen wir: in Saarbrücken, Heidelberg und Lecce?

          Ein Verwirrspiel, neu durchdacht

          Dass Gleichheit der Leistungen zu gleichen Abschlüssen führt, ist nicht nur reine Phantasie. Vom Gesichtspunkt des vielbeschworenen Wettbewerbs aus betrachtet, ist es nicht einmal wünschenswert. Doch um Wettbewerb geht es der hochschulpolitischen Reformklasse – die sich ja auch Wettbewerbe vorstellen kann, in denen angeblich niemand verliert (Exzellenzwettbewerbe) und solche, in denen alle dasselbe machen (Bologna-Profilbildung) – gar nicht. Vielmehr scheut sie die bloße Möglichkeit, dass Hochschulen künftig Studiengänge anbieten können, die funktionieren, auch wenn sie nicht oder gar weil sie nicht dem HRK-Schnittmusterbogen entsprechen. Weil man das aber nicht sagen kann, wird von einem „einmaligen Verwirrspiel“ gesprochen, das in Europa jetzt durch Schwerin entstünde. Wer ist hier denn verwirrt?

          Gewiss nicht Mathias Brodkorb, der hochschulpolitische Sprecher der SPD im Landtag, der die Novelle maßgeblich vorangetrieben hat. Ihm und seinen Mitstreitern ist bewusst, dass gerade die Bundesländer im Osten sich gedankenlose Bildungsreformen nicht leisten können. Für ihre Hochschulen ist „Profilbildung“, andernorts oft Phrase, angesichts von Demographie und Studierverhalten eine existentielle Frage. Brodkorb und die Seinen haben bewiesen, dass es sich lohnt, eine Sache zu durchdenken, auch wenn in ihr schon alles entschieden scheint.

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