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Der Bachelor im Test (3): Physik : Die Gängelung der motivierten Studenten

Keine Zeit mehr für nachdenkliches In-den-Himmel-Schauen, wie hier im Leibniz-Institut für Atmosphärenphysik in Kühlungsborn Bild: dpa

Es fehlt die Zeit zum Nachdenken, das Studentendasein wird als Job begriffen, und die Sorge um die Zulassung zur Master-Stufe läuft immer mit: Das Bachelor-Studium der Physik in Berlin und Frankfurt. Von Thomas Thiel.

          5 Min.

          Wer das physikalische Institut der Freien Universität Berlin (FU) betritt, wird auf eine Ergebnistafel aufmerksam, die in Form von Säulendiagrammen die Seminare des vergangenen Semesters bewertet. Studiert der Besucher die Listen genauer, so bemerkt er, dass die Kolumnen sich dort ins Negative neigen, wo Eigeninitiative der Studenten gefragt ist. Von dieser Einsicht ist es nur noch ein kleiner Schritt zu der Ansicht, die Verschulung des Physikstudiums, wie sie vor einem Jahr an der FU eingeführt wurde, eine vernünftige Sache zu finden.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Zahl der Erkenntnisinteressierten ist nach Einschätzung der dafür maßgeblichen Bildungspolitiker so gering, dass sie ihr als vernachlässigbare Größe erscheinen, die Zahl der Faulen demgegenüber so groß, dass man ihre Trägheit mit einem streng reglementierten System austreiben muss. Der Wunsch der Studenten, ernst genommen zu werden, ist dann nur noch mit boulevardesken Rankings vordergründig zu befriedigen. Im physikalischen Institut der FU besorgt dies eine weitere Liste, die Dozenten nach ihrer Beliebtheit einstuft. Nach dem französischen Soziologen Pierre Bourdieu macht eine Umfrage auch eine Aussage über denjenigen, der ihre Kriterien bestimmt.

          Erkenntnisschocks

          Wenige Meter neben der Tafel, im Aufenthaltsraum des Instituts, finden sich einige junge Studenten, die gerade mit dem neuen System Bekanntschaft schließen. Es sei ein Schock gewesen, sagt einer von ihnen, als er erkannt hätte, dass das Licht in der quantentheoretischen Beschreibung erst eine Welle, dann ein Teilchen, nein: beides irgendwie zugleich sei, dass es eine Vielzahl möglicher Beschreibungssprachen gebe, die mit der Alltagserfahrung nichts mehr zu tun hätten. Es habe gedauert, bis er sich nach diesem Erkenntnissturz wieder im praktischen Leben zurechtgefunden habe. Zur bewährten Strategie des Physikstudiums gehörte es daher, seinen Nachwuchs behutsam in die abstrakten Begriffswelten einzuführen. Diese Zeit wird ihm, so der Physikprofessor Jürgen Bosse, mit der Einführung des Bachelor-Studiums weniger zur Verfügung stehen.

          Den grundlegenden Irrtum der Reform sieht Bosse in ihrem bürokratischen Exzess. Nachdem Politiker die Universität schlecht und damit reif für eine Reform geredet hätten, hätten sie ihr wahres Anliegen verwirklichen können: nicht mehr nur dreißig Prozent wie bisher, sondern künftig mindestens vierzig Prozent eines Jahrgangs den Hochschulzugang zu ermöglichen. Dem physikalischen Institut, das folglich viele neue Lehrstühle hätte bekommen müssen, um die gestiegenen Ansprüche an die Lehre zu kompensieren, wurden in den vergangenen zwanzig Jahren jedoch zwanzig Professuren gestrichen. Schlimmer noch: Eigener Erfahrung folgend hätten Bürokraten eine Vierzig-Stunden-Woche auf das Physikstudium übertragen, ohne die Semesterferien einzuberechnen. Als Ergebnis dieser Fehlkalkulation müssen sich die heutigen Physikstudenten durch eine Sechzig-Stunden-Woche kämpfen. Wann ihnen Zeit zum selbständigen Denken bleibt, ist ein Einwand, der bürokratischer Logik fremd ist.

          Allgemeine Planlosigkeit

          Genommen sei dem Physiker die Zeit fürs nachdenkliche In-den-Himmel-Schauen, was seinem Verwalter ohnehin als Faulenzertum verdächtig schien. Vergessen wir für einen Augenblick, dass die Physik auch damit anfing, den Himmel zu betrachten, und dass Newton die Gesetze der klassischen Mechanik aus der Himmelsphysik ableitete, die ihm die Abstraktion von der irdischen Welt mit ihren unzähligen Sinneseindrücken erlaubte. Vergessen wir auch, dass für die Verinnerlichung multidimensionaler Räume die Zeit eine wichtige Rolle spielt. Fragen wir uns lieber, wie ein theoretischer Physiker seine hochabstrakten Ideenräume weiterentwickeln soll, wenn er gleichzeitig eine um ein Vielfaches gewachsene Zahl von Studenten betreut? Auch das Denken kann ein harter Job sein. Die neuen Studenten, sagt Bosse, sprächen längst von ihrem Studium als einer Art Job. Mehr um ihre Noten bekümmert, die sie für den Master qualifizieren, als um die freie Erkenntnis, hetzten sie durch ein rigides System, das ihnen kaum Wahlfreiheit belasse, und bibberten vor jeder Prüfung, als wäre die Note das Allesentscheidende.

          Auf dem Universitätscampus Riedberg, der sich als massiver Komplex im Nordwesten Frankfurts abhebt, lichtet sich die Perspektive wieder etwas. Noch graut der Morgen um das modernistische Gebäude des physikalischen Instituts, zwischen der Gerätschaft aus Transformatoren, Magneten und Kondensatoren fertigen die Teilnehmer eines physikalischen Anfängerpraktikums mit der Kuriosität der Novizen Diagramme und Graphen. Ihr Gruppenleiter, ein Doktorand, beklagt die allgemeine Planlosigkeit, die nach der Umstellung auf den Bachelor, der vor zweieinhalb Jahren in Frankfurt vollzogen wurde, immer noch herrsche. Weder Dozenten noch Studenten seien auf die Umstellung ausreichend vorbereitet worden. Ist es nur das normale Anfangschaos der Anlaufphase?

          Pause über Rechenpapieren

          So groß seien die Änderungen im Vergleich zum Diplomstudium nicht, räumt der Gruppenleiter ein, an Lehrinhalten gehe wenig verloren. Seine Kritik richtet sich vor allem auf die Bachelor- und Masterarbeit, die mit drei beziehungsweise zwölf Monaten deutlich zu kurz angesetzt seien und auf diese Zeitspanne reduziert weder der physikalischen Forschung noch dem Studenten etwas brächten. Aus der Erfahrung des Diplomanden wisse er, dass zwei Jahre die Mindestdauer seien, um sinnvoll zu forschen. Schon die Experimentalkonfiguration nehme oft über ein Jahr in Anspruch.

          Einen enormen Anstieg der Arbeitsbelastung durch das Bachelorstudium kann er hingegen nicht erkennen. Auch zu Zeiten des Diploms sei eine Sechzigstundenwoche keine Ausnahme gewesen. Der Bachelor sei daher vor allem unnötig, weil die Physik auch vorher schon sehr strenge Selektionsmechanismen ins Vordiplom eingefügt und viele früh zu der Einsicht gezwungen hätte, an der falschen Fakultät eingeschrieben zu sein. Allein die wöchentlichen Mathematikaufgaben seien ein probates Auslesekriterium gewesen. Tatsächlich scheint die Disziplinarmaßnahme des Bachelors auf ein traditionell arbeitsintensives Fach wie die Physik, das über überdurchschnittlich viele intrinsisch motivierte Studenten verfügt, nicht zugeschnitten. Deutlich wird dies im Studentencafé, wo der Kaffee nur ein Getränk ist und die Studenten ihre Pausenzeit tief über ihre Rechenpapiere gebeugt verbringen.

          Keine Qualifikation für die Forschung

          Die Bachelorstudenten klagen über den extremen Druck, der von Beginn auf ihnen laste. Es ist auffällig, dass auch sie als Zweitsemester den Blick schon auf die Forschung gerichtet haben und eine mögliche Karriere in der Wirtschaft oder Industrie höchstens als Verlegenheitslösung zulassen. Durch den strengen Notendurchschnitt von 2,5 fürchten sie nun um die Perspektive gebracht zu werden, zum Masterstudium überhaupt zugelassen zu werden. Wer sich für den Master nicht qualifiziere, klagt ein theorieinteressierter Bachelor-Aspirant, würde von der Quantenfeldtheorie, der sein Hauptinteresse gelte, in seinem gesamten Studium nichts erfahren. Es gingen eben doch Lehrinhalte verloren oder blieben denjenigen vorbehalten, die den Sprung über die hohe Hürde der Masterzulassung schaffen. Den „Scheiternden“ bleibe ein unsicherer Ausblick auf die Industrie, die mit dem Bachelorabschluss noch wenig anzufangen wisse. Als Qualifikation für die Forschung tauge der Bachelor eindeutig nicht.

          Aus der Erfahrung, dass in ihrer ersten Klausur zwei Drittel der Teilnehmer durchgefallen seien, ist der Gedanke an den Notendurchschnitt ständiger Begleiter der Bachelorstudenten und stimmt sie selten zuversichtlich. Die ständigen Klausuren, die der neue Plan vorsieht, sind ihnen als Zusatzbelastung schon allein deshalb unwillkommen, weil die Zeit für die wöchentlich zu erledigenden Rechenaufgaben viel zu knapp kalkuliert sei. Pilotkunden nennt man in Frankfurt die frühen Bachelorstudenten, die mit den Mängeln der Betaphase zu kämpfen haben, die sich im Laufe der Jahre jedoch beheben lassen sollten.

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