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Der Bachelor im Test (3): Physik : Die Gängelung der motivierten Studenten

Auf dem Universitätscampus Riedberg, der sich als massiver Komplex im Nordwesten Frankfurts abhebt, lichtet sich die Perspektive wieder etwas. Noch graut der Morgen um das modernistische Gebäude des physikalischen Instituts, zwischen der Gerätschaft aus Transformatoren, Magneten und Kondensatoren fertigen die Teilnehmer eines physikalischen Anfängerpraktikums mit der Kuriosität der Novizen Diagramme und Graphen. Ihr Gruppenleiter, ein Doktorand, beklagt die allgemeine Planlosigkeit, die nach der Umstellung auf den Bachelor, der vor zweieinhalb Jahren in Frankfurt vollzogen wurde, immer noch herrsche. Weder Dozenten noch Studenten seien auf die Umstellung ausreichend vorbereitet worden. Ist es nur das normale Anfangschaos der Anlaufphase?

Pause über Rechenpapieren

So groß seien die Änderungen im Vergleich zum Diplomstudium nicht, räumt der Gruppenleiter ein, an Lehrinhalten gehe wenig verloren. Seine Kritik richtet sich vor allem auf die Bachelor- und Masterarbeit, die mit drei beziehungsweise zwölf Monaten deutlich zu kurz angesetzt seien und auf diese Zeitspanne reduziert weder der physikalischen Forschung noch dem Studenten etwas brächten. Aus der Erfahrung des Diplomanden wisse er, dass zwei Jahre die Mindestdauer seien, um sinnvoll zu forschen. Schon die Experimentalkonfiguration nehme oft über ein Jahr in Anspruch.

Einen enormen Anstieg der Arbeitsbelastung durch das Bachelorstudium kann er hingegen nicht erkennen. Auch zu Zeiten des Diploms sei eine Sechzigstundenwoche keine Ausnahme gewesen. Der Bachelor sei daher vor allem unnötig, weil die Physik auch vorher schon sehr strenge Selektionsmechanismen ins Vordiplom eingefügt und viele früh zu der Einsicht gezwungen hätte, an der falschen Fakultät eingeschrieben zu sein. Allein die wöchentlichen Mathematikaufgaben seien ein probates Auslesekriterium gewesen. Tatsächlich scheint die Disziplinarmaßnahme des Bachelors auf ein traditionell arbeitsintensives Fach wie die Physik, das über überdurchschnittlich viele intrinsisch motivierte Studenten verfügt, nicht zugeschnitten. Deutlich wird dies im Studentencafé, wo der Kaffee nur ein Getränk ist und die Studenten ihre Pausenzeit tief über ihre Rechenpapiere gebeugt verbringen.

Keine Qualifikation für die Forschung

Die Bachelorstudenten klagen über den extremen Druck, der von Beginn auf ihnen laste. Es ist auffällig, dass auch sie als Zweitsemester den Blick schon auf die Forschung gerichtet haben und eine mögliche Karriere in der Wirtschaft oder Industrie höchstens als Verlegenheitslösung zulassen. Durch den strengen Notendurchschnitt von 2,5 fürchten sie nun um die Perspektive gebracht zu werden, zum Masterstudium überhaupt zugelassen zu werden. Wer sich für den Master nicht qualifiziere, klagt ein theorieinteressierter Bachelor-Aspirant, würde von der Quantenfeldtheorie, der sein Hauptinteresse gelte, in seinem gesamten Studium nichts erfahren. Es gingen eben doch Lehrinhalte verloren oder blieben denjenigen vorbehalten, die den Sprung über die hohe Hürde der Masterzulassung schaffen. Den „Scheiternden“ bleibe ein unsicherer Ausblick auf die Industrie, die mit dem Bachelorabschluss noch wenig anzufangen wisse. Als Qualifikation für die Forschung tauge der Bachelor eindeutig nicht.

Aus der Erfahrung, dass in ihrer ersten Klausur zwei Drittel der Teilnehmer durchgefallen seien, ist der Gedanke an den Notendurchschnitt ständiger Begleiter der Bachelorstudenten und stimmt sie selten zuversichtlich. Die ständigen Klausuren, die der neue Plan vorsieht, sind ihnen als Zusatzbelastung schon allein deshalb unwillkommen, weil die Zeit für die wöchentlich zu erledigenden Rechenaufgaben viel zu knapp kalkuliert sei. Pilotkunden nennt man in Frankfurt die frühen Bachelorstudenten, die mit den Mängeln der Betaphase zu kämpfen haben, die sich im Laufe der Jahre jedoch beheben lassen sollten.

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