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Der Bachelor im Test (2): VWL : Erst nur schlucken, gedacht wird später

Man sitzt in einer Denkschule, Argumente gibt es später Bild: ddp

Volkswirtschaft als Bachelor-Studiengang: Geht das? Und was ist anders als früher, wenn man VWL nun in sechs Semestern abhandelt? In der zweiten Folge der Bachelor-Serie wirft Jürgen Kaube einen Blick auf die Freie Universität Berlin.

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          Manche Studiengänge sind von den Bologna-Reformen der deutschen Universität mehr betroffen als andere. Alle Fächer beispielsweise, die es bislang weitgehend den Studierenden überlassen hatten, welche Proseminare und Vorlesungen in welcher Abfolge sie sich zutrauten: Philosophie, Germanistik, Kunstgeschichte. In den Bachelorstudiengängen ist die Wahlfreiheit radikal reduziert worden. Stark betroffen sind auch kleine Fächer, denen es nun oft nicht einmal mehr gelingt, einen eigenständigen Studiengang auf die Beine zu stellen. Denn für jeden Semesterjahrgang muss nun ein volles Programm angeboten werden. Vorlesungen also, die sich an das erste so gut wie an das vierte Semester wenden, sind nicht mehr vorgesehen. Stark betroffen sind schließlich auch Disziplinen, denen es schwerfällt, ein bisher acht- bis zehnsemestriges Pensum auf sechs Semester herunterzukürzen: Sinologie, viele Ingenieursfächer, Geschichte.

          Das alles sei dem Bericht über ein Fach vorausgeschickt, das auf den ersten Blick mit der Umstellung auf den Bachelor-Abschluss überhaupt keine Probleme hat: die Volkswirtschaftslehre. Zu unserem Lokaltermin sind wir dahin gegangen, wo wir vor zwanzig Jahren studiert haben, an die Freie Universität Berlin und an ihren wirtschaftswissenschaftlichen Fachbereich. Und wir haben, um es gleich zu sagen, abgesehen vom Lehrkörper, fast alles unverändert vorgefunden.

          Gewiss hört man jetzt in der Cafeteria Russisch, die Anzeigetafel mit den Lehrveranstaltungen funktioniert inzwischen elektronisch, zeigt dafür aber nur die Termine der nächsten vier Stunden an und nicht einmal die alle richtig. Auch andere Fortschritte sind festzuhalten: Es ist sauberer geworden, die Lehrstühle stellen sich adrett in Glaskästen vor, im Eingangsbereich werden Kreditkarten für Studenten verkauft, und der Tafelanschrieb scheint - sofern die sieben Veranstaltungen, die wir besucht haben, nicht völlig unrepräsentativ waren - abgeschafft. Ansonsten aber hatten wir nach ein paar Minuten in den Einführungsübungen und -vorlesungen sofort wieder jenes Grundstudiumsgefühl der achtziger Jahre.

          Um Verständnis geht es hier nicht, jedenfalls nicht im Bachelor-Studiengang VWL: die FU Berlin

          Aber es geht nicht um Verstehen

          Der Bologna-Reform wird vorgehalten, die Verschulung des Studiums zu betreiben. Das wäre unsere letzte Beschwerde, denn wer würde sich an einer guten Schule stören? Wer Volkswirtschaft studiert, kennt von jeher zunächst einmal gar nichts anderes. Im Grundstudium gab es, im Bachelorstudium gibt es so gut wie keine Seminare. Stattdessen Vorlesungen und Übungen, die die Vorlesungen wiederholen. Man muss sich dieses Studium in seinen ersten Semestern als Ritual vorstellen. Es dient der Einübung ins Knappheitsdenken, in die Logik der nächstbesten Alternative, in die Gleichgültigkeit gegenüber nichtbeeinflussbaren Kosten und in den Glauben an Rationalität in ihrer anspruchslosesten Variante. Man sitzt in einer Denkschule und hat insofern auch Anteil an einer Denkverschulung.

          Es werden immer wieder dieselben Begriffe erläutert, dieselben Kurven gezeichnet, dieselben Argumente inwendig gelernt: Grenznutzen, Faktorausgleich, Gleichgewicht, Wanderung entlang der Kurve im Unterschied zu Wanderung der Kurve selbst, Effizienz. Die sehr bemühte Tutorin der Übung „Einführung in die Volkswirtschaftslehre“ im Henry Ford Bau der FU streift gut ein Dutzend solcher Konzepte in zwei Stunden - weil es auch der Professor getan hat, der um Punkt 8 Uhr die fraglos langweiligste Vorlesung des Universums damit bestreitet, in zehn Minuten von der Lohnquote auf die funktionale Einkommensverteilung, von dort auf die Inflation und von da zum Unterschied von Wachstum und Konjunktur zu kommen. Die Studenten stellen mitunter Zwischenfragen, an die man anknüpfen könnte. Aber es geht nicht um Verstehen und nicht einmal um ein Gefühl für ökonomisches Denken, sondern um das Abarbeiten und Eintrichtern eines Lexikons.

          Studienwahl nach Vorurteil

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