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Big History : Wenn Historiker zu den Sternen greifen

Gabriel von der Max: „Sintflut“ Bild: Städtische Galerie im Lenbachhaus, München

Wem die Globalgeschichte zu provinziell ist, der greife zu Big History. Sie erweitert den Blick auf die Menschheitsgeschichte, vom Urknall bis in die fernste Zeit.

          5 Min.

          Verdichtete Gegenwart weitet die Aufmerksamkeit. Es ist populär geworden, im Gleitflug über die Zeiten der Vergangenheiten zu schweben. Das „History Manifesto“ des Harvard-Historikers David Armitage forderte von seiner Zunft eine Geschichte der großen Ideen. Fachfremde erfüllten das Desiderat. Der Psychologe Steven Pinker mit seiner umstrittenen These von der sinkenden Gewalt in der Geschichte oder der Geograph Jared Diamond mit seinen Ausführungen darüber, warum Zivilisationen bleiben oder untergehen. Beide Male Geschichte im Erklärgestus, unter große, streitbare Thesen gespannt und nach Erfolgsprinzipien befragt. Der Fachhistoriker misstraut dem großen Radius.

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          Andere wählen den noch größeren. Big History, seit den neunziger Jahren im Entstehen, wenn man nicht bis zu Alexander von Humboldts „Kosmos“ zurückgehen will, bedient ein populäres Interesse. Der israelische Militärhistoriker Yuval Noah Harari wurde mit seinen Vorlesungen zur Geschichte der Menschheit über Nacht zum Youtube-Star. David Christian, dem Großmeister der Metadisziplin, rannten Studenten die Tür ein, als er sein Standardwerk „Maps of Time“ an der australischen Macquarie University als Vorlesung anbot.

          Der Funke sprang über den Ozean, als Bill Gates die jüngst in Deutschland erschienene DVD-Version in den Rekorder schob, als kognitives Begleitprogramm für sein tägliches Laufbandtraining. Begeistert griff er zum Telefon, um Christian für seine umstrittenen Ambitionen im amerikanischen Bildungssystem zu gewinnen. Big History steht heute auf den Lehrplänen von über fünfzig amerikanischen Colleges. Es gibt eine eigene Fakultät an der University of Southern Maine, im Netz lässt das Big History Project freie digitale Lehrmodule kursieren. Und noch sehen wir erst den Beginn des Eroberungszugs, geht es nach Gates, dem seine historische Exkursion einen stattlichen Anteil seines Vermögens wert ist.

          Der Rahmen der Natur

          In Fachkreisen ist Big History umstritten. Ihr faustischer Anspruch gilt als naiv. Dass sie nicht historisch-kritisch vorgeht, sondern den Synthesen von Physikern, Paläontologen, Biologen blind vertraut, wird von ihren Protagonisten offen eingestanden. Großhistoriker sind Elstern, die zusammenklauben, was sie in fremdem Nestern finden. Methodisch ist die Big History damit etwas Drittes, keine direkte Konkurrenz zur Fachwissenschaft. Auch keine unmittelbare Fortsetzung der Global- und Weltgeschichte, als die sie gelegentlich verstanden wird. Die jugendliche Freude am Großen wird von der Sicherheit kompensiert, ein Publikum auch andernorts zu finden.

          Im History Channel läuft derzeit eine zehnteilige Serie, die sich an Christians Konzept orientiert. Von der Dritten Kultur um den Verleger John Brockman wurden der Energetiker Christian und der Asket Harari mit offenen Armen empfangen. Christian durfte seine Mission dem begeisterten Auditorium der kalifornischen Ted-Talks vortragen. Hier schloss sich der Schaltkreis zu den Weltverbesserungsträumen der kalifornischen Ideologie. Big History transportiert auch eine ethische und anthropologische Botschaft. Was ist der Mensch, in welchem Rahmen bewegt er sich? Fragen dieser Art ergeben sich wie von selbst, wenn man ihn in die kosmische Optik stellt.

          David Christian bettet ihn in einen vierfachen Rahmen: vom Urknall über die Geburt der Sterne, die Entstehung der Erde und das Leben auf ihr. Mittlere Zäsuren bilden die kognitive und die landwirtschaftliche Revolution. Die Skala wird mit fortlaufender Zeit dichter. Der Mensch tritt erst nach der Hälfte auf und nimmt trotzdem deutlich mehr Platz ein, als im paritätisch zustünde. Reiche, Revolutionen, Schlachten sind Randnotizen auf diesem Parcours. Kein Mensch erhebt sich zu historischer Größe, es sei denn, er ist, wie Darwin oder Newton, der Erfinder eines Prinzips. Die letzte, kleinere Zäsur ist die wissenschaftliche Revolution.

          Das fragile Gleichgewicht des Lebens

          Hier setzt Harari seine Pointe, dass der Homo sapiens mit der Wissenschaft die Frage nach dem Sinn aus den Augen verlor, und sich welthistorisch auf eine abschüssige Bahn begab. Menschheitsgeschichte ist bei Harari eine tragikomisch eingefärbte Episode der Weltgeschichte. Nach zehntausend Jahren löst sich die Konstanz des Homo sapiens auf. Die Zukunft mündet im Amoklauf eines vom Kapitalkreislauf rastlos getriebenen Prothesenmenschen, geformt nach den Gewinninteressen monopolistischer Räuberbanden. Bei Christian fällt die teleologische Spekulation vorsichtiger aus. Das kollektive Lernen schafft den Ausgleich angesichts ökologischer Gefahr.

          Christian erzählt Big History als Geschichte wachsender Komplexität, in der sich der Mensch, selbst eine der komplexeren, fragileren Formen, nur durch diverse Distanzformen behauptet: symbolische Notation, Triangulation der Zeit, kollektives Lernen. Der zweibeinige Gang schafft die Freiheit zum Werkzeuggebrauch. Die kosmischen Ingredienzen sind kurz nach dem Urknall schon da. Aus sterbenden Sternen bilden sich chemische Elemente und die ersten komplexen, stabilen Strukturen. Aus der Sonne, selbst eine durch Gravitation verdichtete Staubwolke, spaltet sich die Erde ab.

          Der naturgeschichtliche Rahmen steigert das Kontingenzbewusstsein. Erst als die flüchtigen Gase durch die zunehmende Gravitation stabiler wurden, konnte sich eine Atmosphäre bilden. Die Erde, zunächst kohlendioxidrot gefärbt, wäre nicht erblaut, hätte sich nicht der aufgestiegene Wasserdampf über Millionen Jahre hinweg in sintflutartigen Regenfällen auf der erkaltenden Erdkruste zu Ozeanen sammeln können. Das fragile Gleichgewicht des Lebens ist das Faszinosum der Großhistoriker: Der Planet musste in idealem Abstand zum Zentralgestirn kreisen, die Körper durften sich nicht zu langsam und nicht zu schnell bewegen, damit aus flüssigem Wasser das erste Leben entstehen konnte.

          Naturgesetze der Geschichte

          Der Mensch betrat die Bühne als energetischer Parasit, der sich die Photosyntheseprodukte von Pflanzen und Bakterien aneignet. Bei Harari ist er ein großer Überwältiger, der bei seinem Raubzug über die Kontinente eine Fauna und Flora nach der anderen erledigt. Es dauert aufreizend lange, bis er als zivilisierter Hominide in Erscheinung tritt. Und noch dann bleibt er fest in den Rahmen der Natur eingebunden. Ohne die von der Kontinentaldrift geschaffenen afrikanischen Täler, die sich als Jagdgründe nutzen ließen, wären wir vielleicht heute noch nomadische Sammler. Wenn in diesem Fall noch von Wir zu sprechen ist.

          Big History unterstreicht den Einfluss der Natur auf den Menschen. Aufgerüstet mit den Methoden der modernen Naturwissenschaften, mit Radiokarbondatierung, DNA-Analyse und neuen archäologischen Funden, öffnet sie einen teleskopischen Blick auf die historischen Zeiten vor der schriftlichen Überlieferung. Die gesuchte Nähe zur exakten Wissenschaft streift den Szientismus. David Christian wird von William McNeill, dem Doyen der Weltgeschichte, als Darwin und Newton seiner Zunft gehuldigt, als wäre es das Gleiche, die fließende Natur unter ein Prinzip zu ordnen und vorhandene Wissensstränge zu einer Erzählung zu verbinden. Der so Geehrte greift selbst zur naturalistischen Vorlage, wenn er mit einem social law of gravity kokettiert. Die evolutiven Muster sorgen für schrille Effekte, wenn sie auf die Kulturgeschichte übertragen werden. An der feineren Abstimmung wird sich entscheiden, ob Big History dichteren Kontakt zur Fachgeschichte findet.

          Das Erzählmuster der Big History ist pointiert und gelegentlich robust. Harari wurde dafür kritisiert, wie lakonisch er den Zusammenbruch des Kommunismus abhakte. Man habe die Koffer gepackt und sei gegangen, als wäre damit Entscheidendes über die welthistorische Stunde gesagt. Christian, der sich mit russischer Alltagsgeschichte befasste, bevor er sich kosmisch erweiterte, stellt sich in die Tradition von Nietzsches Perspektivismus, abzüglich dessen existentieller Erschütterung, und der französischen Annales-Schule. Der Blick richtet sich auf langfristige Strukturen statt auf einzelne Ereignisse. Aus dem sukzessive verdichteten Weltfragment soll am Ende ein moderner Schöpfungsmythos gehoben werden. Auch Harari, ein gewandter, suggestiver Erzähler, bedient die mythische Formel: Geschichte wird von diversen Mythen angetrieben, die offenbar nur nützliche Fiktionen sind, solange sie nicht vom wissenschaftlichen Verstand scharf gestellt werden, dessen welthistorische Konsequenz Harari wiederum kritisiert.

          Andächtig lauschen wir dem Großen, in der Ahnung seiner letzten Konsequenz. Kosmische Vanitas-Lektionen sind nicht nur für menschenfreundliche Software-Milliardäre in der Tretmühle attraktiv. Die „Zeit“ schreibt von einer Weltraum-Pornographie im späten TV-Programm, die den Bewohner des verdichteten Planeten wachsend interessiert. Im kosmischen Maßstab ist das Urteil zwar gesprochen. Doch bis dahin bleibt Zeit. Die Sonne wird die irdischen Meere in vier bis fünf Milliarden Jahren aufkochen und später selbst erkalten. Den Rest des Universums gibt es noch eine Weile, bis es, so will es der zweite thermodynamische Hauptsatz, marode wird und in sich zusammenbricht. Historiker, die es dann nicht mehr geben wird, müssen sich vorher darauf verständigen, wie das, was gewesen sein wird, zu bewerten ist.

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