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Positive Diskriminierung : Buntheit ist unbesehen pädagogisch wertvoll

Von der Black-Lives-Matter-Bewegung sprang der Antirassismus-Kampf auf die Universitäten über. Der Hochschulzugang für ethnische Minoritäten ist leichter geworden. Bild: dpa

Kehrtwende des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten: Die strenge Prüfung der Gründe für positive Diskriminierung bei der Auswahl von Studienbewerbern steht nur noch auf dem Papier.

          Seit dem zweiten Schuljahr träumte Abigail Fisher davon, an der University of Texas in Austin zu studieren. Ihr Vater hatte die Staatsuniversität in der Hauptstadt des Bundesstaats besucht, ebenso ihre ältere Schwester. „Es war eine Tradition, die ich fortsetzen wollte“, sagte sie in einem Videofilm, den ihre Anwälte drehen ließen. Sie engagierte die Anwälte, weil ihr die Fortsetzung der Tradition verwehrt wurde. Das College ihrer Träume lehnte ihre Bewerbung ab. Laut der Klage, die sie vor den Bundesgerichten erhob: weil sie weißer Hautfarbe ist.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Den besten zehn Prozent der Absolventen jeder texanischen Highschool garantiert ein texanisches Gesetz einen Studienplatz an der Staatsuniversität ihrer Wahl. Die Universität in Austin füllt die verbleibenden Plätze in einem Verfahren, das die Gewichtung der ethnischen Herkunft eines Bewerbers im Rahmen einer Gesamtwürdigung seiner Persönlichkeit erlaubt. Darf die Rasse („race“) ein Kriterium bei der Zuteilung von Studienplätzen im öffentlichen Hochschulwesen sein, oder verletzt ihre Berücksichtigung auch dann das Gleichbehandlungsgebot der Bundesverfassung, wenn sie als positive Diskriminierung („affirmative action“) zum Ausgleich von Benachteiligungen gedacht ist? Der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten hat sich zu dieser Frage zweimal grundsätzlich geäußert, 1978 und 2003. Beide Male hing der Ausgang an einer einzigen Richterstimme.

          Republikanisches Ideal der Elite als Spiegelbild der Bevölkerung

          In normlogischer Terminologie sprach das Gericht ein Verbot mit Erlaubnisvorbehalt aus. Rassische Klassifikationen gelten per se als verdächtig. Nur ein zwingendes öffentliches Interesse kann ausnahmsweise rechtfertigen, Bürger nach der Hautfarbe zu sortieren. Das Gericht hat anerkannt, dass eine multirassisch zusammengesetzte Studentenschaft ein solcher überragender Gemeinwohlzweck sein kann. Ein Anspruch des einzelnen Kandidaten folgt nur sekundär aus dem Ideal der „rassischen Vielfalt“, von der unterstellt wird, dass alle Studenten von ihr profitieren, wie von anderen Spielarten der Buntheit. Akademische Bildung, so die Prämisse, entsteht nicht allein in der Auseinandersetzung mit Gegenständen, sondern auch durch die Konfrontation mit Kommilitonen mit anderen Ansichten und fremden Erfahrungshintergründen.

          Dieser politisch verstandenen „liberal education“ wird auch ein gesellschaftlicher Nutzen zugeschrieben: Gerade den hochselektiven Institutionen, aus denen sich der Führungsnachwuchs des Landes rekrutiert, wird die Option eingeräumt, Qualifikation nicht nur formal zu definieren. Dem republikanischen Ideal der Elite als Spiegelbild der Bevölkerung müssen sich die Eliteuniversitäten allerdings ohne Rückgriff auf das Hauptinstrument der Bildungsplanung annähern: Sie dürfen ihre Zielvorgaben in der Form von Aufnahmequoten formulieren. Das Verfahren muss so sehr individualisiert werden, dass der Einwand der Bevorzugung einer Gruppe sich erledigt.

          Starke Abneigung gegen Gruppenprivilegien

          2006 schied Sandra Day O’Connor, die 2003 das Zünglein an der Waage gewesen war, aus dem Obersten Gerichtshof aus. Mit ihrem Nachfolger Samuel Alito gab es unter den neun Oberrichtern nach allseitiger Vermutung eine latente Mehrheit für ein rigoroses Verständnis des Prinzips der Farbenblindheit der Staatstätigkeit. Ein konservativer Aktivist, der auch im Bereich des Wahlrechts mit juristischen Mitteln gegen Institute des Minderheitenschutzes vorgeht, wählte Abigail Fisher als Klägerin eines Musterprozesses aus. Als ihr Fall 2013 den Supreme Court erreichte, hatte sie an der Louisiana State University inzwischen ein Studium der Finanzwissenschaft abgeschlossen.

          Das Gericht schob das dritte Grundsatzurteil noch einmal hinaus, indem es die Sache an die unteren Instanzen zurückverwies. Mit der überraschend deutlichen Mehrheit von sieben Stimmen gegen eine wurden die Kriterien für die Unbedenklichkeit des Bezugs auf Rassenzugehörigkeit im Zulassungsverfahren verschärft. Der pädagogische Wert einer vielfarbigen Studentenschaft darf demnach nicht einfach behauptet, sondern muss nachgewiesen werden. Ebenso müssen die Gerichte überprüfen, ob der gleiche Zweck nicht auch mit „rassisch neutralen“ Mitteln erreicht werden kann. Autor der Mehrheitsmeinung war Anthony Kennedy, der seit dem Rücktritt von Sandra Day O’Connor die strategische Mittelposition im ideologischen Spektrum der Richterbank einnimmt und 2003 eine abweichende Meinung abgegeben hatte. Kennedy hat einen hochempfindlichen Begriff von der Freiheit des Individuums. Gruppenprivilegien sind ihm zuwider.

          Kennedy gegen Kennedy

          Im Dezember 2015 kehrte der Fall Fisher an den Obersten Gerichtshof zurück. Nach der neuerlichen mündlichen Verhandlung wurde mit einem Urteil zugunsten der Klägerin gerechnet. Der erzkonservative Richter Antonin Scalia sorgte für Empörung, indem er laut darüber nachdachte, ob der Unterricht in Austin für die meisten Schwarzen nicht womöglich „zu schnell“ sei. Er knüpfte an empirische Untersuchungen zu den psychologischen Konsequenzen der „affirmative action“ an, wie sie Richard Sander von der University of California in Los Angeles anhand der Juristenausbildung vorgenommen hat. Der These von der strukturellen Überforderung der Begünstigten wird von anderen Bildungsforschern widersprochen. Der einzige Schwarze im Gericht, Clarence Thomas, lehnt vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen an der Yale Law School alle gruppenbezogenen Fördermaßnahmen als demütigend ab.

          Scalia ist am 13. Februar verstorben. Bei Stimmengleichstand im Gericht hätte die Klageabweisung durch die Vorinstanz Bestand gehabt. Allerdings hatte die liberale Richterin Elena Kagan sich für befangen erklärt, weil sie als Generalstaatsanwältin der Obama-Regierung mit dem Fall befasst gewesen war. Am Donnerstag wurde das Urteil verkündet. Es erging wieder mit einer Stimme Unterschied, aber Kennedy, der in 28 Jahren Zugehörigkeit zum Gericht noch nie für ein Programm der umgekehrten Diskriminierung gestimmt hatte, schlug sich auf die Seite der Liberalen. Die von Kennedy verfasste Urteilsbegründung umfasst 20 Seiten, das Sondervotum von Samuel Alito 51. Alito kann über weite Strecken Kennedy gegen Kennedy zitieren. Er wirft dem Kollegen vor, nun genau jenen förmlichen Respekt gegenüber den unbelegten Wertungen der Universität zu praktizieren, den er den unteren Instanzen vor drei Jahren untersagt hatte.

          Universitäten als Labore sozialer Experimente

          Warum muss die Universität bei der Vergabe der frei zu besetzenden Plätze die Rasse der Kandidaten überhaupt in Betracht ziehen, wenn ihr Ziel Vielfalt im Sinne der Anwesenheit einer gewissen Zahl von Schwarzen auf dem Campus ist? Dieses Ziel wird durch die Studienplatzgarantie für das beste Zehntel der Absolventen jeder Highschool schon erreicht. Alito zitiert aus den Schriftsätzen der Universität das Argument, dass von diesem gesetzlichen Programm die Kinder der schwarzen Mittelschicht nicht profitierten, die als Brückenbauer zwischen den Rassen besonders gut geeignet seien, da sie Stereotype widerlegten.

          Wie Alito festhält, bestätigt die Universität damit ein böses Stereotyp über die Absolventen der überwiegend von Minderheiten beschickten Schulen: dass sie nichts Ordentliches geleistet hätten, weil sie sich nicht mit Weißen hätten messen müssen. Verklausuliert ermuntert Kennedy die Universität, im Teich der wohlhabenden Minderheitsfamilien zu fischen, wenn er feststellt, die Verfassung zwinge die Hochschulen nicht, zwischen einer vielfältigen Studentenschaft und dem Ruf akademischer Exzellenz zu wählen.

          Kennedy will die Universität nicht förmlich von der Rechenschaft über ihre Auswahlentscheidungen entlasten. Pathetisch postuliert er, sie habe zum Thema Rassenintegration etwas „zu lernen und zu lehren“. Mit einem Zitat von Louis Brandeis, einem Heros der liberalen Richtertradition, erklärt er die Universitäten zu Laboren sozialer Experimente. Hochschulen wie der University of Texas mangelt es aber in eigener Sache an Experimentierfreude. Sie wollen Praktiken bewahren, die sie für bewährt halten, und empfinden Transparenz als lästig. Der richterliche Ruf nach Experimenten ist in dieser Lage nur die Ankündigung fortgesetzter Rechtsunsicherheit.

          Als Bannerträgerin der Mittelmäßigen verspottet

          Mit einem Zitat aus einem Urteil von 1950 beschwört Kennedy die ungreifbaren Eigenschaften einer Universität, „die objektiver Messung nicht zugänglich sind, aber Größe ausmachen“. Das Urteil, das ebenfalls die University of Texas betraf, zählte einige dieser Eigenschaften auf: Reputation des Lehrkörpers, Einfluss der Alumni, Tradition und Prestige. Die Universität wurde damals verpflichtet, einen schwarzen Bewerber zum Jurastudium zuzulassen, da die vom Staat Texas eingerichtete parallele Law School für Schwarze selbst bei objektiv gleicher Ausstattung keine gleichwertige Ausbildung hätte bieten können.

          Ein Studium im Kreis handverlesener Kommilitonen verschafft Lebensvorteile. Auch die scheinbar nicht bezifferbaren Erträge akademischer Sozialisation wollte das Gericht 1950 den Maßstäben rechtsstaatlicher Verteilungsgerechtigkeit unterwerfen. Mit denselben Wendungen räumt Kennedy heute den Hochschulbeamten das Recht ein, sich eine Studentenschaft nach ihrem Geschmack zusammenzustellen. Abigail Fisher, im Internet als Bannerträgerin der Mittelmäßigen verspottet, passte nicht nach Austin.

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