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Buchhandel & Online-Dienste : Bildungsverbohrtes Zeter und Mordio

  • -Aktualisiert am

Der stationäre Buchhandel mag verschwinden, doch es entsteht etwas Neues. Bild: dpa

Nie war der Zugang zu Texten so einfach und schnell wie heute: Eine Antwort auf die Amazon-Schelte des Heidelberger Germanisten Roland Reuß.

          Roland Reuß schreibt vom Unbehagen, das die digitale Welt der Texte auslöst, und prophezeit den Untergang der Bildung. Er tut dies aus seiner Perspektive einer heilen Welt lange vor der Kommunikationsbeschleunigungsmaschine Internet. Er warnt vor den Monopolen der internationalen Online-Texthändler wie Amazon, Apple oder Google und registriert voll Schrecken die Krise des stationären Buchhandels. Am bezeichnenden Beispiel illustriert Reuß die Gefahr: Nach dem Verschwinden eines Heidelberger Buchhändlers könne die dreibändige Ausgabe der „Fragmente der Vorsokratiker“ von Diels/Kranz nicht mehr im Laden, und also ohne fachkundige Beratung eines Buchhändlers, angefasst und haptisch begutachtet werden, bevor man sich zum - wie er selbst einräumt - teuren Kauf entscheidet. Das durch Buchhändler vorrätig gehaltene Angebot an philosophischer Literatur ist in Heidelberg geschrumpft: Läden schließen, Regale werden marktkonformer ausgestattet.

          Heidelberg ist überall, denken die Leser, und es ist ja auch fast alles wahr, was Reuß in der realen Welt beobachtet. Nur, warum erzürnt er sich so? Er verlangt, künftige Buchhändler sollten die Betriebsberater wegschicken und - allein aus Sendungsbewusstsein - für das im Buch „Fleisch gewordene Wort“ handeln. Meint er das ernst? Und wieso schimpft er auf die Bibliothekare, die zu „IT-Fanatikern“ geworden seien, nur weil es „sexy“ sei? Ihm behagt nicht, dass die Universitätsbibliothek seiner Universität Einträge im Katalog auch auf Amazon verlinkt. Sicher liegt seine Studienzeit länger zurück, aber kann Roland Reuß sich gar nicht mehr daran erinnern, wie dringend in manchen Studienphasen ein Literaturwunsch werden konnte, wie quälend das Warten auf die Fernleihe war und wie umständlich das Recherchieren in fremden Katalogen?

          Das digitale Buch führt Neugierige zur Literatur

          Heute will man die Zugauskunft und den Wetterbericht sofort und aktuell auf das Smartphone oder den Laptop zaubern, und warum nicht auch bibliographische Informationen oder gar die Texte selbst, in direkter Lieferung oder als Zugang online? Alle deutschen Universitätsbibliotheken versuchen derzeit den Spagat, das Gedruckte und das digital Verfügbare gleichermaßen fix an die Leser zu liefern. Das kann (etwa in Leipzig) durch die Möglichkeit nutzergesteuerter Erwerbung oder durch Links auf freie Textinhalte (etwa bei Google-Bücher) geschehen. Es gibt viele Wege zum Text, die meisten kann man heute schon online begehen. Der akademischen Welt kommt das zugute. Wissenschaft will nicht warten, und buchfixierte Bildungsträume hatten mit einer gelebten Medienkultur schon immer nur am Rande zu tun.

          Der E-Book-Reader - eine „Killing Machine“?

          Wer böse Absichten überall da wittert, wo Geschäftssinn herrscht und Leserbedürfnisse befriedigt werden, der muss das wunderbare Instrument namens E-Book-Reader, das es in vielen Formaten gibt, wohl als „killing machine“ bezeichnen. Dieser düstere Blick blendet aus, was damit an Bequemlichkeit und Komfort, ja an Vergnügen für die Leser verbunden ist. Es hat etwas Exorzistisches, wenn die Geräte verteufelt werden, mit denen Neugierige zur Literatur finden, nur weil die Hersteller in traditionell verlegerischer Haltung auf guten Umsatz achten. Das Lesen auf E-Book-Readern oder Pads hat gewiss eine Zukunft - neben dem Lesen des auf Papier gedruckten Buchs. Reuß aber sieht nur „eine lange Liste negativer Signale“, meinend: Es geht alles irgendwie den Bach runter.

          Das Internet bietet viele nützliche Möglichkeiten

          Nützt es wirklich, alten Gewohnheiten hinterherzutrauern, oder ist das nur eine weitere Stimme im Chor jammernder Bildungsbürger mit einer gewissen Scheu vor dem Bildschirm? Es klingt so hoffnungslos wehmütig, was der Heidelberger Professor schreibt, wenn es um Bücher geht, dass man zur Vermutung neigt, er habe selbst das Lesen aufgegeben und hüte nur noch seine private Bibliothek. Was die sich verändernden Verhältnisse unserer Schreib- und Lesekultur angeht, ist er blind. Die Gleichzeitigkeit von Druck- und Netzkultur ist heute ein Tatbestand jedes intellektuellen Engagements. Wer an der Philosophie der Vorsokratiker interessiert ist, kann die von Reuß erwähnte Ausgabe von Diels/Kranz nun in zwei Gestalten genießen. So findet man die Erstausgabe aus dem Jahr 1903 im Volltext bei archive.org - Vorteil für den kundigen Nutzer des Internet! Die letzte gedruckte Ausgabe des Werkes stammt von 1951, war damals die sechste Auflage und findet sich nachgedruckt bei Weidmann 2005, angeboten für stolze 218 Euro - Nachteil für die minderbemittelte Studentenbörse!

          Erste Vermutung: Nicht sehr viele Professoren nutzen die neuen Angebote der Retrodigitalisierung und weisen die Studierenden auf die ganze Bandbreite der Anbieter von archive.org bis zeno.org hin. Zweite Vermutung: Nicht sehr viele Studierende wissen, dass wissenschaftlich wertvolle Editionen häufig noch im Druck konsultiert werden müssen. Der Klick in irgendein Netz, weil es sonst so einfach ist, führt gerade die Literaturhungrigen oft in die Irre, mit der gelegentlichen Folge der Desinformation. So konnte es zu Beginn der Katalogdigitalisierung in den neunziger Jahren passieren, dass Goethes Werke in Ausgaben des achzehnten und neunzehnten Jahrhunderts in die Lesesäle bestellt wurden, weil deren bibliographische Angaben ins neue digitale Format konvertiert waren, die jüngerer Ausgaben aber nicht.

          Barrierefreier Zugang zu Texten

          Wo sind heute die Texte? Hier wie dort, in den Regalen wie in den digitalen Archiven, lautet die Antwort, und diese Auskunft über die momentane Gemengelage sollte durchaus Taten veranlassen. Bibliotheken sind dabei, kostenpflichtige wie freie Textangebote in ihren Katalogen anzuzeigen, die umso erfolgreicher funktionieren, je eher sie nicht nur „ihre“, das heißt vornehmlich lokale Kataloge sind. Verlage sind dabei, ein einheitliches Angebot sowohl im Druck wie auf digitalen Plattformen zu entwickeln. Und überall dazwischen arbeiten öffentliche Fördergelder in Europa und Stiftungsvermögen in den Vereinigten Staaten daran, möglichst viele Barrieren abzubauen, die den Zugang zu Texten behindern.

          Die Retrodigitalisierung macht auch die Inhalte längst vergriffener Bücher verfügbar.

          Seit kurzem ist unter deutsche-digitale-bibliothek.de ein Kulturportal deutscher Provenienz im Probebetrieb, im April geht die Digital Public Library of America (dp.la) online, eine direkte Antwort auf Googles Digitalisierungsprojekt. Solche explizit aus „öffentlichem“ Interesse motivierte Projekte zu fördern, könnte auch Anliegen von Akademikern sein, die sich als Autoren mit Open-Access-Modellen der Publikation auseinandersetzen und sich als fachgeschulte Leser für eine Erhöhung des Bibliotheksetats einsetzen sollten.

          Traditionelle Kultur verschwindet, aber Neues entsteht

          Auch könnte es neue Modelle der kooperativen Textarbeit geben, wie es einige Projekte nahelegen, die unter weltbibliothek-digital.de aufgeführt sind. Gerade in den Geisteswissenschaften gibt es enorme Chancen für einen „digitalen Humanismus“, der die Möglichkeiten der elektronischen Textverschränkung nutzt, die weit über die gedruckter Textseiten hinausgehen. Wie die Technik des Buchdrucks Jahrhunderte brauchte, bevor sie für alle Gesellschaftsschichten bildungsrelevant wurde, so werden die Techniken der digitalen Welt eine lange Zukunft haben, die nur eben jetzt beginnt. Zeter und Mordio zu schreien angesichts von Forschern und Lesern, die relevante Inhalte digital kommunizieren, ist lächerlich. Besser wäre ein genauer Blick auf die sich verändernden Verhältnisse, der darin auch Chancen erkennt, mindestens aber die, welche bereits genutzt werden.

          Was mit den Buchläden vor unseren Augen langsam verschwindet, ist in der Tat Teil einer traditionellen Kultur der Kommunikation über textgebundene Inhalte. Aber dieses Verschwinden ist nicht ohne Kontext. Was gleichzeitig mit den Netz-Texten entsteht, sind zusätzliche neue Qualitäten der Produktion, Rezeption und Zirkulation eben jener Inhalte. Die digitale Kommunikationskultur ist bereits vorhanden, sie wird in online verbundenen Kreisen und virtuellen Gemeinschaften eingeübt, wo sich Textliebhaber neu definieren können.

          Wem es um das Wissen geht und die Qualität von Bildung, wird die jetzt bereits formierte Zirkulations- und Nutzungskultur der Texte nicht zugunsten einer irgendwie idyllischen Lesekultur negieren dürfen. Wer heute etwas Gescheites lesen will, ist freier als je zuvor, dorthin zu finden.

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