https://www.faz.net/-gqz-7718t

Buchhandel & Online-Dienste : Bildungsverbohrtes Zeter und Mordio

  • -Aktualisiert am

Erste Vermutung: Nicht sehr viele Professoren nutzen die neuen Angebote der Retrodigitalisierung und weisen die Studierenden auf die ganze Bandbreite der Anbieter von archive.org bis zeno.org hin. Zweite Vermutung: Nicht sehr viele Studierende wissen, dass wissenschaftlich wertvolle Editionen häufig noch im Druck konsultiert werden müssen. Der Klick in irgendein Netz, weil es sonst so einfach ist, führt gerade die Literaturhungrigen oft in die Irre, mit der gelegentlichen Folge der Desinformation. So konnte es zu Beginn der Katalogdigitalisierung in den neunziger Jahren passieren, dass Goethes Werke in Ausgaben des achzehnten und neunzehnten Jahrhunderts in die Lesesäle bestellt wurden, weil deren bibliographische Angaben ins neue digitale Format konvertiert waren, die jüngerer Ausgaben aber nicht.

Barrierefreier Zugang zu Texten

Wo sind heute die Texte? Hier wie dort, in den Regalen wie in den digitalen Archiven, lautet die Antwort, und diese Auskunft über die momentane Gemengelage sollte durchaus Taten veranlassen. Bibliotheken sind dabei, kostenpflichtige wie freie Textangebote in ihren Katalogen anzuzeigen, die umso erfolgreicher funktionieren, je eher sie nicht nur „ihre“, das heißt vornehmlich lokale Kataloge sind. Verlage sind dabei, ein einheitliches Angebot sowohl im Druck wie auf digitalen Plattformen zu entwickeln. Und überall dazwischen arbeiten öffentliche Fördergelder in Europa und Stiftungsvermögen in den Vereinigten Staaten daran, möglichst viele Barrieren abzubauen, die den Zugang zu Texten behindern.

Die Retrodigitalisierung macht auch die Inhalte längst vergriffener Bücher verfügbar.

Seit kurzem ist unter deutsche-digitale-bibliothek.de ein Kulturportal deutscher Provenienz im Probebetrieb, im April geht die Digital Public Library of America (dp.la) online, eine direkte Antwort auf Googles Digitalisierungsprojekt. Solche explizit aus „öffentlichem“ Interesse motivierte Projekte zu fördern, könnte auch Anliegen von Akademikern sein, die sich als Autoren mit Open-Access-Modellen der Publikation auseinandersetzen und sich als fachgeschulte Leser für eine Erhöhung des Bibliotheksetats einsetzen sollten.

Traditionelle Kultur verschwindet, aber Neues entsteht

Auch könnte es neue Modelle der kooperativen Textarbeit geben, wie es einige Projekte nahelegen, die unter weltbibliothek-digital.de aufgeführt sind. Gerade in den Geisteswissenschaften gibt es enorme Chancen für einen „digitalen Humanismus“, der die Möglichkeiten der elektronischen Textverschränkung nutzt, die weit über die gedruckter Textseiten hinausgehen. Wie die Technik des Buchdrucks Jahrhunderte brauchte, bevor sie für alle Gesellschaftsschichten bildungsrelevant wurde, so werden die Techniken der digitalen Welt eine lange Zukunft haben, die nur eben jetzt beginnt. Zeter und Mordio zu schreien angesichts von Forschern und Lesern, die relevante Inhalte digital kommunizieren, ist lächerlich. Besser wäre ein genauer Blick auf die sich verändernden Verhältnisse, der darin auch Chancen erkennt, mindestens aber die, welche bereits genutzt werden.

Was mit den Buchläden vor unseren Augen langsam verschwindet, ist in der Tat Teil einer traditionellen Kultur der Kommunikation über textgebundene Inhalte. Aber dieses Verschwinden ist nicht ohne Kontext. Was gleichzeitig mit den Netz-Texten entsteht, sind zusätzliche neue Qualitäten der Produktion, Rezeption und Zirkulation eben jener Inhalte. Die digitale Kommunikationskultur ist bereits vorhanden, sie wird in online verbundenen Kreisen und virtuellen Gemeinschaften eingeübt, wo sich Textliebhaber neu definieren können.

Wem es um das Wissen geht und die Qualität von Bildung, wird die jetzt bereits formierte Zirkulations- und Nutzungskultur der Texte nicht zugunsten einer irgendwie idyllischen Lesekultur negieren dürfen. Wer heute etwas Gescheites lesen will, ist freier als je zuvor, dorthin zu finden.

Weitere Themen

„It Must Be Heaven“ Video-Seite öffnen

Trailer : „It Must Be Heaven“

„It Must Be Heaven“ ist eine französisch-kanadische Komödie aus dem Jahr 2019 von Elia Suleiman. Der Film kämpft in Cannes um die Goldene Palme.

„All my Loving“ Video-Seite öffnen

Trailer : „All my Loving“

„All my Loving“ ist der neue Film von Edward Berger und zeigt drei Geschwister, die an einem Punkt angelangt sind, an dem sie schnell etwas verändern müssen, bevor die zweite Hälfte ihres Lebens beginnt.

Topmeldungen

Wahlkampfhilfe aus Thüringen: Ministerpräsident Bodo Ramelow greift Kristina Vogt, Spitzenkandidatin der Linken in Bremen, bei einem Wahlkampftermin im kleinen Stadtstaat unter die Arme.

Die Linke in Bremen : Fundamentalopposition war einmal

In Bremen wird gewählt, und die Linkspartei könnte hier erstmals im Westen an einer Regierung beteiligt werden. Dafür gibt sich die Partei staatstragend – doch wie hält sie es mit der Haushaltskonsolidierung in der verschuldeten Hansestadt?
Bernd Lucke (l) und Hans-Olaf Henkel im Juli 2014 auf einer AfD-Pressekonferenz in Berlin

FAZ Plus Artikel: Karriereende : Die AfD-Opas in Brüssel

„Die Landschaft ist voller älterer Männer, die denken, ohne sie geht’s nicht“, sagt AfD-Mitgründer Hans-Olaf Henkel. Mit der Europawahl verlassen die letzten Abgeordneten aus der Gründergeneration der Partei das Europaparlament. Was bleibt?
Russischer Präsident Putin: Nach Einschätzung der EU hat vor der Europawahl keine „massive, besonders hervorstechende Kampagne wie bei der amerikanischen Präsidentenwahl 2016“ stattgefunden

Desinformationskampagnen : EU hält sich für besser geschützt

Eine Sondereinheit des Auswärtigen Dienstes in Brüssel beobachtet russische Medien. Sie hat keinen großangelegten Angriff vor der Europawahl ausgemacht – und sieht Fortschritte im Kampf gegen Manipulationsversuche.

Bayern-Sieg im DFB-Pokal : Geballte Münchner Klasse

Nach dem Meistertitel in der Fußball-Bundesliga sichert sich der FC Bayern nun das Double. Die Münchner setzen sich im Pokalfinale gegen RB Leipzig durch. Vorstandschef Rummenigge bestätigt anschließend: Trainer Kovac bleibt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.