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Buchhandel & Online-Dienste : Bildungsverbohrtes Zeter und Mordio

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Erste Vermutung: Nicht sehr viele Professoren nutzen die neuen Angebote der Retrodigitalisierung und weisen die Studierenden auf die ganze Bandbreite der Anbieter von archive.org bis zeno.org hin. Zweite Vermutung: Nicht sehr viele Studierende wissen, dass wissenschaftlich wertvolle Editionen häufig noch im Druck konsultiert werden müssen. Der Klick in irgendein Netz, weil es sonst so einfach ist, führt gerade die Literaturhungrigen oft in die Irre, mit der gelegentlichen Folge der Desinformation. So konnte es zu Beginn der Katalogdigitalisierung in den neunziger Jahren passieren, dass Goethes Werke in Ausgaben des achzehnten und neunzehnten Jahrhunderts in die Lesesäle bestellt wurden, weil deren bibliographische Angaben ins neue digitale Format konvertiert waren, die jüngerer Ausgaben aber nicht.

Barrierefreier Zugang zu Texten

Wo sind heute die Texte? Hier wie dort, in den Regalen wie in den digitalen Archiven, lautet die Antwort, und diese Auskunft über die momentane Gemengelage sollte durchaus Taten veranlassen. Bibliotheken sind dabei, kostenpflichtige wie freie Textangebote in ihren Katalogen anzuzeigen, die umso erfolgreicher funktionieren, je eher sie nicht nur „ihre“, das heißt vornehmlich lokale Kataloge sind. Verlage sind dabei, ein einheitliches Angebot sowohl im Druck wie auf digitalen Plattformen zu entwickeln. Und überall dazwischen arbeiten öffentliche Fördergelder in Europa und Stiftungsvermögen in den Vereinigten Staaten daran, möglichst viele Barrieren abzubauen, die den Zugang zu Texten behindern.

Die Retrodigitalisierung macht auch die Inhalte längst vergriffener Bücher verfügbar.

Seit kurzem ist unter deutsche-digitale-bibliothek.de ein Kulturportal deutscher Provenienz im Probebetrieb, im April geht die Digital Public Library of America (dp.la) online, eine direkte Antwort auf Googles Digitalisierungsprojekt. Solche explizit aus „öffentlichem“ Interesse motivierte Projekte zu fördern, könnte auch Anliegen von Akademikern sein, die sich als Autoren mit Open-Access-Modellen der Publikation auseinandersetzen und sich als fachgeschulte Leser für eine Erhöhung des Bibliotheksetats einsetzen sollten.

Traditionelle Kultur verschwindet, aber Neues entsteht

Auch könnte es neue Modelle der kooperativen Textarbeit geben, wie es einige Projekte nahelegen, die unter weltbibliothek-digital.de aufgeführt sind. Gerade in den Geisteswissenschaften gibt es enorme Chancen für einen „digitalen Humanismus“, der die Möglichkeiten der elektronischen Textverschränkung nutzt, die weit über die gedruckter Textseiten hinausgehen. Wie die Technik des Buchdrucks Jahrhunderte brauchte, bevor sie für alle Gesellschaftsschichten bildungsrelevant wurde, so werden die Techniken der digitalen Welt eine lange Zukunft haben, die nur eben jetzt beginnt. Zeter und Mordio zu schreien angesichts von Forschern und Lesern, die relevante Inhalte digital kommunizieren, ist lächerlich. Besser wäre ein genauer Blick auf die sich verändernden Verhältnisse, der darin auch Chancen erkennt, mindestens aber die, welche bereits genutzt werden.

Was mit den Buchläden vor unseren Augen langsam verschwindet, ist in der Tat Teil einer traditionellen Kultur der Kommunikation über textgebundene Inhalte. Aber dieses Verschwinden ist nicht ohne Kontext. Was gleichzeitig mit den Netz-Texten entsteht, sind zusätzliche neue Qualitäten der Produktion, Rezeption und Zirkulation eben jener Inhalte. Die digitale Kommunikationskultur ist bereits vorhanden, sie wird in online verbundenen Kreisen und virtuellen Gemeinschaften eingeübt, wo sich Textliebhaber neu definieren können.

Wem es um das Wissen geht und die Qualität von Bildung, wird die jetzt bereits formierte Zirkulations- und Nutzungskultur der Texte nicht zugunsten einer irgendwie idyllischen Lesekultur negieren dürfen. Wer heute etwas Gescheites lesen will, ist freier als je zuvor, dorthin zu finden.

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