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Hochschulpolitik : Auszug des Geistes aus den britischen Universitäten

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Spaßig wünscht man sich die britischen Geisteswissenschaftler, doch hier ist es ihnen ernst: Protest gegen Studiengebühren in London Bild: Getty

Mit Hochdruck betreibt die britische Bildungspolitik die Austreibung der Geisteswissenschaften aus den Hochschulen. Geschätzt werden sie noch als Vorlage für Fernsehfilme.

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          Im Jahr 2006 bat das Alumni-Magazin der Universität Cambridge den Literaturwissenschaftler Stefan Collini, einen Beitrag für die Serie „Don’s Diary“ zu verfassen. Normalerweise nutzen Autoren diese Bitte, um spendierfreudige Ehemalige von der Bedeutung der eigenen Disziplin zu überzeugen. Collini wählte ein anderes Sujet: „Samstagmorgen gejätet (E-Mails), Empfehlungsschreiben verfasst und einen Protokollentwurf des Meetings vom Donnerstag. Als Nächstes auf dem Stapel liegt eine Anfrage für einen Bericht über die Tätigkeit einer Berufungskommission, deren externes Mitglied ich war - ein absolut überflüssiges Dokument, verlangt im Namen einer deplazierten Vorstellung von ,Rechenschaft‘. Fühle mich wie die zermürbte, überarbeitete mittlere Führungskraft eines unterfinanzierten Betriebs: Frage mich, was aus jugendlichen Träumen von intellektueller Begeisterung und literarischem Glanz geworden ist.“

          An einem sommerlichen Abend zehn Jahre nach dem ernüchternden Tagebucheintrag sieht Collini immer noch nicht aus wie ein frustrierter Angestellter. Groß und hager sitzt er, umgeben von sehr vielen Büchern, nicht wenigen Polstermöbeln und keinem Telefon, in seiner Wohnung am Rand von Cambridge. Aber seine Stimmung ist nicht besser. Collini ist einer der schärfsten Kritiker der Bürokratisierung und Vermarktlichung der britischen Hochschulpolitik und einer der glühendsten Verteidiger der Geisteswissenschaften. In der „London Review of Books“ hat er unermüdlich Gesetzesentwürfe, Weißbücher und „unabhängige Berichte“ analysiert.

          Bildung im Griff der Ökonomie

          So auch die „Browne Review“ von 2009, eine von der Labour-Regierung in Auftrag gegebene Untersuchung über die Zukunft der Universität. Vom ehemaligen British-Petrol-Geschäftsführer Lord Browne verfasst, empfahl diese Studie, den jährlichen „Block Grant“ von etwa 3,9 Milliarden Pfund auszusetzen, mit dem bis dahin die Lehre an Universitäten unterstützt worden war, und gab den Anstoß für den dramatischen Anstieg der Studiengebühren von rund dreitausend auf neuntausend Pfund. Für Collini war dies ein unmissverständliches Signal für eine Neudefinition der Universität: weg von der Idee höherer Bildung als öffentlichem, staatlich finanziertem Gut, hin zur marktgesteuerten Universität.

          Dass Wissenschaftler in Großbritannien noch mehr als in anderen Ländern angehalten sind, die Effizienz ihrer Forschung zu messen und den Mehrwert ihrer Lehre zu demonstrieren, begründet man besonders gerne mit der „modernen Welt“. Kurz bevor er jungen Historikern ihre Zeugnisse übergab, verkündete Patrick Johnston, Vizekanzler der Universität von Belfast, in einem Interview in diesem Mai, die Gesellschaft brauche „keinen 21-jährigen, auf das sechste Jahrhundert spezialisierten Historiker“. Man müsse überlegen, wie man junge Menschen nach zurückliegenden Mittelkürzungen für die Anforderungen der modernen Welt wappne. Auch Soziologie und Anthropologie seien nicht mehr „relevant“ genug, weshalb man sie künftig nur noch in Kombination mit anderen Fächern studieren könne.

          Der Business-Jargon solcher Einlassungen kommt nicht von ungefähr. Bis Juli war in Großbritannien das Department for Business, Innovation and Skills für die Hochschulpolitik zuständig, zu dessen Aufgabengebieten auch der Weltraum, das Postwesen und der Wettbewerb gehören. Inzwischen wird die höhere Bildung vom Department of Education verwaltet. Theresa Mays neue Bildungsministerin Justine Greening absolvierte erst ein Studium der Volkswirtschaftslehre, dann einen MBA an der London Business School und arbeitete vor ihrer politischen Karriere bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Price Waterhouse Coopers.

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