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Britische Hochschulen : Am Boden zerstört, doch nicht hoffnungslos

  • -Aktualisiert am

Das Werben der Wissenschaft blieb ungehört: Großbritannien verlässt die EU Bild: AFP

Die britischen Hochschulen hatten wie kaum eine andere Institution für den Verbleib in der EU geworben. Nach dem Brexit suchen sie die europäische Integration aus eigener Kraft.

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          Die Mail der Rektorin, die am Freitag um 11:17 Uhr bei allen Studenten und Beschäftigten der Universität Oxford landete, fing mit dem Satz an, der bislang für Mondlandung und Mauerfall reserviert war: „I think we will always remember where we were when we received news of the results of yesterday’s referendum.“ Mir wird tatsächlich vor Augen bleiben, wie wir uns nach einer von den Germanistik-Studenten ausgerichteten dramatischen Lesung des mittelalterlichen Juttenspiels mit einer anglo-deutsch gemischten Gruppe durch die Lieder des englischen Komikerduos „Flanders & Swan“ sangen und gerade bei dem „Song of Patriotic Prejudice“ angelangt waren, als kurz vor Mitternacht das erste Wahlergebnis hereinkam: Newcastle hatte nur ganz knapp für den Verbleib in der EU gestimmt, obwohl eine deutliche Mehrheit vorausgesagt worden war. Die Stimmung kippte, alle starrten auf die Handy-Bildschirme mit der Live-Berichterstattung des BBC und verzogen sich nach Hause.

          Als wir uns am nächsten Morgen mit der gleichen Bonn-Oxforder Gruppe zu einem Workshop zu historischen Drucktechniken in der Bodleian Library wiedersahen, schlug sich die Stimmung auch in den Setzübungen nieder. Die Studenten wandelten spontan die Datumsangabe auf „on the day Brexit“ ab, und Naomi, Studentin im zweiten Studienjahr, ersetzte ihren Nachnamen durch „does not like the English“.

          Stimmungsmache gegen Experten

          Die Oxforder Germanistikstudenten hatten nicht nur alle für den Verbleib in der EU gestimmt, sondern auch aktiv unter ihren Kommilitonen geworben. Mit enormer Anstrengung wurde eine Aufholjagd betrieben. Die Universitäten wurden zum Hauptmotor der „Remain“-Kampagne. Ein offener Brief aller Universitätsrektoren unterstützte energisch den Verbleib. Die Lobbyarbeit prominenter Akademiker, angeführt von Stephen Hawking, und Kampagnen in den Sozialen Medien unterfütterten die Kampagne mit Daten und Fakten. Die Mühe hatte sich bei der Zielgruppe gelohnt. So gut wie alle Universitätsstädte votierten für die EU, vor allem sprachen sich 75 Prozent der 18- bis 24-Jährigen für den Verbleib aus.

          Aber es reichte nicht aus. Die 635.000 Stimmen, die den Ausschlag für den Ausstieg gaben, kamen von den ältesten Wählern, die einer Rhetorik folgten, die auf Nostalgie nach einem verschwundenen Weltreich setzte. Viele Kommentatoren stellten mit Bitterkeit fest, dass Großbritannien von der Generation aus der EU geführt wird, die selbst von der europäischen Stabilität profitiert hat und jetzt nicht mehr die Konsequenzen tragen muss. Bedenklich stimmt besonders, dass alle Argumente aus Wissenschaft, Kultur und Politik nur als elitäre Expertenmeinung wahrgenommen wurden.

          Entsprechend betroffen war die gesamte akademische Gemeinschaft nicht nur über das Ergebnis, sondern auch über die hasserfüllten Reaktionen, die während der Kampagne ans Tageslicht kamen. Die Vokabeln, die in Mails und Gesprächen im Kollegium am häufigsten fielen, waren „bereavement“ (Trauer über den Verlust), „devastation“ (Gefühl, am Boden zerstört zu sein) und „utter disbelief“ (komplette Fassungslosigkeit). Was aber noch stärker als Wut und Trauer aus allen Beiträgen sprach, war „determination“, eine geradezu wilde Entschlossenheit, jetzt erst recht die europäische Zusammenarbeit hochzuhalten.

          Zwei Integrationspfeiler wanken

          Der eingangs zitierte Brief der Oxforder Rektorin Louise Richardson führt das klar aus. Obwohl das Ergebnis nicht dem politischen Votum der Universität entsprach, setzt sich Richardson dafür ein, die Interessen all derer zu vertreten, die in Großbritannien studieren, arbeiten und mit britischen Forschern kooperieren. So wie das ruhige Urteil des Bankenchefs am Morgen zur Entspannung der Lage beitrug, setzte die Oxforder Rektorin wie viele ihrer Amtskollegen darauf, dass es keinerlei unmittelbare oder automatische Änderungen bei dem Aufenthaltsstatus für EU-Bürger gibt und die EU-Programme zumindest im Moment weiterlaufen.

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