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Brasilianische Universitäten : Wie stampft man einen Riesen aus dem Boden?

Allein an dieser Zahl freilich wird deutlich, wie dünn die Spitze der Exzellenz in dem Riesenland ist. Aber nicht nur dort. Von den inzwischen knapp 26 500 Postdoktoranden und Professoren, die die Stiftung mit ihren strikten Exzellenzkriterien als Spitzenforscher fördert und ein akademisches Leben lang in ihrem weltumspannenden Netzwerk begleitet, entfallen nicht einmal neunhundert auf ganz Mittel- und Südamerika. In den offiziellen internationalen Rankings, dem Shanghai-Ranking beispielsweise, sucht man südamerikanische Universitäten vergeblich unter den top hundert.

Quantität statt Qualität

In Brasilien konzentrierte sich vor dem Aus- und Aufbau Dutzender neuer öffentlicher und privater Hochschulen jenseits von São Paulo fast alles auf die größte Stadt des Landes. An der Universität von São Paulo, mit mehr als 90 000 Studenten neben Buenos Aires eine der „Megahochschulen“ der Welt, arbeiten mittlerweile mehr als sechstausend Professoren - doch nur ein Bruchteil davon, hundertfünfzig, wird geschätzt - forschen tatsächlich. Und das halbherzig und unter teils noch miserablen Bedingungen. Die meisten Professoren unterrichten lediglich. Ihr Lehrdeputat freilich ist gewaltig. „Brasilien hat eine große Infrastruktur geschaffen, es hat Hörsäle gebaut, aber der Schwerpunkt lag nicht auf der Qualität der Forschung“, sagt Helmut Schwarz. Er, der große Chemiker, der im Jahr 2008 die Präsidentschaft der Humboldt-Stiftung übernommen hat, sieht durchaus wie andere Forschungsmanager das Potential Brasiliens als Forschungsriese. Er hadert jedoch wie manche seiner brasilianischen Kollegen mit dem Belohnungssystem. Gefördert wird, was Masse bringt. Das hat Tradition. Weil das wachsende Heer der Studenten an den Universitäten versorgt sein will, wurden Jungakademiker zu Professoren berufen, die nicht einmal ein halbes Jahr im Ausland studiert oder im Extremfall nicht einmal eine Promotionsarbeit angefertigt hatten.

So florieren zwar Stipendienprogramme wie „Wissenschaft ohne Grenzen“, die von der brasilianischen Regierung im Jahr 2013 ins Leben gerufen wurden, damit brasilianische Studenten Englisch, Spanisch oder neuerdings immer öfter auch Deutsch lernen, um sie schließlich auch ins Ausland zu schicken. Allerdings vergisst man dabei das, was Schwarz das „Qualitätselement“ in der Förderung nennt. Henrique Carlos de Brito Cruz, der Chef der brasilianischen Forschungsorganisation FAPESP, kritisierte als Gast der Humboldtianer öffentlich die offizielle Hochschulpolitik: „Exzellenz ist in Brasilien ein bewegliches Ziel.“ Mit anderen Worten: Forschung wird nach Gutsherrenart gemanagt. Gefördert wird, was gerade gewollt ist. „Heute sind es besonders Quantitäten. Wir achten auf die Zahl der Paper, aber wir lesen sie nicht.“ Er sähe es lieber, wenn nicht Zehntausende Studenten ins Ausland geschickt, sondern echte Forschungskooperationen mit ausländischen Spitzeninstituten vorangetrieben würden.

Desolates Bildungssystem

Dass das Potential dafür zumindest grundsätzlich vorhanden ist, machte beim Humboldt-Kolloquium Andreas Trepte von der Max-Planck-Gesellschaft deutlich, der von ein paar Dutzend Forschungskooperationen und über Gastwissenschaftler und „Max-Planck-Partner“ an brasilianischen Hochschulen berichtete. Doch das alles sieht heute - wenn man die Größe und wachsende politische Bedeutung Brasiliens ins Kalkül zieht, noch immer nach wenig mehr als Entwicklungsarbeit aus.

Der schlafende Forschungsriese Brasilien steht sich auch nach dem Start diverser Wissenschaftsinitiativen und Universitäts-Neugründungen in den letzten anderthalb Jahrzehnten noch immer selbst im Weg. Die Berufungspolitik ist wie eh intransparent, die „Old-Boys-Networks“ beherrschen das System. Und die Politik ist überfordert mit einem weiterhin desolaten öffentlichen Bildungssystem, mit schlecht bezahlten Lehrern, miserabel ausgestatteten und verwalteten Instituten und mit gewaltigen Korruptionsskandalen, die das Land erschüttern. Wie in diesem Milieu ein stärkeres Bewusstsein für Talente gedeihen soll, glauben derzeit nur die zu wissen, die sich den Wettbewerb um Exzellenz als eine Art Breitensport vorstellen. Für sie gilt: Die Masse macht’s.

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