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Bologna-System : Kleine Reform eines großen Irrtums

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Nicht jede Note muss zählen

Der dritte Punkt, an dem die Kultusministerkonferenz eingreifen will, ist die Frage, welche Noten für die Ausstellung von Bachelorzeugnissen relevant sind. Die Bologna-Erklärung der europäischen Wissenschaftsminister sah keineswegs vor, dass jedes Modul zu benoten und jede Note für das Abschlusszeugnis relevant ist. An den meisten Hochschulen beschlossen die Fakultäten und Institute jedoch, dass bereits die Noten der ersten Semester in das Abschlusszeugnis eingehen sollten.

Die Dozenten hatten das in der Bologna-Reform angelegte Misstrauen gegenüber der Eigenmotivation der Studenten verinnerlicht. Würde man dieses Benotungsmodell auf Schulen übertragen, bedeutete das, dass die Noten der fünften Klasse mit ins Abiturzeugnis eingehen und deshalb eine Drei in Deutsch in der fünften Klasse darüber mitentscheidet, ob jemand später Medizin studieren kann oder nicht. Die perversen Effekte dieser Benotungspraxis an den Hochschulen sind nicht zu übersehen. Teils wurde die Bedeutung der Bachelorarbeit so weit herabgesetzt, dass die Note dieser früher als akademisches Gesellenstück geltenden Arbeit genauso viel zählt wie die Note eines mündlichen Gruppenreferats. Das wollen die Wissenschaftsminister ändern, indem die Noten des ersten Studienjahrs nicht mehr in die Endnote eingehen sollen.

Die grundlegende Frage haben sich die Kultusminister indes nicht gestellt: Weshalb ist es bei der Bologna-Reform zu so vielen Fehlern gekommen? Die einfachste Antwort wäre, dass Professoren einfach kein Interesse daran haben, Studiengänge zu konzipieren. Professoren seien, so das Vorurteil, so durch ihre eigene Forschung absorbiert, dass sie keine „ausreichende Kreativität“ und „intellektuelle Energie“ auf die Gestaltung vernünftiger Bachelorstudiengänge verwenden würden. Aber weswegen waren die gleichen Professoren, die im Rahmen der Bologna-Reform einen Studiengang nach dem anderen in den Sand setzten, früher in der Lage, doch eine Reihe von ganz ansehnlichen Magister- oder Diplomstudiengängen zu machen?

Mangelnder Mut zu grundlegender Reform

Der Grund für die Fehlentwicklungen ist nicht, dass Hochschullehrer zu dumm oder unengagiert für die Planung von Studiengängen sind, sondern dass diese unter Bologna-Bedingungen an selbstproduzierter Komplexität erstickt. Das Missverständnis der Wissenschaftsminister liegt darin, dass sie das Problem in den Detailstrukturen suchen und durch Nachsteuerung im Detail zu beheben suchen, während in Wahrheit der Fehler im Grundsatz des ECTS-Systems steckt.

Wenn jedes Seminar, jede Vorlesung, jede Klausur, jede Hausarbeit und jede mündliche Prüfung in ein Modul gefasst und stundengenau in Zeitblöcken abgebildet werden muss, kommt es zu einer Komplexitätsexplosion sowohl bei der Planung als auch bei der Ausführung von Studiengängen. Wer sich die Dimension dieses Unterfangens vor Augen führen will, muss nur die in Bologna-Zeiten produzierten Studien- und Prüfungsordnungen, fächerspezifischen Bestimmungen und Modulhandbücher einer einzigen Hochschule ausdrucken, auf einen Stapel legen und diesen dann mit den Studien- und Prüfungsordnungen aus der Zeit vor Bologna vergleichen.

Unter diesen Bedingungen läuft jeder noch so gutgemeinte Versuch der Gestaltung „studierfähiger“ Studiengänge vor Mauern oder eben in selbstverstärkende Zirkel der Mikroregulierung. Nur die Abschaffung der ECTS-Punkte würde wieder eine Grundlage von Freiheit schaffen, auf der sinnvoll über Einzelfragen gesprochen werden kann. Die Wissenschaftsminister scheinen sich jedoch auch in der nächsten Reform der Reform wiederum nicht zuzutrauen, an dieses grundlegende Problem der Bologna-Reform heranzugehen.

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