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Im Gespräch: Lucian Hölscher : Jede Generation braucht ihre eigene Zukunft

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„Die Zeit ist nicht mehr in den Dingen“: der Bochumer Historiker Lucian Hölscher Bild: Friedemann Bieber

Wir leben heute nicht mehr vor einer Zukunft, sondern vor vielen Zukünften. Was treibt die Prognosen und Entwürfe an? Und was fehlt ihnen? Der Historiker Lucian Hölscher im zweiten Teil unseres Zukunftsdialogs.

          Professor Hölscher, verändern die virtuellen Welten, die wir heute erschaffen können, unser Verständnis von Zukunft und Zeit?

          Virtuelle Welten sind ja nichts ganz Neues. Jeder Roman war immer schon eine virtuelle Welt. Aber durch die neuen Medien gibt es nicht nur neue Formen der Illusionierung, sondern auch die Möglichkeit, in einer neuen Weise in virtuellen Welten zu leben. Früher steuerte der Leser die Welt, heute steuert das Gelesene sie. Die virtuelle tritt zu der nicht-virtuellen Welt in Konkurrenz.

          Der Philosoph Luciano Floridi hat für diese Verschmelzung der virtuellen und nicht-virtuellen Welt den Begriff des onlife geprägt.

          Das leuchtet mir ein. Bisher habe ich versucht, mich noch an diesem Unterschied festzuhalten, weil ich denke, dass es Machtstrukturen gibt: Wer kann die virtuelle Welt abschalten? Wer kann sie gestalten? Wer entscheidet, ob ich aussteigen kann? Aber vermutlich sind wir schon einen Schritt weiter.

          Mitunter scheint es, wir seien gar so weit, dass Wissenschaftler vor der Übermacht intelligenter Maschinen warnen und der Gefahr, dass diese uns in Zukunft auch aus der nicht-virtuellen Welt verdrängen könnten. 

          Wenn man sich als Historiker mit apokalyptischen Ängsten beschäftigt, kommen einem solche Szenarien arg vertraut vor – von unendlich vielen Vorhersagen des Weltendes, die so nie aufgegangen sind. Das heißt zwar nicht, dass da nichts drin steckt, aber es ist ein skandalisierendes Verfahren. Man muss den Leuten Angst machen vor dem Weltende, dann hat man ihre Aufmerksamkeit. Das evozieren diese Wissenschaftler auch. Es beginnt mit der Fünf-vor-Zwölf-Diagnose, gleich sei alles vorbei und wir müssten daher unbedingt etwas tun.

          Seit wann gibt es dieses Fünf-vor-Zwölf-Gefühl?

          Eigentlich seit Menschengedenken. Der Aufruf, sich für das nahe Ende bereit zu halten, ist zum Beispiel im Christentum von Beginn an zu finden: Die Wiederkehr des Messias, hieß es da, stehe kurz bevor. Wenn er kommen werde, dann würden die einen vorbereitet sein und die anderen nicht. Im 20. Jahrhundert verstärkte sich das aber im öffentlichen Bewusstsein, mit dem Bericht des Club of Rome „Grenzen des Wachstums“ etwa. Dessen Botschaft 1972 lautete: Die Erdbevölkerung, die Umweltverschmutzung, die Erschöpfung der natürlichen Energieressourcen schreiten mit exponentieller Beschleunigung voran. Eine große Katastrophe steht bevor. Die Zeit zum Umlenken wird knapp. Ich denke, seit diesem Bericht gibt es eine Kontinuität des Fünf-vor-Zwölf-Gefühls, vorher war das eher situationsgebunden.

          Sie sehen dieses Gefühl eher kritisch?

          Viele ökologisch bewusste Wissenschaftler sprechen heute von einer „Kolonisierung der Zukunft”, was bedeutet, dass die Menschheit ihrer Meinung nach auf einen Zustand zusteuert, in dem sie nicht mehr frei ist, ihre Zukunft nach eigenen Plänen so zu gestalten, wie sie will, sondern wo sie sich bei Strafe ihres Untergangs in bestimmter Weise verhalten muss. Wenn immer mehr Politikfelder so eingeengt werden, dann geht die Offenheit der Zukunft verloren.

          Weil die Zukunft gewissermaßen vor-diktiert ist?

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