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Bildungspolitik der CDU : Adieu, Realschule

Es gibt nichts, wozu CDU und CSU in den vergangenen Jahren nicht genickt hätten Bild: dpa

In den vergangenen sechs Jahren ist kein einziger hochschulpolitischer Gedanke der Union zuzurechnen. Der CDU ist G8 eingefallen. Wenn sie jetzt vom „Erhalt“ des Gymnasiums spricht, klingt das wie Denkmalpflege.

          Eine alte Theorie des politischen Wahlverhaltens besagt, dass die Bürger nicht direkt auf der Grundlage von Informationen entscheiden. Die Parteien können noch so viel über die Massenmedien ausstrahlen, die Meinungsbildung erfolgt stets über den Zwischenschritt der Diskussion mit lokalen Autoritäten. Jede Familie, jeder Stammtisch, jedes Kantinengespräch und jeder Nachbarschaftskontakt über den Zaun oder bei Einladungen kennt diejenigen, die sich einen für die anderen plausiblen Reim darauf gemacht haben, was "die Politik" gerade so umtreibt.

          Die Bedeutung der Bildungspolitik bestand seit jeher auch darin, solche "opinion leaders" (Paul Lazarsfeld) zu gewinnen: Lehrer, Eltern mit Interesse, Akademiker, denen die Hochschulen nicht egal sind, Leute, die sich von Berufs wegen Meinungen bilden und von Berufs wegen zu Erklärungen neigen. Das unter anderem machte die Bildungspolitik ehedem zu einem Gebiet, auf dem besonders hart und besonders ideologisch gekämpft wurde. Es ging nie nur um die Sache, sondern stets auch um die Ausstrahlung auf Meinungsführer.

          Letzter Rückhalt Gymnasium

          Die Christdemokraten tun in der Bildungspolitik seit einigen Jahren viel, um jene Multiplikatoren zu verlieren. Was die Hochschulen angeht, so haben sie so ziemlich allem zugestimmt, was an Reformphantasien auch von anderen Parteien gehegt wurde. Bologna, Exzellenz, Dauerevaluation, Drittmittelorientierung bei Absenkung der Grundfinanzierung, immer tollere Erwartungen an die Anteile am Jahrgang, die studieren sollen - es gibt nichts, wozu CDU und CSU nicht genickt hätten. Den Eindruck, zu Negationen fähig zu sein, hat ihnen nur eine Zeitlang die Bildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) verschafft, deren Eifer aber nie in der Sache abgelehnt wurde, sondern nur in der Person und darum, weil sie halt vom anderen Lager war. Es gibt aus den vergangenen sechs Jahren - so wenig wie aus den zurückliegenden Jahrzehnten - keinen einzigen hochschulpolitischen Gedanken, der sich der Union zurechnen ließe.

          Inzwischen zeichnet sich das auch für die Schulpolitik ab. Wenn hier die Union zuletzt etwas charakterisierte, dann war es die Formel "hält am Gymnasium fest". An etwas festhalten ist eine ehrenwerte Einstellung, vor allem, wenn das Festgehaltene etwas Gutes ist. Noch besser wäre es freilich, wenn einem zu Gymnasien mehr einfallen würde als dass man an ihnen festhält. Der Union ist G8 eingefallen. Wenn sie jetzt vom "Erhalt" des Gymnasiums spricht, klingt das schon wie Denkmalpflege und wie die Bekräftigung von Erben, ein Gut erhalten zu wollen, nicht um es zu bestellen, darin zu wohnen oder jemanden dahin einzuladen, sondern weil es die Pietät erfordert.

          Die Sprünge einer Partei

          Die Realschulen waren auch so etwas Gutes, ziemlich viele davon jedenfalls. An ihnen hält die Union nicht fest. Denn was gerade als Abschaffung der Hauptschule beschlossen wurde, ist ja tatsächlich die Abschaffung der Realschule. Denjenigen, die an solchen Schulen daran arbeiten, einen Bildungsgedanken diesseits des Geredes von der Wissensgesellschaft zu verwirklichen, lädt man nun auf, Defizite der Sozial-, Stadt- und Einwanderungspolitik auszugleichen. Sie waren damit beschäftigt, aufs Handwerk und die Dienstleitungsberufe zu orientieren und dabei den Übergang zu beruflichen Gymnasien möglich zu machen. Jetzt erklärt man ihnen, was inzwischen leider "Restschule" geworden sei, hätten sie nun zu integrieren.

          Das führt zurück zu den lokalen Meinungsführern. Wie sollen sie solche Sprünge dieser Partei eigentlich verarbeiten? Gerade war die Dreigliedrigkeit noch heilig, jetzt hat es sich anderes ergeben. Nicht, dass sie je heilig gewesen wäre. Aber dass man ihre Löschung nicht vornimmt, weil man zu Einsichten gekommen ist, sondern weil man nicht mehr alleine dastehen will, weil einem nämlich schon lange nichts mehr eingefallen ist zu dem, was gleichwohl als heilig behandelt wurde - das kann man niemandem mehr vermitteln. Die "opinion leaders" der CDU stehen an ihren Gartenzäunen, und es fällt ihnen nichts mehr dazu ein. Sie werden mit Sprüchen abgespeist.

          Aber nicht das ist beunruhigend, sondern dass sich die Sprüche niemand merken kann. Man sei gegen Vereinheitlichung durch Niveausenkung, heißt es zu einem Entschluss, der für die Realschule, die dann Oberschule heißen mag, eine Niveausenkung bedeuten wird. Man schärfe die Unterschiede zu anderen Parteien, heißt es in einem Moment, in dem man deren Logik folgt. Man verweigere sich der gymnasialen Schulzeitverkürzung durch eine Grundschule, die bis zur Klasse sechs dauert, sagt man, nachdem man soeben die gymnasiale Schulzeit durch G8 verkürzt hat. Es sei wichtig, in der Schulpolitik für Verlässlichkeit zu sorgen, wird verlautbart, während man die nächste Reformunruhe verordnet. Glauben denn die jeweiligen Sprecher - wir haben zitiert: Annette Schavan, Roland Wöller, Hermann Gröhe -, dass es niemand merkt? Oder merken sie es selber nicht?

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