https://www.faz.net/-gqz-6qz23

Bildungsfragen : Bachelor of Hairdressing

Akademisierung des Alltags: Herzensbildung und Handwerkskunst brauchen keinen Bachelor Bild: dpa

Wie schlecht ist es um die Bildung wirklich bestellt? Die Berchtesgadener Gespräche suchten den Weg, damit künftig steigende Aktienkurse nicht mehr mit Wertezuwachs verwechselt werden.

          Das Wort von der „Bildungskatastrophe“ wurde nicht ausgesprochen. Aber an den Mann, der es vor bald fünfzig Jahren prägte, an den Religionsphilosophen Georg Picht, wurde verdächtig oft erinnert. Die Diagnose lautet heute wieder: Bildungsschwund, landauf, landab nur Informationsriesen und Wissenzwerge. Wie und unter welchen Bedingungen ist es also möglich, die junge Generation zu Bildungsriesen heranzuziehen? Darauf suchte man Antworten bei der achten Ausgabe der Berchtesgadener Gespräche, die auf Einladung seiner Königlichen Hoheit, Herzog Franz von Bayern, und unterstützt mit Mitteln der Karl-Graf-Spreti-Stiftung im Berchtesgadener Schloss stattfanden.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Die Moderation lag in den Händen von Albert Scharf, dem ehemaligen Intendanten des Bayerischen Rundfunks, sowie des Münchner Historikers Hans-Michael Körner. Der zweitägige Gedankenaustausch war mit „Wozu Bildung, Bildung wozu?“ eher luftig überschrieben; man fühlt sich nicht dazu verpflichtet, ein nach Hause tragbares Ergebnisse zu erzielen, setzt stattdessen auf Langzeitwirkung. Zunächst war man um Eingrenzung des ozeanischen Themas bemüht. Welche Werte und Inhalte man unter Bildung zu verstehen habe, und warum so viel in der Vermittlung schiefgelaufen sei, dass man steigende Aktienkurse mit Wertezuwachs verwechselt?

          „Törichter Selbstbetrug“

          Von dem Befund war es nicht weit zum Bologna-Prozess, den Pisa- und OECD-Studien. „Wir sollten uns nicht von der OECD die Schelle umhängen lassen, dass unser System nicht funktioniert“, befand Dagmar Schipanski, Rektorin des Studienkollegs zu Berlin. Die frühere Politikerin war die einzige Naturwissenschaftlerin in der zwanzigköpfigen Runde. Und sie bestand darauf, das Internet und den richtigen Umgang mit ihm künftig in den Mittelpunkt des Unterrichts zu rücken. Ohne Stärkung der MINT-Fächer werde es künftig „keine Teilhabe am technologischen Fortschritt“ geben.

          Lud zum achten Mal nach Berchtesgaden: Herzog Franz von Bayern, Chef des Hauses Wittelsbach

          Das gefiel der zahlenmäßig stärkeren Fraktion der Netz-Skeptiker nicht, was auch deren Alter geschuldet sein mochte. Jede Woche werde bildungspolitisch „eine neue Sau durchs Dorf getrieben“, schimpfte der langjährige bayerische Kultusminister Hans Zehetmair, der heute der Hanns-Seidel-Stiftung vorsteht. Diese Kurzlebigkeit mache atemlos. Bei aller Sympathie für den von ihm einst ausgeübten Lehrerberuf sieht Zehetmair strukturelle Defizite in der Lehrerbildung und Nicht-Eignung mancher Kandidaten: „He who can does it. He who can not teaches it.“ Vierzig Prozent eines Jahrgangs als Abiturienten haben zu wollen, sei „törichter Selbstbetrug“, sagte Thomas Frauenlob, Mitarbeiter der vatikanischen Kongregation für das katholische Bildungswesen.

          Beitrag zur sozialen Distinktion

          Josef Kraus, allzeit kampfbereiter Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, entwarf ein aktuelles Schlachtengemälde mit dem Titel „Furor des Egalitarismus“: Es drohe Gemeinschaftsschule, Inklusion, Abschaffung des Notensystems und damit die Preisgabe der Jahrtausende alten Einsicht, dass Schule ohne Anstrengung nicht zu haben sei. Der Versuch, die Misere an Lehrern, Medien, Politik oder gar den Schülern festzumachen führte im Einzelnen ins Anekdotische, im Ganzen nicht weiter. Krise ist bekanntlich immer. Weswegen der Münchner Gräzist Martin Hose daran erinnerte, wie sehr Bildung zur sozialen Distinktion beitrage. Ein Umstand, den Bildungsaufsteiger - auch solche mit Migrationshintergrund - erkannt haben. Auch wenn die „Freiräume für außerschulische Prozesse geschrumpft sind“, wie der CSU-Abgeordnete Bernd Sibler zugab, der als Staatssekretär bei der Einfühung des achtjährigen Gymnasiums maßgeblichen Anteil hatte.

          Zur Tradition der Berchtesgadener Gespräche gehört das Abendessen, zu dem ein Mitglied der bayerischen Staatsregierung einlädt. Des Themas wegen war dies Ludwig Spaenle (CSU), Minister für Unterricht und Kultus. Er kam als Herr über fünftausend „Filialen“ vulgo Schulen im Freistaat - und wandte sich sogleich gegen die überflüssige Akademisierung des Alltags. Einen „Bachelor of Hairdressing of the Czech Republic“ brauche kein Mensch. Dabei habe es Bayern gut, weil dreiundvierzig Prozent aller Hochschulberechtigten eben nicht über das Gymnasium kämen.

          Die Rolle der Lehrerin

          In der Breite, ergänzte sein Vorgänger, sei das Bildungangebot im Föderalismus unglaublich groß, offenkundig aber schlecht koordiniert. Zehetmair, der die Kunst des formelhaften, mit Lateinzitaten gespickten Sprechens so elegant beherrscht, dass er stets andächtiges Nicken einstreicht, lieferte als Debattenredner Anschauungsunterricht, wozu Bildung gut ist. Wenn die „Lehrerin das wichtigste Medium bleibt“, wie sich der Münchner Grundschul-Pädagoge Joachim Kahlert so hübsch versprochen hatte, wie wird man dann eine Lehrerpersönlichkeit? „Begabt seid ihr nur, wenn ihr die Kinder mögt“, sprach Zehetmair.

          So hing trotz Kaiserwetters ein melancholischer Grundton der Selbstkritik über dem Schloss. Deutschland gehört weltweit zu den leistungsfähigsten Gesellschaften. Diese Evidenz wird dabei helfen, dem Nachwuchs begreiflich zu machen, warum man sich so etwas Mühsames wie Bildung überhaupt antun soll.

          Weitere Themen

          Hoffnung im Angesicht der Apokalypse Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Endzeit“ : Hoffnung im Angesicht der Apokalypse

          Blutverschmierte Münder, abgehackte Gliedmaßen und Non-Stop-Action – so kennt man als geneigter Zuschauer das Zombiefilm-Genre. Wie sich der deutsche Film „Endzeit“ dagegen abhebt und warum man gerade als Nicht-Zombie-Fan den Gang ins Kino wagen sollte, erklärt F.A.Z.-Redakteur Andreas Platthaus.

          Topmeldungen

          Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hat sich jüngst auf einer Reise durchs Silicon Valley inspirieren lassen.

          Gaia-X : Göttername für Altmaiers europäische Super-Cloud

          Die vernetzte Industrie muss mehr Daten verarbeiten. Der deutsche Wirtschaftsminister will darum eine Alternative zu Amazon und Microsoft schaffen – jetzt stehen die Eckpunkte fest.

          TV-Kritik: Maybrit Illner : Mehr Labilität wagen!

          Zehn Tage vor zwei Landtagswahlen im Osten kehrt Maybrit Illner mit ihrer Talkshow aus den Ferien zurück. Dabei stiftet sie einen fruchtbaren Streit – mit überraschendem Ergebnis.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.