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Bibliotheken in der Krise : Immer mehr mit immer weniger

Homer, Aristoteles, Thukydides und Hippokrates grübeln über die Sparpläne der Regierung Seehofer Bild: picture-alliance / Sueddeutsche

Wissenschaftspolitik auf dem Zahnfleisch: Die Bayerische Staatsbibliothek steht unter immer größerem Sparzwang. Ihr Direktor warnt, der gesetzliche Auftrag sei so nicht erfüllbar.

          3 Min.

          Der Untergang des Abendlandes ist vorläufig aufgeschoben. Weil die Steuerschätzung dem Finanzminister für die nächsten drei Jahre jeweils rund 1,5 Milliarden Euro Mehreinnahmen in Aussicht stellt, konnte Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) seine Kabinettskollegen vor den schlimmsten Streichungen bewahren - wie die Sache im Detail ausgehen wird, ist aber weiterhin unklar. Mit welchen Folterinstrumenten man schon mal vorsorglich gewunken hat, davon konnte sich zuletzt die Bayerische Staatsbibliothek (BSB, im Volksmund „Stabi“) ein Bild machen.

          Hannes Hintermeier
          Feuilleton-Korrespondent für Bayern und Österreich.

          Ende September hat Generaldirektor Rolf Griebel erfahren, dass er rückwirkend für das Jahr 2010 noch 1,4 Millionen Euro einsparen muss, ein gutes Zehntel des jährlichen Sachmittel-Etats. Das ist einerseits terminlich knapp, weil man nicht einfach bestehende Verträge kündigen kann. Andererseits - und das wurmt die Staatsbibliothekare besonders - werden sie im Vergleich zu den Universitätsbibliotheken „gleicher“ behandelt - denn diese müssen zwanzig Prozent Haushaltssperre verkraften, die Stabi dreißig. Warum ausgerechnet die Bayerische Staatsbibliothek in die Zange genommen wird, bleibt das Geheimnis des Finanzministeriums. Immerhin vergreift man sich an einer Perle der deutschen Bibliothekslandschaft. Im europäischen Vergleich rangiert sie - gemessen an Bestand und Bedeutung - mit 9,5 Millionen Büchern und annähernd 50 000 Zeitschriften hinter der British Library.

          Zentrale Bedeutung für den Wissenschaftsstandort Bayern

          Sollte die Haushaltssperre tatsächlich Bestand haben, sei man „ratlos“, wo noch gespart werden könne ohne substantiellen Schaden anzurichten. Gefährdet sind dann Tausende von Abonnements wissenschaftlicher Zeitschriften, welche die BSB als „last resort“ bezieht. Sie ist damit ein Eckstein des seit zehn Jahren bestehenden kooperativen Leistungsverbundes bayerischer Universitätsbibliotheken. Die BSB führt jene Zeitschriften, die anzuschaffen eine einzelne Universitätsbibliothek nicht in der Lage wäre. Gerade im Bereich biomedizinischer Journale seien die Abo-Preise unverhältnismäßig hoch, wenn der Anbieter als Monopolist in seinem Fachgebiet rangiert. So schlägt etwa das „Journal of Comparative Neurology“ mit rund 24 000 Euro pro Jahr zu Buche.

          Hat im Augenblick wenig Anlass zum Strahlen: BSB-Generaldirektor Rolf Griebel
          Hat im Augenblick wenig Anlass zum Strahlen: BSB-Generaldirektor Rolf Griebel : Bild: dpa

          Die altehrwürdige Bibliothek ist auf dem Weg in die digitale Welt ziemlich weit, unter anderem mit einer Google-Partnerschaft zur Digitalisierung rechtefreier Bestände. Das Haus ist von zentraler Bedeutung für den Wissenschaftsstandort Bayern. Und es wird berannt. Seit Jahr und Tag nehmen die Ausleihzahlen zu. Im Zeitraum von 2002 bis 2009 wuchs die Besucherzahl auf 70 000 (ein Plus von 143 Prozent), die der Lesesaalbesuche sogar um 229 Prozent auf 1,18 Millionen per annum - was auch daran liegt, dass man mittlerweile sieben Tage die Woche von acht Uhr morgens bis Mitternacht hier arbeiten kann. Obwohl die BSB grundsätzlich jedem Bürger offensteht, sind mehr als achtzig Prozent ihrer Benutzer im universitären Bereich beschäftigt.

          Griebel hat dieser Tage in außergewöhnlich scharfer Form öffentlich auf die Haushaltssperre reagiert: Habe diese Bestand, sei die Bibliothek nicht länger in der Lage, ihren gesetzlichen Auftrag zu erfüllen. Dazu gehört zum Beispiel der Sammlungsauftrag im Bereich Antiquaria und Handschriften, der 2009 einen nicht sehr üppigen Etat von 572 000 Euro aufwies. Als ersten Einsparschritt hat Griebel nun einen vermeintlich weichen Weg beschritten. Er lässt Bücher und Zeitschriften zunächst nicht mehr aufbinden, was ihre Haltbarkeit deutlich verringert. Betroffen ist hier ein Gewerbe, das abhängig ist von staatlichen Aufträgen: Siebzehn Buchbinderbetriebe arbeiten fast ausschließlich für die große Bibliothek, versehen Paperbacks, Zeitschriften und Noten mit festen Umschlägen. Zuletzt war der Binde-Etat von 1,4 Millionen auf 900 000 Euro zusammengestrichen worden; bleibt die dreißigprozentige Haushaltssperre bestehen - worüber es bis Redaktionsschluss keine Klarheit gab -, wird man im nächsten Jahr nur noch 250 000 Euro dafür ausgeben. Im Vergleich zum Landesbankendesaster sind das winzige Summen, für die betroffene Branche aber existentielle.

          Zuständig für die Staatsbibliothek ist das Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst unter Leitung von Wolfgang Heubisch. Der studierte Betriebswirt und Zahnarzt ist einer von zwei FDP-Ministern im Kabinett Seehofer; er hat sein Amt bislang auffallend unauffällig versehen. Nach den abschließenden Haushaltsverhandlungen kurz vor Weihnachten wird sich zeigen, ob er seine örtlichen Kritiker, die behaupten, Bayerns Wissenschaftspolitik käme auf dem Zahnfleisch daher, widerlegen konnte.

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