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Bertelsmann-Stiftung : Werner Weidenfeld muss gehen

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„Einvernehmlich getrennt”: Werner Weidenfeld und die Bertelsmann-Stiftung Bild: ddp

Auf gewisse Weise verkörpert Werner Weidenfeld die Bertelsmann Stiftung, ihre Rastlosigkeit, ihre Allgegenwart, ihren ständigen Seitenwechsel an den Grenzen von privatwirtschaftlich, gemeinnützig, staatsnah und halbwissenschaftlich. Nun trennen sich die Wege.

          Ein Ermittlungsverfahren ist gegen Zahlung von 10.000 Euro eingestellt worden. Angestrengt hatte es die Staatsanwaltschaft München wegen des Verdachts der Untreue gegen Werner Weidenfeld, Politologe an der dortigen Ludwig-Maximilians-Universität und Vorstand der Gütersloher Bertelsmann Stiftung. Auf eine anonyme Anzeige hin war ihm vorgeworfen worden, private Ausgaben in Höhe eines vierstelligen Euro-Betrags über die Stiftung abgerechnet zu haben.

          So etwas kann passieren. Das Doppelleben in politikberatenden Stiftungen und stiftungsfinanzierten Politikberatungen - von Bertelsmann kamen 2005 etwa zwanzig Prozent der Aufträge für das "Centrum für angewandte Politikberatung" des Professors - macht schon die Unterscheidung zwischen privat und öffentlich schwierig. Um wieviel mehr die zwischen privat und privat. Für Makler großer Reformprozesse ist es nicht immer einfach, die Spalte "Zweck der Bewirtung" eindeutig auszufüllen: Internationale Verständigung? Ruck durch Deutschland? Verdichtung der Elitenkommunikation? Dem stets im Diskurs Befindlichen mag am Ende jedes Essen als förderungswürdig erscheinen. Ob es und wie es passiert ist, wird sich nach Einstellung des Verfahrens nicht mehr leicht feststellen lassen. Die Staatsanwaltschaft lässt wissen, dass im Vergleich zum Schaden ihr der Aufwand zu hoch war, den Wirklichkeitsgehalt alter Quittungen zu ermitteln.

          Stiftung macht seit Jahren zwiespältigen Eindruck

          Die Bertelsmann Stiftung sagt jetzt nicht: Eingestellt ist eingestellt und wo keine Anklage, da keine Schuld. Sie hat sich vielmehr soeben von ihrem Vorstand, dessen Privatwohnungen und Aktenschränke durchsucht worden waren, getrennt. Gewiss, in beiderseitigem Einvernehmen, aber eben doch getrennt.

          Die Bertelsmann Stiftung selber macht seit Jahren einen zwiespältigen Eindruck. Hätten Organisationen eine Psyche, könnte man von manisch-depressiv sprechen. Einerseits gibt es inzwischen kaum ein gesellschaftspolitisches Thema mehr, zu dem Bertelsmann nicht umfangreiche Reformvorschläge macht. Nachhaltige Finanzpolitik, gesunde Arbeit unter veränderten demographischen Umständen, die Neubürokratisierung der Hochschulen im Zeichen von Wettbewerbsvokabularen, das "Benchmarking" der kommunalen Arbeitsvermittlung - zu all dem und noch viel mehr setzt Bertelsmann Kommissionen ein, legt Gutachten vor, gründet Institute, veranstaltet mit Professoren, Politikern, Journalisten und Wirtschaftskapitänen bestückte Konferenzen.

          Häufige Wechsel an der Spitze

          Warum nicht? Manisch aber, megalomanisch wirken dabei nicht nur Selbstbezeichnungen wie "Global Policy Council" für unverbindliche Plaudereien ehemaliger Außenpolitiker und Sachbuchautoren. Reichlich aufgeblasen wirken auch Unterfangen wie das "internationale Standortranking", eine Art Schulzeugnis für ganze Nationen und ihre "Reformpolitik". Länder sind Firmen, Firmen brauchen Beratung, Beratung macht effizient - ihre Gemeinnützigkeit versucht die Stiftung durch die Projektion betriebswirtschaftlicher Utopien aufs Ganze zu erweisen. Die dabei eingesetzte Wissenschaft ist, wie im Fall des Standortrankings oder der Hochschulreformfabrik CHE, oft zweitrangiger Qualität. Vorrangig zählen Tempo, Wiedererkennbarkeit des Vokabulars und ein hoher Anteil an Reformversprechen, der alles außer Bertelsmanns Rat auf den ersten Blick alt aussehen lässt.

          Zum anderen, das ist die depressive Seite, wechseln an der Spitze der Bertelsmann Stiftung seit längerem schon häufig die Personen. Ständig fliegt einer. Als zuletzt 2005 Heribert Meffert, Marketingprofessor aus Münster, resignierte, ging das "Manager Magazin" den Umständen nach. Es stieß schon damals auf Konflikte um das Abrechnungsgebaren Weidenfelds. 175 Arbeitstage, so hatte das Magazin herausgefunden, deklarierte der Professor gegenüber der Bertelsmann Stiftung; seine Universität ließ damals wissen, ein solcher Umfang an Nebentätigkeit sei nicht genehmigungsfähig und auch die hundert Tage nicht, die man Weidenfeld in Gütersloh zugestand.

          Für manche Menschen läuft die Uhr nicht weiter

          Hundert Tage für Bertelsmann - wieviel für den Rest? Weidenfeld führt an seinem Zentrum sechsunddreißig Mitarbeiter, achtundzwanzig Einträge lang ist die Liste seiner Posten in Gremien, Aufsichtsräten, Vorständen, Kuratorien. Die Montage und die Hälfte der Dienstage gehen für die Universität drauf, macht etwa vierzig Tage im Jahr, Vorbereitung nicht eingerechnet. Im Bayerischen Rundfunk ist Weidenfeld Dauerkommentator, auch von Themen, für die anwendende Politikberater eigentlich nicht einschlägig sind, Papstbesuche zum Beispiel. Dazu kommen noch Kolumnen in der "Abendzeitung", Publikationen, Sammelbände. Es gibt Menschen, für die läuft die Uhr einfach nicht weiter.

          Auf gewisse Weise verkörpert Werner Weidenfeld insofern die Bertelsmann Stiftung, ihre Rastlosigkeit, ihre Allgegenwart, ihren ständigen Seitenwechsel an den Grenzen von privatwirtschaftlich, gemeinnützig, staatsnah und halbwissenschaftlich, prominenzorientiert und kommunal. Eine echte Nichtregierungsorganisation mit Kontakten in alle Regierungen hinein. Das festliche Wort dafür ist "zivilgesellschaftliches Engagement", weniger güldene Umschreibungen lauten auf Lobbyismus. Dass Bertelsmann sich jetzt von Weidenfeld aus Anlass eines unspektakulären Verdachts distanziert, folgt insofern dessen Motiven, der Einstellung des Verfahrens gegen Zahlung zuzustimmen. Beide möchten einer Diskussion darüber, was in diesem Land als gemeinnützig gilt, nicht unnötig Nahrung geben.

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