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Bachelor-Schwemme : Die wirklich Reichen dieser Welt sind keine Akademiker

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Bachelor-Studium? Manche Forscher sind deutlich skeptischer als diese junge Dame Bild: ZB

Forscher wie der Biologe Hans-Peter Klein warnen davor, unausgesetzt für ein universitäres Studium zu werben. Im Interview relativiert er auch die These von der Digitalisierung der Arbeitswelt und sagt: Her mit den Handwerkern!

          Herr Klein, der Philosoph Julian Nida-Rümelin attestiert Deutschland in einem Interview einen Akademisierungswahn. Produzieren wir zu viele Akademiker?

          Laut OECD produzieren wir ja nach wie vor viel zu wenig Akademiker und Abiturienten. Dies würde den Wirtschaftsstandort Deutschland nachhaltig beschädigen. Die angeführten Gründe sind die geringere Arbeitslosigkeit, ein deutlich höheres Gehalt und daraus für den Staat resultierend höhere Steuereinnahmen. Die Kritiker dieser Entwicklung verweisen auf die südeuropäischen Länder, zunehmend auch auf den asiatischen Raum, insbesondere China, wo genau das Gegenteil der Fall ist: ein zunehmendes Akademikerheer ohne Perspektive. Von „Ameisen ohne Job“ ist die Rede. Zudem wäre die Zerschlagung des einzigartigen, weltweit bewunderten beruflichen Bildungssystems in Deutschland die unmittelbare Folge, und in der Tat häufen sich diese Beschwerden nahezu von allen Seiten.

          Das Studium gilt als der Schlüssel zum Erfolg. Inzwischen gibt es mehr als neunzig Bachelor-Pflege-Studiengänge. Was halten Sie davon?

          Tatsache ist, dass in den letzten Jahren alle Länder, die hohe Akademikerzahlen generieren, diese nicht zur wirtschaftlichen Prosperität beigetragen haben. Die aus dem Boden gestampften Studiengänge werden mit der Begründung eingerichtet, die Komplexität der Arbeitswelt habe sich erhöht. Setzt man Erfolg mit hohem Einkommen gleich, kann man nur vom Studium abraten. Die Reichen dieser Welt sind in ihrer deutlichen Mehrzahl Geschäftsleute, keine Akademiker.

          Werden Studierende, was das spätere Gehalt betrifft, an der Nase herumgeführt?

          Entgegen den Darstellungen der OECD bestreitet heute niemand mehr ernsthaft, dass es seit 15 Jahren zu einer deutlichen Absenkung der Akademikergehälter gekommen ist. Vor kurzem hat noch ein Gericht die derzeitigen Einstellungspraktiken für junge Juristen mit Einstellungsgehältern von 1000 Euro pro Monat als sittenwidrig gebrandmarkt. An einer nachhaltigen Ausbildung interessierte Jugendliche mit hohen Gehaltsversprechungen an die Uni zu locken ist mehr als verantwortungslos.

          Der Niveauverfall an den Universitäten ist ein Dauerthema. Ist dieser Alarmismus berechtigt?

          Eine Erhöhung der Quantität geht immer auf Kosten der Qualität - von technischen Prozessen einmal abgesehen. Wenn in der Bundesliga ab der nächsten Saison 36 Mannschaften spielten, sänke das Niveau, daher lässt man die Finger davon. Man hat die Champions-League gegründet, und jeder weiß, dass dort Fußball auf allerhöchstem Niveau gespielt wird. In der Bildungslandschaft in Deutschland glaubt man dagegen, mit Quantität auch die Qualität erhöhen zu können. Wie sagte doch ein Kollege aus der Psychologie: Die Erhöhung der Abiturientenquote auf das derzeitige Maß entspricht der kognitiven Form der alchemistischen Goldherstellung. Davon sind die Hochschulen in gleicher Weise betroffen, die sich im Rahmen ihrer völligen Unterfinanzierung auch noch Kapazitätsverordnungen gegenübersehen, die ihnen eine nahezu unbegrenzte Aufnahme von Studierwilligen aufs Auge drückt.

          Warum haben Ausbildungsberufe eigentlich einen so schlechten Ruf?

          Dieses Phänomen ist weltweit zu beobachten. Nicht nur in asiatischen Ländern gelten Tätigkeiten, die mit den Händen ausgeführt werden, als absolut minderwertig. Man kann nur durch attraktive Angebote gegensteuern, die das berufsbildende System im deutschsprachigen Raum mit seinen Ausbildungsmöglichkeiten weiterhin auf hohem Niveau als echte Alternative zu einem Studium anbieten. Dass alle Menschen in Zukunft wegen der Digitalisierung der Arbeitswelt nur noch am Rechner sitzen, wie einige Bildungsökonomen behaupten, dürfte sich als folgenschwerer Trugschluss herausstellen.

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