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Automatisierung der Lehre : Eine kurze Geschichte der Unterrichtsmaschinen

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Das neue Medium des dynamischen „Lehrstoff-Darbietungsgeräts“ erfordere, so Franks hellsichtige Medientheorie avant la lettre, eine Zerlegung aller Inhalte in „Lehrquanten“. Dabei seien die „Rentabilitätsintervalle“ zu berechnen, ab denen sich die Anschaffung von Hardware, die Erstellung von wiederverwertbaren Lehrmodulen (Alzudi: Algorithmische Zuordnungs-Didaktik) und deren Standardisierung durch eine „zentrale pädagogische Organisatorik“ im Vergleich zu den Stundenlöhnen von Dozenten auszuzahlen beginnt. Keinesfalls sollten dabei zwei Programme für den gleichen Stoff entwickelt werden, und es ist nicht ohne Ironie, dass dieses Bestreben ausgerechnet den Namen Bakkalaureus trägt: das Akronym für „Baukastensystem aus kombinierbaren kybernetischen Automaten leistet autonom und rechnergestützt Examinier- und Schulungsarbeit“.

Grundlage einer pädagogischen Globalprovinz

Den daraus Ende der sechziger Jahre entstandenen „Tonbildanlagen“ und „Lehrautomaten“ wie etwa dem Robbimaten, dem Geromaten oder dem Didact eignet der Charme einer untergegangenen analogen Welt von Schmalfilm und Sprachlabor, die noch eines Historikers harrt. Dennoch haust moderne Digitaltechnik im Zentrum solcher Phantasien, die plötzlich auch in unsere Gegenwart hineinreichen. Wahre Effektivität nämlich sei, so Frank, nur durch ein individualisierendes Profiling zu haben.

Und genau dies soll durch neue Medien möglich werden, die während der Lehre eine „automatische ,Dokumentation der Gehirne‘“ vornehmen. Flexibilisierung und Individualisierung durch digitale Medien gehen dabei schon 1962 einher mit der Zerstreuung verbindlicher Curricula: „Wenn die programmierte Instruktion nämlich zu einer verstärkten Individualisierung . . . führt, dann bedeutet dies, daß . . . einige hundert bis tausend Adressaten in ständig neuer Kombination auf die vorhandenen Adressatenplätze so verteilt werden müssen, wie es ihrem Lernfortschritt einerseits und ihrem Lehrplan andererseits entspricht.“ Erst durch und hinter dieser Maschine beginnt das Territorium wahrer Bildung, wo man dann endlich „Philosoph und Kybernetiker“ werden kann.

Das sah die amerikanische Gegenkultur erheblich anders. Der Entwurf, den ihr Stichwortgeber Marshall McLuhan von einem Curriculum für das elektronische Zeitalter machte, war bestimmt durch die „Umstellung auf die Koordination des Wissens, nachdem die einzelnen Fächer des Lehrplans völlig voneinander getrennt gewesen waren. Die Souveränität mancher Lehrkanzel ist unter den von der elektrischen Geschwindigkeit geschaffenen Bedingungen so rasch geschwunden wie die manch eines Nationalstaats.“ Unsere Lage, so McLuhan weiter, sei bestimmt von Daten, die nicht mehr unverbunden tröpfeln wie in Klassenzimmern des neunzehnten Jahrhunderts, sondern uns wie ein Niagarafall hinwegspülen, wenn wir nicht neue Lehrmethoden entwickeln, die integrativ und ganzheitlich vorgehen. Lehrstühle gehörten ins zerlegende, spezialisierende Zeitalter des Buchdrucks und der Industrie. Denn sie hätten von „Feedback“ noch nichts gehört. Und die medientechnische Grundlage einer pädagogischen Globalprovinz, der die Routinen abhandengekommen sind, ist der Computer: „Kybernetisierung eröffnet die Möglichkeit, unverzüglich alle Bildung auf Entdeckung hin zu programmieren statt auf Befehle und Fakteneingabe.“

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