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Automatisierung der Lehre : Eine kurze Geschichte der Unterrichtsmaschinen

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Bereits Ende der fünfziger Jahre hatte IBM mit der IBM 650 Inquiry Station ein umfängliches Lehrmaschinenprojekt mit der Software Coursewriter gestartet und damit die CAI (Computer Aided Instruction) begründet - nicht zuletzt um die eigene Programmierer-Ausbildung zu rationalisieren und deren Geniekult in Zweifel zu ziehen. Für computergestützte Lehre gab es seinerzeit gute Gründe. Zwischen 1950 und 1975 verdoppelten sich die Einschreibungszahlen von 31 auf 60 Millionen, die Kosten verzehnfachten sich von neun auf einhundert Millionen Dollar, und der Sputnik-Schock drängte nach schnellerer Ausbildung im natur- und ingenieurwissenschaftlichen Bereich. Das kybernetische Angebot, den Personalmangel zu beseitigen und Unterricht schneller und kostenschonender zu gestalten, kam also gerade recht.

Flucht vor dem planmäßigen Lernen

Daraus erwuchs (in bis heute gültiger Akronymversessenheit) Plato (Programmed Logic for Automated Teaching Operations), das einflussreichste Lehrsystem der sechziger Jahre. Von Ingenieuren, Erziehungswissenschaftlern, Mathematikern und Psychologen weitgehend aus altem Radarequipment gebaut und daher grafikfähig, beendete Plato den Skinnerschen Ansatz eines seriellen Reinforcement in kleinstmöglichen Schritten. Stattdessen arbeitete man mit einer Baumstruktur. Wem der Stoff leichtfiel, der übersprang einfach eine Anzahl von Knoten, und wem er schwerfiel, der konnte Verzweigungen und Rekursionen wählen.

Von 1963 an war die gleichzeitige Benutzung durch ganze Gruppen möglich, und eine eigene Programmiersprache sollte es bald auch informatisch illiteraten Dozenten ermöglichen, ihre Kurse in Plato „einzupflegen“. „Massiv“ im Sinne der MOOCs war Plato sicher nicht, doch waren um 1972 bereits beachtliche 150 Orte angeschlossen, und Entwicklungen wie Messageboards, Instant Messengers oder frühe Computerspiele sollten hier entstehen, durch die sich vor dem planmäßigen Lernen flüchten lässt.

Autonom und rechnergestützt

In Deutschland hatte man sich der Sache ebenfalls angenommen: technisch schlechter ausgestattet, dafür aber umso grundsätzlicher. Helmar Franks voluminöse „Kybernetische Grundlagen der Pädagogik“ (1962), etliche Sammelbände und regelmäßige Tagungen zu „Lehrmaschinen in kybernetischer und pädagogischer Sicht“ legen davon unterhaltsam Zeugnis ab; nicht zuletzt weil Eindeutschung verlangt war. Der „Lernalgorithmierer“ betritt die Bühne, sobald Dozenten „sich durch Einsatz von Lehrautomaten möglichst weitgehend entbehrlich“ machen können. Und zwar insbesondere in so ineffizienten Formen wie der Vorlesung, denn Professoren verschleudern Information und überfordern Aufnahmekapazitäten durch unnütze Sätze, lautes Denken und Reden über die studentische Aufmerksamkeitsspanne hinaus.

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