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Automatisierung der Lehre : Eine kurze Geschichte der Unterrichtsmaschinen

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Hier konnte Frederic Skinner nach 1950 mit seinem radikalen Behaviorismus anschließen. Verhaltensformen, so sein Credo, können nur aufgebaut werden, indem sie tatsächlich geäußert werden. Jemand kann lesen, wenn er sich beobachtbar vor einem Hinweisschild verhält oder das Geschriebene wiedergeben (zum Beispiel laut aufsagen) kann. So etwas wie „Einsicht“ zu vermitteln sei hingegen ein Ding der Unmöglichkeit.

Die Konditionierbarkeit schöpferischen Denkens

Die Kategorie des Historischen wäre demgemäß während des Studiums der Geschichte nicht konditionierbar. Stattdessen müsse durch bestimmtes Lehrmaterial darauf hingewirkt werden, dass Fragen so beantwortet und Situationen so bewältigt werden, dass darin ein studentisches Verhalten beobachtbar ist, das nach historischem Denken aussieht. Was dabei im Kopf vorgeht, ist egal, Hauptsache, die Äußerungen können so konditioniert werden, dass das Verhalten in ein Geschichtsseminar „passt“.

Derlei konkrete Fertigkeiten leiden - so Skinner 1954 - unter „vagen Errungenschaften“ wie „Erziehung zur Demokratie“, „Ganzheitserziehung“, „Erziehung fürs Leben“ und Ähnlichem. Selbst schöpferisches Denken sei konditionierbar, sofern man erst einmal wüsste, welches Verhalten als schöpferisch beobachtet werden kann.

Unterricht als Herrschaft über Köpfe

Wenn Skinner nun 1958 in einem Aufsatz mit dem schlichten Titel „Lehrmaschinen“ den Einsatz derselben fordert, dann gleichen die Argumente denen der Vorkriegszeit. Einerseits nämlich gilt die Forderung nach effektiverer Produktion von „Bildung“ auch in Zeiten des Kalten Kriegs und des Wettlaufs der Systeme. Überall könne man die „Erfindung arbeitssparender Geräte“ beobachten, nur nicht in der Lehre. Hier aber sei sie unabdingbar wegen der „Gefahr größerer technischer Erfolge im Ausland“.

Andererseits aber gelte es, Lehrende und Lernende durch medientechnische Aufrüstung für die „eigentliche“ erzieherische Arbeit zu befreien. Film, Fernsehen, Plattenspieler und Tonband sind nun die Medien der Wahl. Unter dem Stichwort „Lerngutprogrammierung“ entstehen umfangreiche Programme mit möglichst kleinteilig modularisierten Lerneinheiten (frames), die darum umso sicherer konditionierbar sind. Der Nachweis wurde Ende der 1950er Jahre ausgerechnet in Harvard geführt, wo am sogenannten „Selbstinstruktionszentrum“ zweihundert Studenten 1400 Lerneinheiten in 14,5 Stunden bewältigten: das Äquivalent von zweihundert Seiten - und dies in kürzerer Zeit als in jedem Seminar und angeblich mit geringerer Anstrengung.

Das kybernetische Angebot kam gerade recht

Damit hatten sich Skinner und die seit einem Jahrzehnt schon boomende Kybernetik knapp verpasst, die sich anschickte, nun auch das Lehren und Lernen unter die neuen informationstheoretischen Leitbegriffe von „communication“ und „control“ zu stellen. „Unterrichten heißt: das Lernen kontrollieren“, schrieb Gordon Pask in „Learning and Teaching Machines“ (1961). Und dies auf beiden Seiten, denn der Computer als neuer Maschinentypus unterscheide sich von den mechanischen und optischen Vorrichtungen eines Pressey oder Skinner dadurch, dass er selbst lernfähig sei und komplexes, algorithmisches Verhalten zeige. Die Lehrmaschine - so die Hoffnung im proklamierten Zeitalter der „Elektronengehirne“ - lernt zugleich etwas über den, der an ihr lernt, und kann sich dies zunutze machen. Die Systeme sollen adaptiv und individualisierend werden: Aus den Schwächen des Einzelnen mögen die Stärken des Lehrsystems erwachsen.

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