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Diplom oder Bachelor? : Arme Ingenieure

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Ingenieursleistung: Schülerin Julia Plötz im Juni 2005 beim Papierbrückenwettbewerb der Universität Rostock in Wismar Bild: picture-alliance/ ZB

Dürfen Studierende auf eigenen Wunsch den Abschluss als Diplom-Ingenieure machen? Im Nordosten sollte das noch möglich sein. Aber nicht mit dem Akkreditierungsrat! Jetzt liegt laut Gutachten Schwerin in Europa, aber nicht in Deutschland.

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          Im Zuge der Bologna-Reformen wurden die akademischen Abschlüsse neu definiert. Der lauteste Protest kam damals von den Ingenieuren. Ihnen nämlich wurde der Diplom-Abschluss genommen. Dabei hatte er sich überall höchsten Ansehens erfreut. Dass ein Ingenieur schon nach sechs Semestern Bachelorstudium im selben Sinne berufsfähig sein würde, war nicht glaubhaft. Dass man mit dem anspruchsvollen Studium nicht erst kurz vor Studienende beginnen kann, lag auf der Hand.

          Es war wie oft bei Reformen: Für etwas, das nicht kaputt war, wurden aufwendigste Reparaturen angeordnet. Selbst in der Industrie, die sich zunächst eine Verbilligung des Personals erhofft hatte, kamen Zweifel auf. Dann scherte ein Bundesland aus dem Konsens sachblinder Reformtruppen aus. In Mecklenburg-Vorpommern verabschiedete das Parlament ein Gesetz, das seinen Hochschulen erlaubt, nach Umgestaltung der Prüfungsordnungen den alten Titel wieder zu verleihen, sofern Studierende das wollen. Ein Aufschrei ging durch die Funktionärslandschaft.

          Man heuchelte Sorge, ob Abschlüsse aus Wismar und Schwerin andernorts noch anerkannt würden, wohl wissend, dass es der Bachelor-, nicht der Diplom-Titel ist, der Akzeptanzprobleme hat. Man sah die Einheit des Landes gefährdet, wie immer, wenn jemand mit regionaler Autonomie ernst macht. Der Akkreditierungsrat, zuständig für nationale Studiengangsprüfung und die teuerste wie dümmste Einrichtung der deutschen Hochschulpolitik, verweigerte zwei Ingenieursstudiengängen in Rostock und Stralsund die Anerkennung. Und zwar nur mit der Begründung, Diplom gehe gar nicht. Die Kultusministerkonferenz (KMK) habe das so beschlossen. Na klar, das lukrative Akkreditierungsgeschäft entfiele, wenn herauskäme, dass Hochschulen selbst wissen, was sinnvoll ist.

          Doch wer ist die KMK? Stehen ihre Verabredungen über Landesparlamenten? Was für eine Demokratie haben wir denn? Sogar ein Gutachten des Hamburger Staatsrechtlers Hans-Heinrich Trute für die Diplom-Gegner kommt jetzt zu dem Schluss, in Europa drohten dem Schweriner Diplom keine Anerkennungsprobleme, nur in Deutschland. Das wirft gerade für Bologna-Enthusiasten, deren Reform ja angeblich auf mehr Europäisierung zielte, logische Probleme auf. Mecklenburg-Vorpommern wäre dann, rechtlich gesehen, ein Teil von Europa, aber nicht von Deutschland, obwohl Deutschland ein Teil von Europa bliebe. Man muss für Ingenieure, denen das zu hoch ist, Verständnis haben. Sie repräsentieren in diesem Fall, wie die Mecklenburger, was an Vernunft noch übrig ist in der Hochschulreform.

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