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Kurdische Universität Dohuk : Aufbruch im Schatten des Krieges

  • -Aktualisiert am

In Aufbruchstimmung: Studentinnen auf dem Campus von Dohuk Bild: Farhad Babaei/laif

Im kurdischen Teil des Iraks liegt nicht alles in Trümmern. An der erstaunlich modernen Universität von Dohuk plant man mit deutscher Hilfe den Wiederaufbau.

          5 Min.

          Kahle Berghänge umgeben Dohuk, die drittgrößte Stadt der Autonomen Region Kurdistan im Norden des Iraks. Die Stadt ist in den letzten Jahrzehnten schnell gewachsen, überall an den Rändern fressen sich Neubaugebiete in die terrassierten Gärten der angrenzenden Berge. Dazwischen Moscheen, zwei Kirchen, Shopping Malls und am Westrand der Stadt, weiträumig über vier Hügel verteilt, die Instituts- und Seminargebäude der 1992 eröffneten Universität Dohuk. Wie eine Akropolis erhebt sich, von der Morgensonne angestrahlt, auf dem höchsten Punkt die Medizinische Fakultät.

          Das ist kein Campus der kurzen Wege, eher das steingewordene Versprechen der kurdischen Regionalregierung an die nächste Generation: Wir sorgen für eure bestmögliche Ausbildung in einem Land, das sich gerade von Krieg und Bürgerkrieg erholt und doch wieder bedroht ist durch die Milizen des „Islamischen Staats“. Siebzehn Fakultäten hat die Universität, von der Medizin über Ingenieurwissenschaften und Geisteswissenschaften bis hin zu Architektur und Raumplanung. 1400 Dozenten unterrichten 17 500 Studenten, die Hälfte davon Frauen, wie der Universitätspräsident stolz erläutert. Gelehrt wird überwiegend auf Kurdisch, in Einzelfällen auf Arabisch und in technischen und naturwissenschaftlichen Fächern auch auf Englisch.

          Eine gut ausgestattete, aufstrebende Universität, die sichtbar vom langen Wirtschaftsboom Kurdistans mit jährlichen Wachstumsraten von durchschnittlich acht Prozent profitiert hat. Studenten mit ihren Smartphones in den Gängen und in den Mensaschlangen, viele Studentinnen mit einem anmutig aufs Haar gesteckten Kopftuch, mehr modisch als streng religiös gewandet, manchmal mehr an den Leistungspunkten als an den Vorlesungen interessiert - eigentlich ganz so wie an Universitäten überall auf der Welt. Einerseits. Andererseits: Wer mit Dozenten spricht oder mit Studenten, wird doch schnell an die besondere Situation des Landes erinnert. Immer ist da die Zeitrechnung, die unterscheidet zwischen „vorher“ und „danach“, also vor Juni 2014, vor dem Vormarsch der IS-Milizen, vor der Übernahme von Mossul, der zweitgrößten Stadt des Iraks, durch den IS, und danach. Mossul ist nur sechzig Kilometer von Dohuk entfernt, das vom IS kontrollierte Gebiet gar nur vierzig Kilometer. „Vorher“ wurde auf dem Campus jedes Jahr ein neues Institutsgebäude fertiggestellt, jetzt ist die Bautätigkeit praktisch zum Erliegen gekommen.

          Normalität im Ausnahmezustand

          Der Wirtschaftsboom des letzten Jahrzehnts ist in eine Krise umgeschlagen, deutlich spürbar für die Dozenten. Seit vier Monaten haben sie keine Gehälter bekommen, weil die Zentralregierung in Bagdad nur schleppend die Mittel an die kurdische Regionalregierung überweist. Es gibt auch kleine Veränderungen. Im Büro des Universitätspräsidenten hängt jetzt ein großes Farbfoto kurdischer Peschmerga-Kämpfer in der Gebirgslandschaft ihrer Heimat. Ihre Waffen haben sie ganz in der Ikonographie des Guerillakrieges auf imaginäre Gegner in der Ferne gerichtet, mutmaßlich auf IS-Kämpfer. Noch vor zwei Jahren schmückten dieselbe Wand Bilder von Begegnungen mit den Präsidenten anderer Universitäten in Großbritannien oder Deutschland. Unter den Studenten sind Jesiden und assyrische Christen, deren Familien vor den IS-Truppen fliehen mussten und die jetzt im Flüchtlingslager in Kurdistan leben.

          Deutlicher noch sind die Unterschiede zwischen „vorher“ und „danach“ in der Stadt. Die Autonome Region Kurdistan mit ihren 5,3 Millionen Einwohnern hat zwei Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aufgenommen. Die meisten von ihnen leben seit 19 Monaten in riesigen Lagern. Keiner weiß, wie viele Flüchtlinge in Dohuk, einer Stadt mit offiziell 320 000 Einwohnern, inzwischen Unterschlupf gefunden haben. Eine Stadt im Ausnahmezustand, ein Land im Krieg gegen das „Kalifat“. Aber das Alltagsleben hat sich bemerkenswert wenig verändert. Auch der Universitätsbetrieb ist nie unterbrochen worden.

          Die jüngste der 17 Fakultäten der Universität Dohuk ist die „Fakultät für Raumplanung und Angewandte Wissenschaften“. Sie bietet einen Studiengang in Geologie und Hydrologie an - naheliegend in einem Land, in dem Erdölexploration und -förderung wesentliche Wirtschaftsgrundlage sind. Seit vier Jahren gibt es außerdem einen englischsprachigen Bachelor-Studiengang Raumplanung, also in Stadt- und Regionalplanung. Professor Nazar Numan, selbst ausgewiesener Hydrogeologe, der viele Gutachten für die Erdölbranche erarbeitet hat, engagiert sich in besonderer Weise für den Raumplanungsstudiengang. „Das fossile Zeitalter geht zu Ende. Geologie haben wir in der Vergangenheit gebraucht, und noch brauchen wir das Erdöl, aber für unsere Zukunft brauchen wir noch etwas anderes!“, sagt er. Nach den traumatischen Vertreibungen und Umsiedlungen der kurdischen Landbevölkerung unter Saddam Hussein, nach Kriegserfahrungen und dem Ende des Wirtschaftsbooms sei Raumplanung das Gebot der Stunde.

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