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American Historical Review : Zeitschrift sucht Autor*innen

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All you can eat für jedermann - und jede Frau: Empfang der Präsidentin beim Jahreskongress der American Historical Association 2015 in New York Bild: AHA/Mark Monaghan

Die Hauszeitschrift der amerikanischen Historiker gibt sich neue Regeln. Mehr Historikerinnen sollen schreiben, mehr Eingewanderte, mehr Jüngere. Hehre Ziele in einem System, das Exklusion zum Prinzip gemacht hat.

          Die Zeitschrift „American Historical Review“ (AHR), gegründet 1895, ist eine Institution, und das nicht nur, weil sie das offizielle Organ des amerikanischen Historiker*innenverbandes ist, der American Historical Association (AHA). Wichtige Debatten wurden und werden in der AHR geführt, von Geschlecht als historischer Analysekategorie (Joan W. Scott) über Erinnerungskultur (Alon Confino), Film und Geschichte (Robert Rosenstone) bis hin zu dem „Roundtable“, der vor drei Jahren unter dem Motto „Geschichte trifft Biologie“ das Verhältnis der Historie zu Ökologie, Anthropologie und Evolutionärer Psychologie erörterte. Die bei Oxford University Press erscheinende Zeitschrift verfügt über eines der aufwendigsten Begutachtungs- und Überarbeitungsverfahren der Geisteswissenschaften, das sich auf bis zu sechs Runden erstrecken kann, und präsentiert Spitzenforschung von Autor*innen, die zumeist an Universitäten der Vereinigten Staaten unterrichten.

          Der geschäftsführende Herausgeber Alex Lichtenstein, seit 2017 im Amt, hat jetzt im Vorwort des neuesten Heftes einen umfangreichen Maßnahmenkatalog bekanntgemacht, der die Richtlinien der Manuskriptakquise neu definiert. Man will die Qualitätsstandards erhalten und hält es gerade deshalb für geboten, explizit den Zweck der „Dekolonisierung“ des eigenen Organs zu verfolgen. Die AHR soll künftig auch in der Autor*innenschaft jene Diversität abbilden, die in der Forschung längst zu finden ist.

          Entkolonialisierung beginnt daheim

          Exkludierende Praktiken zu minimieren und mehr Wissenschaftlerinnen, mehr „people of color“, Migrant*innen, Indigene und Kolonialisierte als Autor*innen zu gewinnen: Das bedeutet für den Professor für amerikanische und südafrikanische Geschichte an der Indiana University in Bloomington „Dekolonisierung“. Mit dieser Metapher – von Lichtenstein ausdrücklich als Signal des Umdenkens interpretiert – setzt die Zeitschrift sich hehre Ziele in einem System, das Exklusion auf vielfältige Weise zum Prinzip gemacht hat.

          Veränderungen in der Struktur des Herausgebergremiums und bei den Rezensionen sollen den Wandel vorantreiben. Die AHA soll das Herausgebergremium um drei Posten erweitern, und diese sollen nach Diversitätskriterien besetzt werden, zugleich wird ein mit drei Personen besetztes Komitee für Diversität berufen. Zudem sollen Herausgeber*innen auf wichtigen Konferenzen etwa zur afroamerikanischen Geschichte für Einsendungen werben, beim Jahrestreffen des AHA sollen 2019 weitere Maßnahmen diskutiert werden.

          Konkreter geht es bei der Auswahl der Rezensent*innen und zu rezensierenden Bücher zu – hier kann Lichtenstein wohl selbst am meisten steuern, denn er wird assoziierte Rezensionsredakteure berufen, die sich um die Vielfalt dieser wichtigen Sektion der Zeitschrift kümmern. Künftig können auch frisch Promovierte in der AHR Bücher besprechen, denn eine veröffentlichte Monographie ist nicht mehr nötig. Das Nadelöhr Doktortitel aber wird bleiben, und man muss abwarten, wie stark ein bloßes zeitliches Vorziehen des Mitwirkungsprivilegs zu mehr Vielfalt führen wird, wenn dies jahrelanger Affirmative Action nicht gelungen ist.

          Andere Themen ziehen andere Autoren an

          Wesentlich ist die künftige Nutzung dieser Daten. Es nützt ja nichts, Vielfalt repräsentierende Personen identifiziert zu haben, wenn man sie nicht auch anfragt, und zwar hartnäckig, das ist aus der Praxis bezüglich Autorinnen durch die jährlichen statistischen Erhebungen der amerikanischen Vereinigung „Vida: Women in Literary Arts“ hinlänglich bekannt. Für nicht-fachwissenschaftliche englischsprachige Rezensionsorgane machte die Vida-Studie 2016 ein Verhältnis von zwei Dritteln Männern zu einem Drittel Frauen bei Rezensierten und Rezensierenden aus.

          Auch eine Erweiterung des Themenspektrums strebt die AHR an, denn man erwartet, dass andere Themen andere Autoren anziehen. Populäre Geschichtsdarstellungen sollen künftig regelmäßig besprochen werden. Die Rubrik „In the Field“ bietet Raum für Essays zu neuen Quellenbeständen, dazu kommen Artikel zu nichtenglischsprachiger Forschung, all diese Beiträge sollen bis auf weiteres weniger intensiv begutachtet werden. Der Endzweck muss aber sein, Vielfalt nicht nur in neuen Randbereichen, sondern im Kerngeschäft der Zeitschrift zu etablieren und langfristig zu verankern.

          Die AHR steht am Beginn eines Prozesses, von dem sich Lichtenstein bis zum Ende seiner Amtszeit 2021 erste Erfolge erhofft. Ein weiteres Ziel könnte sein, als Zeitschrift die Forschung von nichtwestlichen Wissenschaftler*innen auch dann abzubilden, wenn sie nicht in den Vereinigten Staaten lehren. Die globale Vernetzung der neuen Herausgeber*innen wie der assoziierten Redakteure wird dafür entscheidend sein. Wenn die AHR sich nachhaltig dekolonisieren will, sollte sie kommende runde Tische diversitätsspezifischen Methodenfragen widmen.

          Man darf gespannt sein auf die weiteren Maßnahmen und Daten zur professionellen Vielfalt der Zeitschrift, die Lichtenstein für das Jahrestreffen der AHA im Januar 2019 angekündigt hat, ebenso auf die Diskussion darüber. Noch gespannter allerdings darf man darauf sein, ob und wie die von der AHR angestoßene Diskussion im wissenschaftlichen Zeitschriftenwesen außerhalb der Vereinigten Staaten aufgenommen wird – vor allem in Regionen, in denen sich die Einsicht noch nicht durchgesetzt hat, dass Männer allein keine Vielfalt bedeuten.

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