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Museumsförderung in Polen : Darf man mit der Erinnerung Handel treiben?

Im ECS in Polen wird an die Solidarnosc-Bewegung erinnert. Bild: Picture-Alliance

Das Europäische Zentrum der Solidarität in Danzig erinnert an die gemeinsame europäische Identität. Nun hat die polnische Regierung ihren Zuschuss gekürzt und ein nach Erpressung riechendes Angebot nachgeschoben.

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          Wieder setzt Polens nationalkonservative Regierung eine wichtige Institution in Danzig unter Druck: Nach dem Museum des Zweiten Weltkriegs trifft es jetzt das Europäische Zentrum der Solidarität (ECS). Beide Häuser zählen zu den sechs größten, zumeist auch mit beeindruckenden Neubauten verbundenen Museumsgründungen in Polen seit 1989.

          Initiator des ECS, das in kurzer Zeit zwei europäische Preise gewonnen hat, war der kürzlich auf offener Bühne erstochene liberale Danziger Bürgermeister Pawel Adamowicz (der vorbestrafte Täter beschimpfte nach dem Mord zum wiederholten Male die liberalen Kräfte). Adamowicz hatte sich in Berlin vom beliebten Mauermuseum am Checkpoint Charlie dazu anregen lassen. Das Konzept wurde im ECS jedoch verfeinert und erweitert. 2005 bekundeten die Staats- und Regierungschefs Mittel- und Osteuropas ihre Unterstützung für das Vorhaben; nur Berlin zuckte aufgrund kleinlicher Bedenken zurück.

          Das Erbe der Bürgerbewegungen pflegen

          Das Zentrum wurde gebaut: in Danzig auf dem Gelände der ehemaligen Lenin-Werft, wo 1980 die größte Bürgerbewegung des Ostblocks entstanden war, die von Lech Walesa geführte Gewerkschaft Solidarność. 2014 war Eröffnung. Heute ist das auch mit EU-Mitteln gebaute Haus, dessen rostfarbene Fassadenplatten an den Schiffbau in der Werft erinnern, Gedenk- und Bildungsstätte in einem. Es soll laut Statut das Erbe der Bürgerbewegungen in Polen, im Ostblock und darüber hinaus pflegen und weiterführen und „am Bau einer europäischen Identität und einer neuen internationalen Ordnung aktiv mitwirken“. 2018 kamen 900 000 Besucher.

          Nun hat der finanziell wichtigste Träger, Polens Regierung, ihren Jahreszuschuss von umgerechnet 1,6 Millionen Euro um gut vierzig Prozent gekürzt. Das darf sie zwar; doch sie hat jetzt ein nach Erpressung riechendes Angebot nachgeschoben. Das Kulturministerium fordert öffentlich, einen Vizedirektor im ECS selbst benennen zu dürfen (den Direktor benennt die Stadt Danzig). Das Ministerium findet auch, der rechte Flügel in der Solidarność-Bewegung müsse stärker gewürdigt werden, und winkt gleich mit der Möglichkeit, den Zuschuss wieder zu erhöhen.

          Wer die Dauerausstellung kennt, wird eher der Aussage des ECS-Direktors Basil Kerski glauben: „Wir haben sie bewusst so konzipiert, dass sich alle Polen darin wiederfinden.“ Danzigs kommissarische Bürgermeisterin Aleksandra Dulkiewicz fragt die Regierung: „Darf man mit der Erinnerung an die Solidarność-Bewegung, die Polen und Europa verändert hat, Handel treiben?“ Sie werde nicht zulassen, dass die Regierung „das ECS übernimmt“, sagte sie nach einem Krisengespräch im Ministerium und bat die Bürger am Freitag um Spenden für das Haus.

          Das Ministerium hat Übernahmegelüste dementiert. Aber wie endete damals der Streit um das Weltkriegsmuseum? Die Regierung schaffte es, den angeblich unpatriotischen Gründungsdirektor hinauszudrängen, die Gerichte arbeiten bis heute. Doch die schlimme Ausstellung wurde nur „unwesentlich“ verändert, wie es jetzt heißt. Nanu? Sollte es am Ende gar nicht um Inhalte gegangen sein?

          Gerhard Gnauck

          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

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