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Leipziger Buchmesse : Mut zur freien Aussprache

Die Messegäste kommen erst noch, die Flüchtlinge sind schon da: Die Buchmesse will das Thema nicht unterm Deckmäntelchen halten. Bild: dpa

An diesem Mittwoch beginnt die Leipziger Buchmesse. Direkt neben den Hallen der Messe sind Flüchtlinge untergebracht. Die Messeleitung will offensiv mit dem Thema umgehen.

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          Die Leipziger Buchmesse öffnet ihre Tore. Auf der wichtigsten Frühjahrsveranstaltung für die deutschsprachige Verlagsbranche werden sich rund eine Viertelmillion Besucher durch die Hallen wälzen. In einer von ihnen hielten sich noch bis vor drei Monaten andere Gäste auf: Bis zu 1800 Flüchtlinge waren seit September in Halle 4 des Leipziger Messegeländes einquartiert. Die Messegesellschaft, eine kommunale Einrichtung, bemühte sich, möglichst wenig über diese Nutzung nach außen dringen zu lassen, um die Aussteller nicht zu verunsichern. Trotzdem äußerten dem Vernehmen nach mehrere von ihnen große Sorgen über etwaige Beeinträchtigungen der Messen, und es gab auch vereinzelte Absagen. Während der vier Monate paralleler Nutzung der Hallen als Ausstellungsflächen und Flüchtlingsunterkunft hat es aber keine Störungen des Messebetriebs gegeben.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Mitte Dezember sind die Flüchtlinge dann in acht Leichtbauhallen umgezogen, die neben dem Ausstellungsareal auf dem Messegelände errichtet worden sind. Die Stadt als Messe-Eigentümerin kann auf diesem Terrain freier agieren als im Falle anderer Liegenschaften, weil das Gelände im Hinblick auf mögliche Erweiterungsbauten großzügig bemessen wurde. Dadurch, dass die Flüchtlinge aber Nachbarn der Messe bleiben, besteht auch das Kommunikationsproblem weiter. Spricht man die Situation offen an und riskiert dadurch, die eigene Kundschaft auf denkbare Geschäftsbeeinträchtigungen aufmerksam zu machen? Oder schweigt man besser weiter? Der Leipziger Oberbürgermeister wiederum ist einer der aktivsten Amtsträger im Einsatz für Flüchtlinge und gegen die in Sachsen weitverbreitete Aufnahmeskepsis.

          Das Reizthema offensiv angehen

          Der Fall zeigt wie im Brennglas die Schwierigkeiten einer praktischen Umsetzung der politisch geforderten und auch gebotenen Integration von Flüchtlingen, obwohl hier nicht einmal gewachsene Wohnquartiere betroffen sind. Das 1996 fertiggestellte neue Messegelände liegt am nördlichen Rand der Stadt direkt an der Autobahn in einem reinen Gewerbegebiet.

          Mit der Buchmesse findet nun jene Veranstaltung der Leipziger Messe statt, welche die größte Außenwirkung hat. Und wenig überraschend: Das Flüchtlingsthema ist auch inhaltlich für viele Aussteller wichtig – vor allem im Sach- und Kinderbuchsegment gibt es in diesem Frühjahr eine Flut an Neuerscheinungen, die sich den unterschiedlichsten Facetten der Flüchtlingskrise widmen. In der deutschen Belletristik tut sich dagegen noch nicht so viel, aber Romanciers brauchen auch mehr Zeit für ihre Bücher. Das gesellschaftliche Engagement deutschsprachiger Schriftsteller und ihrer Standesorganisationen in der Diskussion um die Flüchtlinge steht jedenfalls schon jetzt außer Frage.

          Deshalb gehen die Organisatoren der Buchmesse das Reizthema der aus der Sicht ihrer Betreibergesellschaft unerwünschten Flüchtlingsunterkünfte auf dem eigenen Gelände weitaus offensiver an, als es bei den bisherigen Veranstaltungen der Fall war. Das ist auch nötig, denn der Veranstaltungskalender mit den mehr als zweitausend Lesungen, die in den vier Tagen nicht nur auf dem Messegelände, sondern in der ganzen Stadt stattfinden werden, weisen etliche Termine auf, mit denen sich Verlage bemühen, dieses Forum zu nutzen, um streitfreudige Positionen zu beziehen – sowohl auf Seiten der Flüchtlingsfreunde wie der Gegner der Flüchtlingspolitik.

          Denk-Raum statt Gastland

          Die Leipziger Buchmesse versteht sich seit dem Fall der Mauer als Brückenbauer nach Ost- und Südosteuropa – das war die Rechtfertigung für ihr Weiterleben neben der ungleich größeren Konkurrentin in Frankfurt am Main. Mittlerweile hat sie sich ein anderes eigenes Profil geschaffen: Die Leipziger Veranstaltung gilt im Vergleich mit Frankfurt als jünger und vor allem leserfreundlicher. Doch der politische Anspruch und die Neugier auf besondere Kontakte zu denjenigen Kulturen, die früher hinter dem Eisernen Vorhang existieren mussten, haben sich erhalten, und gerade jetzt, wo die ominöse „Balkanroute“ der Flüchtlinge durch ein halbes Dutzend dieser Länder läuft, fühlt sich die Buchmesse dem Thema besonders verpflichtet.

          Deshalb sucht sie ihr Heil nicht im Verschweigen der Existenz der Flüchtlinge neben den eigenen Hallen, sondern im offenen Gespräch darüber. Als besonderer Schwerpunkt der in diesem Jahr wieder einmal gastlandlosen Leipziger Buchmesse wurde kurzfristig noch ein von der Publizistin Insa Wilke kuratierter „Denk-Raum“ zur Flüchtlingsfrage ins Leben gerufen, der unter dem Motto „Europa21“ stehen wird. Gäste aus Syrien, Serbien, der Schweiz, Schweden, Russland, Polen und Deutschland werden ihre jeweiligen Sichtweisen vorstellen. „Das Thema Flucht und Fluchtursachen, Willkommenskultur und Fremdenangst bewegt alle Teile der Gesellschaft“, hat Oliver Zille, der Direktor der Leipziger Buchmesse, bei der Vorstellung dieses spontan konzipierten Programms gesagt. Das war als Plädoyer für Mut beim Ansprechen des umstrittenen Themas vor allem eine Bemerkung in Richtung der eigenen Messegesellschaft.

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