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Flüchtlingslager in Kenia : Das Geschäft mit dem Leid

  • -Aktualisiert am

Dadaab ist ein Politikum: Es bringt eine der großen Fragen unseres Jahrhunderts nicht etwa auf den Punkt, es hält sie in der Schwebe. Bild: AFP

Dadaab, das größte Flüchtlingslager der Welt, liegt in Kenia. Vor Ort zu recherchieren kostet Geld. Doch was heißt es für die Berichterstattung, wenn Geschichten verkauft werden?

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          Superlative lassen sich gut verkaufen, das weiß auch Abdi, einer der Vermittler in Dadaab. Er nimmt fünfhundert Dollar pro Tag für die Führung durch das weltgrößte Flüchtlingslager, gelegen im nordöstlichen Kenia, bewohnt von knapp einer viertel Million Menschen, vor Dürre und Unruhen aus den Nachbarländern geflohen. 96 Prozent von ihnen kommen aus Somalia, einem der ärmsten und am wenigsten entwickelten Länder der Welt, einem der hoffnungslosesten fallen states. Fünfhundert Dollar will Abdi dafür, dass er Journalisten Geschichten beschafft und O-Töne von den Menschen, die hier festhängen, sich durchschlagen oder einfach nur abwarten. Zeit scheint an diesem Ort nichts Bewegtes zu sein, nichts mit Richtung oder gar Ziel, sondern etwas Unveränderliches.

          Unveränderlich ist auch Abdis Angebot, das Rundum-sorglos-Paket für die westlichen Journalisten, das ein Gespräch mit einer jungen Frau beinhaltet und eines mit einer neunfachen Mutter, ein Gespräch mit zwei Männern, die sich mit einer Eisfabrik selbständig gemacht haben im ältesten Teil des Flüchtlingscamps, und eines mit einem Sechsundzwanzigjährigen, der kurz nach der Gründung des Lagers in Dadaab geboren wurde. Vermutlich hat Abdi diese Schicksale schon an die „Washington Post“ und den „New Yorker“ losgeschlagen. Ich will keine gekauften Geschichten, versuche ich ihm klarzumachen, aber ohne Abdi und seinen Deal darf ich das Lager nicht betreten. Der UNHCR ist nicht sonderlich scharf darauf, dass eine weiße Frau für eine Romanrecherche allein durch Dadaab reist.

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