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Flüchtlingsdebatte : Woher kommt das Ressentiment?

Die Begriffswahl von der „Homogenität der Gesellschaft“ hat Böckenförde später als ungeschützte Formulierung relativiert; gemeint sei eine „relative Homogenität in dem Sinn, dass man eine gemeinsame Vorstellung davon hat, wie man zusammenleben will“. Aus dieser Minimalgemeinsamkeit, die erst die Vielfalt möglich macht, bricht ein Teil der Gesellschaft soeben aus. Mitten in der „Mehrheitsgesellschaft“, die auf Integration so viel Wert legt, wenn es um Ausländer geht, erteilt ein Teil der Deutschen selber der Integration eine Absage.

Das Ressentiment-Milieu nimmt den Mainstream-Diskurs entweder gar nicht zur Kenntnis, oder es wappnet sich gegen ihn mit einem Abwehrmechanismus, der alle universalistischen Argumente zu Manipulationen von verschwörerisch miteinander verbundenen herrschenden Mächten erklärt. Die aus sich selbst wirkende Regulierungskraft der Zivilgesellschaft, die Böckenförde beschwor, scheint von den Familien über die Schulen bis zur Öffentlichkeit an eine Grenze gestoßen zu sein.

Aus unterschiedlichen Richtungen, vom Heidegger-Herausgeber Peter Trawny ebenso wie vom Kolumnisten Jakob Augstein, wurde diese Woche die Frage aufgeworfen, ob dies zumindest bei dem Teil des Ressentiment-Milieus, welcher der sogenannten Unterschicht angehört, auch eine Reaktion auf eine Marginalisierung ist, die zuvor schon vom Mainstream ausgegangen war.

Rein finanziell betrachtet sind alle Bürger des Sozialstaats Teil einer die Härten des kapitalistischen Wettkampfs abmildernden Solidargemeinschaft. Doch in der Kultur und im öffentlichen Gespräch der Gesellschaft haben die vom Markt Abgehängten wenig von der Solidarität und den anderen universellen Menschheitsidealen gehört, die eine mehr oder weniger gut situierte Mittelschicht jetzt allenthalben für die Flüchtlinge einklagt. In den Hauptprogrammen des Fernsehens kommen die „Unterschichten“ gar nicht erst vor, wenn sie nicht in Spektakeln wie „Big Brother“ der Lächerlichkeit preisgegeben werden; und in den gepflegten Debatten des Establishments sind sie und ihr „Billigkonsum“ allenfalls ein Gegenstand der ästhetischen Verachtung.

Ist „Solidarität“ abgehakt?

„Solidarität“ ist als bereits institutionalisierte und bürokratisierte Leistung gewissermaßen abgehakt, als lebendiges und forderndes innergesellschaftliches Thema ist sie in der Öffentlichkeit kaum präsent; bei aller rituell geäußerten Abwehr neoliberalen Denkens beherrschen dessen Gewinnermaßstäbe doch die offizielle Kultur. Selbst ein sich als fortschrittlich und links empfindendes Bewusstsein sucht seine Aufgaben heute eher bei sogenannten Zukunftsthemen als bei vermeintlich so Gestrigem wie sozial Depravierten. Könnte es also tatsächlich sein, dass die polemische Zurückweisung von allem, was dem Mainstream heilig ist, auch eine Art Trotzreaktion ist?

Zugleich mag die systematische Empathie-Abwehr gegenüber Flüchtlingen, die gerade Schlimmstes hinter sich haben, auf verquere Weise auch ein Spiegel der Abstraktheit des offiziellen politischen Diskurses sein. Unvergessen ist der Aha-Effekt, als das Flüchtlingsmädchen angesichts der ehrlich gemeinten Bürokratensprache der Kanzlerin in Tränen ausbrach. Wenn die Wirklichkeit der Zahlen und der administrativen Abläufe ein zu isoliertes Eigenleben in der öffentlichen Diskussion bekommt, kann dies offenbar auch entgegen den gleichzeitig geäußerten humanitären Bekundungen einen Abstumpfungseffekt hervorbringen.

In einer Lage der kulturellen Abschottung, die sich Neonazi-Netzwerke immer systematischer zunutze machen dürften und in der alle direkten staatlichen Aktionen jenseits der Polizeigewalt keine großen Erfolgsaussichten haben, kommt es daher wahrscheinlich mehr denn je darauf an, dass die Politik eine integrierende Sprache findet – eine Sprache, die nicht nur wie bisher zwischen den Erfordernissen der moralischen Prinzipien, der Finanzen und der inneren Sicherheit vermittelt, sondern die auch dem ökonomischen Selbstlauf ein Gesellschaftsbild gegenüberstellt, das die abgehängten Deutschen ebenso wie die Schutz suchenden Nicht-Deutschen einschließt.

Es müsste eine Sprache sein, die Empathie nicht von wechselnden Moden abhängig macht und die daher, wenn sie sich auf Dauer als kohärent erweist, stärker sein kann als das Ressentiment. Bis sich eine solche Sprache herausbildet, könnte auch die Popkultur für ein symbolisches Äquivalent sorgen: zum Beispiel mit einem Konzert gegen Ausgrenzung von, sagen wir, Helene Fischer und anderen populären Unterhaltungsgrößen am Brandenburger Tor. Das würde allen Beteiligten auf unterschiedliche Weise ihren Teil an Integrationsmühe abverlangen, dem Mainstream, den Flüchtlingen und dem sogenannten Pack. Aber gerade deshalb wäre es ein wirksames Zeichen.

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