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Flüchtlingsdebatte : Being Til Schweiger

  • -Aktualisiert am

Til Schweiger Bild: © Stephan Pick /ROBA Images

Tatort Facebook: Der erfolgreichste Filmemacher des Landes setzt sich öffentlich für Flüchtlinge ein. Dafür muss er einiges an Hass und wohlfeilem Spott kassieren. Warum wird an Menschen, die nichts falsch machen, eigentlich so oft herumgemäkelt?

          Die Schauspielerin Friederike Kempter („Oh Boy“, „Tatort“ Münster) postete im Juni auf ihrer offiziellen Facebook-Seite einen Link zu einem kleinen Fernseheinspieler, den sie für die UNO-Flüchtlingshilfe gemacht hatte, um auf den Weltflüchtlingstag aufmerksam zu machen. In der nächsten halben Stunde war auf ihrer Seite die Hölle los. Menschen, die nie zuvor auf ihrer Seite aktiv gewesen waren, die diese auch nie geliked hatten und ihre Beiträge also nicht automatisch sahen, kommentierten unangenehm, böse und den üblichen Reflexen verfallend („Jaja, die feine Frau Kempter, die bestimmt viel Geld verdient, macht einen auf Wohltäter“; „sollen doch andere Länder Flüchtlinge nehmen“; „gut fürs Image…“; „Deutschland hat genug Probleme“…).

          Es seien so schnell so viele Kommentare gewesen, sagt Kempter, dass sie sich frage, wie ihr Beitrag sich derart schnell habe verbreiten können. Nie zuvor hatte irgendetwas von ihr ins Netz gestelltes eine derart massive Reaktion ausgelöst. Ihr sei es fast vorgekommen wie eine konzertierte Aktion.

          Sie war so entsetzt oder traurig oder fassungslos oder eine Mischung aus alledem über die Kommentare, dass sie etwa nach einer Stunde die Nerven verlor und ihren Beitrag wieder löschte. Und damit auch die Kommentare.

          Til Schweiger löscht sie nicht.

          Auch er postet auf seiner Hinz und Kunz offenstehenden Facebook-Seite immer wieder mal Beiträge, die kein Sendehinweis auf einen neuen „Tatort“ mit ihm sind oder die stolze Verkündung der jüngsten Zuschauerrekorde seiner Kinofilme (zuletzt „Honig im Kopf“ – mehr als sieben Millionen Zuschauer), sondern die eher mit Politik zu tun haben, oder sagen wir: mit dem Weltgeschehen.

          Das Thema, das ihn dabei in jüngster Zeit am meisten bewegt, sind Flüchtlinge. Er möchte ein Flüchtlingsheim bauen lassen beziehungsweise, um genau zu sein, mit einer Stiftung dafür sorgen, dass dort dann bessere Bedingungen herrschen als sonst üblich, er möchte helfen, er möchte sich einbringen – und hat sich deshalb auch mit Sigmar Gabriel getroffen, dem ehemaligen Popbeauftragten der SPD (sorry, aber darüber komme ich nicht hinweg), heute Vizekanzler, um entweder diesem seine Meinung zu sagen oder sich dessen Meinung anzuhören, bestenfalls Meinungen auszutauschen.

          Mit Gabriel im Soho-House

          Das bei diesem Treffen entstandene Foto der beiden fast gleichaltrigen Männer (Schweiger ist 51, Gabriel 55) sieht aus, als sei es im Berliner Privatclub Soho-House aufgenommen worden, was deshalb erstaunlich ist, weil das bedeuten würde, das normal dort herrschende rigorose Fotoverbot wäre doch tatsächlich vorübergehend aufgehoben worden, doch dies nur am Rande.

          Was sein Facebook-Verhalten angeht, muss man sagen, dass Til Schweigers Nachname nicht zu ihm passt. Er postet sehr viel. Das lässt den Schluss zu, dass er sehr viel Zeit vor seinem Computer verbringt. Was angesichts der Temperaturen gerade natürlich ein wenig schade für ihn ist. Die Geschichte seiner Facebook-Flüchtlings-Posts ist inzwischen eine Geschichte voller Missverständnisse.

          Damit aber passt sie absolut in Schweigers Biographie, die sich ebenfalls als Geschichte voller Missverständnisse erzählen lassen kann. Und oft genug scheint es so, als ob er selbst sie sich als solche erzählt.

          Wie oft ist er nicht zum Filmpreis gekommen, weil er beleidigt war, nie einen Preis zu bekommen. (Dieses Jahr hatte der Filmpreis endlich ein Einsehen und hat sich bei ihm mit dem neu erfundenen und total absurden, weil ja über Einspielergebnisse hinaus gar nichts aussagenden Preis für den erfolgreichsten Film sozusagen entschuldigt. Sie könnten ihn eh gleich den „Til Schweiger“-Preis nennen.)

          Wie oft hat er sich bitter beklagt, vom Feuilleton, beziehungsweise von der „Qualitätspresse“, wie er in sauer-ironischen Anführungsstrichen sagt, nicht ernst genommen zu werden (inzwischen scheint er am meisten „Spiegel online“ zu hassen, dann die „Zeit“).

          Komödien für die ganze Familie

          Und irgendwie kann man ihn ja auch verstehen. Er macht Komödien für die ganze Familie, und auch wenn es zum Teil Familien sein mögen, bei denen man ganz froh ist, sie nicht näher zu kennen, sind diese Filme doch, man könnte sagen, fürs Herz und das Gegenteil von grundverkehrt. Millionen Deutsche oder Menschen, die mit anderen Pässen in Deutschland leben und hier ins Kino gehen, lieben diese Filme. Millionen sich in Deutschland aufhaltende Menschen gaben und geben regelmäßig an die zwanzig Euro pro Person dafür aus (jetzt mal Popcorn, Cola und Fahrscheine mit eingerechnet), Til Schweiger dabei zuzusehen, wie er in verschiedenen Settings und Plots immer wieder zielsicher auf ein Happy End zusteuert. Verstärkt spielen Kinder in seinen Filmen große Rollen, und da es meistens Schweigers eigene Kinder sind, findet sich in seinem Wikipedia-Eintrag die schöne Passage, Valentin (*1995), Luna (*1997), Lilli (*1998) und Emma (*2002) seien „ebenfalls Schauspieler“.

          Aber – was von einem Millionenpublikum geliebt wird, muss, wie Schweiger ebenso so gut weiß wie Helene Fischer, Bushido, Pur oder Mario Barth, nicht auch vom Feuilleton geliebt werden; hierzulande hat man sogar oft das Gefühl, es schließt einander aus.

          So sieht es aus auf Til Schweigers Facebook-Seite

          Da gibt es also eine Diskrepanz, die bei Til Schweiger bereits zu einigem Verdruss geführt zu haben scheint. Man könnte ja denken, was soll’s, ist doch egal mit den Kritiken, es zählt ja wohl mehr, dass es offenbar so vielen Menschen gefällt – aber man hat mehr und mehr den Eindruck, dass er sich missverstanden fühlt, nicht richtig gesehen, wertgeschätzt, behandelt.

          Dass sein eigentlicher Adressat, dessen Liebe und Anerkennung er sich erhofft, ihm diese grausam verweigert. Er hat es sich schon seit längerem ein bisschen in der Pose des Beleidigtseins ungemütlich gemacht, was die Sache allerdings eher noch verschlimmert, da offen zur Schau getragene Empfindlichkeit etwas ist, das schwache, unzufriedene, (also sehr viele) Menschen reizt wie frisches Blut Haie.

          Hinzu kommt, dass Schweiger vom Temperament her eher aufbrausend ist.

          Das hält man hierzulande für eine Schwäche, und wenn jemand, wie Schweiger, auch noch eine eher straßennahe Sprache pflegt (Alter, Dicker, Respekt, Verpiss dich) wird das insgesamt als so etwas wie eine soziale Behinderung angesehen, als unverzeihlicher Kontrollverlust, mit dem sich der Benutzer solcher Ausdrücke selbst ins Unrecht setzt. Da zählt dann auch Inhalt nicht mehr – und auch nicht wer da wofür beschimpft wird, weil die Formalien halt nicht eingehalten wurden, nein, da kann leider keine Ausnahme gemacht werden, da könnte ja jeder kommen, das hier ist Deutschland, baby.

          Kein Sommermärchen mehr

          Wer Menschen mag, sollte sich wirklich mal auf Til Schweigers Facebook-Seite umsehen. Er wird schnell zu einer anderen Meinung kommen. Gibt es Pegida eigentlich noch? Wenn ja, dann toben die sich dort aus. Da zeigt das sympathische Land des Sommermärchens dann wieder das Gesicht, das es hat, wenn gerade keine internationalen Kameras auf es gerichtet sind.

          Aus zu großer Unlust zitiere ich keinen der Hass-Kommentare, dafür aus Spaßgründen das lustigste, was ich gefunden habe. Tut eigentlich nichts zur Sache, denn es hat nichts mit dem Schweiger-Flüchtlings-Facebook-Drama zu tun, ist aber doch bezeichnend, weil es zeigt, was für einen Umgangston sich Schweiger von seinen Followern gefallen lassen muss. Es wird geduzt, ist ja okay, aber unangenehm von oben herab. Also. Am 21. Juli postete Schweiger, der gerade in Istanbul gedreht hatte: „Bye bye Istanbul! It was sooo nice here and I met so many beautiful people“.

          Daraufhin Rainer Durek aus Düsseldorf, oder jemand, der sich so nennt (kein einziger Facebook-Freund, Reichstag mit wehender Deutschlandflagge als Profilbild: „,I met so many...‘, also Tilli-Mausi, da müssen wir aber noch ein bisschen üben. Met ist ein Honigwein. Was du meinst, wird mit Doppel ,e‘ geschrieben. Also ,I meet so many...‘ Naja, wird schon.“ Gibt es den Ausdruck Dummscheißer?

          Vergangenheit, Schaluppe!

          Und man muss sagen, dass Schweiger, auch wenn ihm gelegentlich der Kragen platzt, im Grunde ein sehr geduldiger, gutmütiger Mensch ist. Auf „Rainer Durek“ etwa reagierte er so: „Met ist Vergangenheit, Schaluppe.“ Dazu ein Smilie-Emoticon, das er ohnehin sehr oft einsetzt. Er ist eben Schauspieler. Die wollen gemocht werden.

          Schweiger reagiert oft auf die Kommentare. Das ist ungewöhnlich für einen Prominenten, der auf Facebook ist, und noch ungewöhnlicher ist es, dass er eben auch auf negative Kommentare reagiert. Ich habe mich gefragt, warum er sich so klein macht. Denn das tut er, indem er durch sein Reagieren diejenigen, die bei ihm posten, größer macht. Aber das ist natürlich immer die Frage - soll man mit Idioten reden oder nicht? Und an der anstrengenderen Haltung, es unbedingt zu tun (den Dialog mit Neonazis suchen o.ä.), ist bestimmt auch etwas dran.

          Allerdings bietet Til Schweiger damit auf seiner Seite Menschen eine Riesen-Plattform, die normalerweise auf ihren eigenen Facebook-Seiten vielleicht drei müde Likes für einen griechenlandfeindlichen Post bekommen. Auf Schweigers Seite schaffen sie es mit dumpfen Parolen gut und gerne mal auf über zweitausend Likes.

          Gipfeltreffen: Sigmar Gabriel und Til Schweiger

          Das ist, als würde ein kleiner, ranziger Stammtisch live auf Riesenleinwand auf den Münchner Königsplatz übertragen. Dann wiederum: würde er nicht auf die Kommentare reagieren, würden sie ja vermutlich trotzdem so wild posten; und wer weiß, vielleicht gibt es ja doch den einen oder anderen, der sich von Til Schweiger zu einer anderen Meinung bekehren lässt? Das ist zwar ohnehin selten unter Menschen, aber wenn es einer schaffen kann, dann vielleicht Til Schweiger?

          Überraschend kleinkariert

          Am Donnerstag war Schweiger in der sehr gut gemeinten ZDF-Talkshow „Donnerstalk“ zu Gast. Sie wird von einer Frau moderiert, die Arabisch kann, weshalb diese Sendung von ganz alleine schon einen weltläufigen, offenen Anstrich mitzubringen scheint. Dafür ist sie dann allerdings doch überraschend kleinkariert.

          Mit nahezu jeder Frage, die Dunja Hayali, so der Name der Moderatorin, ihrem Gast stellte, nahm sie mich mehr für ihn ein. In ihrer Anmoderation gleich spielte sie auf Schweigers „deutliche“ Art an, den übelst ausländerfeindlichen rassistischen Kommentatoren auf seiner Facebookseite folgendermaßen geantwortet zu haben: „Verpisst euch von meiner Seite, empathieloses Pack!“; im Gespräch fragte sie ihn dann direkt, warum denn in dieser „verbalen, ja dann doch sehr unter der Gürtellinie Art“, denn damit, so fuhr sie fort, als habe er auf seiner Facebook-Seite einen Auftrag zu verfolgen, würde er ja doch sehr vom Thema ablenken. Hä?

          Hayali (kritischer Nachfrage-Unterton): „Warum willst du Flüchtlingen helfen?“

          Schweiger: „Warum nicht?“

          Hayali: „Ja, aber warum Flüchtlingen?“

          Ich, vor der ZDF-Mediathek: Warum nicht?

          Später in der Sendung stellte Hayali natürlich auch die offenbar unvermeidliche Frage an einen bekannten Menschen, ob etwas alleine aus PR-Gründen getan wird. (Als wären die absichtlich Prominente geworden und nicht Schauspieler oder was sie halt sind.)

          Was hat er eigentlich falsch gemacht?

          Da ist also eine Sendung im öffentlich rechtlichen Fernsehen, die den im Moment stark angefeindeten Til Schweiger als Gast einlädt, der deswegen verspottet wird, weil er sich für Flüchtlinge einsetzen will, um ihn dann kritisch zu durchleuchten.

          Jetzt mal ganz im Ernst: Was hat Schweiger eigentlich falsch gemacht? Er ist einer von vielen Bürgern, die sich gerade für Flüchtlinge engagieren, er ist einer von wenigen Prominenten, die dies tun (oder jedenfalls öffentlich), er wird von Pegida-nahen Idioten auf seiner Facebook-Seite dafür angefeindet, findet gegen diese klare Worte – und das ist dann allen Ernstes Anlass für Spott und für kritische Nachfragen?

          Oder irgendwelche Angestellten von „Spiegel Online“ haben allen Ernstes nichts besseres zu tun, als ein „Til-Schweiger-Bingo“ zu bauen, wo man sich über die Facebook-Posts des Schauspielers und Filmemachers beömmeln soll? Also keine Angestellten eines Satire-Blogs jetzt, sondern „Spiegel-Online“. (Habe extra nochmal nachgeschaut, sie verstehen sich selbst als „Nachrichten-Website“.)

          Je mehr ich über Til Schweiger nachdenke, desto mehr verachte ich diese urdeutsche Mentalität, erfolgreichen Menschen alles zu neiden und sie mit Häme und Spott zu überziehen. Selbst wenn sie ausnahmsweise mal alles richtig machen.

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