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Flüchtlingsdebatte : Being Til Schweiger

  • -Aktualisiert am
Gipfeltreffen: Sigmar Gabriel und Til Schweiger

Das ist, als würde ein kleiner, ranziger Stammtisch live auf Riesenleinwand auf den Münchner Königsplatz übertragen. Dann wiederum: würde er nicht auf die Kommentare reagieren, würden sie ja vermutlich trotzdem so wild posten; und wer weiß, vielleicht gibt es ja doch den einen oder anderen, der sich von Til Schweiger zu einer anderen Meinung bekehren lässt? Das ist zwar ohnehin selten unter Menschen, aber wenn es einer schaffen kann, dann vielleicht Til Schweiger?

Überraschend kleinkariert

Am Donnerstag war Schweiger in der sehr gut gemeinten ZDF-Talkshow „Donnerstalk“ zu Gast. Sie wird von einer Frau moderiert, die Arabisch kann, weshalb diese Sendung von ganz alleine schon einen weltläufigen, offenen Anstrich mitzubringen scheint. Dafür ist sie dann allerdings doch überraschend kleinkariert.

Mit nahezu jeder Frage, die Dunja Hayali, so der Name der Moderatorin, ihrem Gast stellte, nahm sie mich mehr für ihn ein. In ihrer Anmoderation gleich spielte sie auf Schweigers „deutliche“ Art an, den übelst ausländerfeindlichen rassistischen Kommentatoren auf seiner Facebookseite folgendermaßen geantwortet zu haben: „Verpisst euch von meiner Seite, empathieloses Pack!“; im Gespräch fragte sie ihn dann direkt, warum denn in dieser „verbalen, ja dann doch sehr unter der Gürtellinie Art“, denn damit, so fuhr sie fort, als habe er auf seiner Facebook-Seite einen Auftrag zu verfolgen, würde er ja doch sehr vom Thema ablenken. Hä?

Hayali (kritischer Nachfrage-Unterton): „Warum willst du Flüchtlingen helfen?“

Schweiger: „Warum nicht?“

Hayali: „Ja, aber warum Flüchtlingen?“

Ich, vor der ZDF-Mediathek: Warum nicht?

Später in der Sendung stellte Hayali natürlich auch die offenbar unvermeidliche Frage an einen bekannten Menschen, ob etwas alleine aus PR-Gründen getan wird. (Als wären die absichtlich Prominente geworden und nicht Schauspieler oder was sie halt sind.)

Was hat er eigentlich falsch gemacht?

Da ist also eine Sendung im öffentlich rechtlichen Fernsehen, die den im Moment stark angefeindeten Til Schweiger als Gast einlädt, der deswegen verspottet wird, weil er sich für Flüchtlinge einsetzen will, um ihn dann kritisch zu durchleuchten.

Jetzt mal ganz im Ernst: Was hat Schweiger eigentlich falsch gemacht? Er ist einer von vielen Bürgern, die sich gerade für Flüchtlinge engagieren, er ist einer von wenigen Prominenten, die dies tun (oder jedenfalls öffentlich), er wird von Pegida-nahen Idioten auf seiner Facebook-Seite dafür angefeindet, findet gegen diese klare Worte – und das ist dann allen Ernstes Anlass für Spott und für kritische Nachfragen?

Oder irgendwelche Angestellten von „Spiegel Online“ haben allen Ernstes nichts besseres zu tun, als ein „Til-Schweiger-Bingo“ zu bauen, wo man sich über die Facebook-Posts des Schauspielers und Filmemachers beömmeln soll? Also keine Angestellten eines Satire-Blogs jetzt, sondern „Spiegel-Online“. (Habe extra nochmal nachgeschaut, sie verstehen sich selbst als „Nachrichten-Website“.)

Je mehr ich über Til Schweiger nachdenke, desto mehr verachte ich diese urdeutsche Mentalität, erfolgreichen Menschen alles zu neiden und sie mit Häme und Spott zu überziehen. Selbst wenn sie ausnahmsweise mal alles richtig machen.

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