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Auf Umwegen nach Europa : Fliehen - wie funktioniert das?

  • -Aktualisiert am

Auf nach Europa: Flüchtlinge an der serbisch-ungarischen Grenze Bild: dpa

Die Übernachtungskosten sind gering, die Reisekosten immens, und die schnellsten Routen die riskantesten. Mohammed kannte die Geschichten derer, die es vor ihm versucht hatten. Protokoll einer Flucht aus Syrien.

          15 Min.

          Am Abend des 22. März 2015 schaute Mohammeds Familie noch einmal zum Abendessen vorbei. Sein Onkel war schon da, seine Schwestern und Schwager hatten Süßigkeiten mitgebracht, um den syrischen Muttertag nachzufeiern. Aber Mohammed war zum Schreien zumute. Niemand von ihnen durfte erfahren, dass er morgen früh verschwinden würde und sie ihn vielleicht nie wiedersehen würden. Nur seine Eltern waren eingeweiht: Morgen früh um fünf Uhr würde er an einem geheimen Treffpunkt in einen Lastwagen klettern, sich hinter ein paar Tomatenkisten verstecken und mit einem Schleuser bis zur türkischen Grenze fahren. Danach würde er durch ein Loch im Grenzzaun in die Türkei steigen, mit einem Taxi bis zur türkischen Küste fahren und einem Schleuser ein paar tausend Dollar geben, damit der ihn in einem völlig überfüllten Frachter übers Mittelmeer nach Italien fahre. Dann würde er sich irgendwie in den Norden durchschlagen, nach Schweden am besten, und dort ein neues Leben aufbauen. Und diesen Krieg, diesen Wahnsinn endlich hinter sich lassen. Zumindest war das Mohammeds Plan. Er kannte die Geschichten von jenen, die es schon vor ihm versucht hatten: von denen, die von Schleusern verraten und von Soldaten ermordet worden, die im Mittelmeer ertrunken, im Maschinenraum erstickt oder entkräftet von irgendwelchen Banditen im Wald halb tot geprügelt worden waren.

          Mohammed kannte das Risiko. Aber hier zu bleiben, in seinem Heimatdorf Badda, wäre sein sicherer Tod. Weil Mohammed nicht beim Bürgerkrieg mitmachen wollte, war er schon auf der Flucht, lange bevor er sein Land verließ, ein Deserteur, der von der syrischen Armee gesucht wurde. Also hörte er auf diejenigen, die ihm Hoffnung machten, auf seine Freunde, die schon irgendwo in Europa in einem Auffanglager auf Asyl warteten, die auf ihrem Weg Freunde verloren und beinahe unerträgliche Zustände überlebt hatten, die aber wenigstens wieder etwas hatten, das Mohammed nur noch aus Erinnerungen kannte: eine Zukunft.

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          Ich habe Mohammed über das Internet kennengelernt. Der niederländische Journalist Sam Nemeth, der Mohammed auf Lesbos begegnet war, hatte Bilder und Whatsapp-Nachrichten seiner Flucht auf Facebook veröffentlicht. Wochenlang konnte man dort verfolgen, wie Mohammed über den Balkan floh, im Gefängnis landete oder verletzt irgendwo festsaß. Dieser Live-Bericht war spannend und rührend - vor allem aber erfüllte er nicht die naiven Vorstellungen, die ich bis dahin von Flucht hatte. Schon das Wort Flüchtling ist so irreführend: Mohammed war kein Getriebener, sondern jemand, der all seine finanziellen, mentalen und sozialen Ressourcen zusammentat, um seinem Leben wieder eine Perspektive zu geben.

          Die Route von Badda im Süden Syriens bis nach Budel in den Niederlanden. Bilderstrecke

          Nach Mohammeds gelungener Flucht machte ich ein Treffen mit ihm im Auffanglager im niederländischen Budel aus. (Mohammed ist ein Pseudonym, seinen richtigen Namen soll man nicht in der Zeitung lesen.) Drei Tage lang interviewte ich ihn zu allen Details seiner Flucht, wir rekonstruierten seine Fluchtroute, stellten Etappenpläne auf und führten Buch über seine Ausgaben und Kontakte. Mich überraschte seine Offenheit, die manchmal an Entblößung grenzte. Aber das hatte System: „Niemand versteht, wie schrecklich Flucht ist“, erklärte er mir. „Wenn ich aber dazu beitragen kann, dass mehr Menschen das verstehen, dann haben es vielleicht diejenigen leichter, die nach mir kommen.“

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          Die Zukunft - sie war Mohammed vor drei Jahren abhandengekommen. Er hatte seinen Abschluss in Englischer Literatur und Ägyptisch an der Universität von Damaskus gemacht, als er zum Pflichtwehrdienst in der ostsyrischen Stadt Deir ez-Zor eingezogen wurde. Mohammed hielt nichts davon, Soldat zu sein. Hätten seine Eltern Geld gehabt, hätten sie ihn vielleicht vom Wehrdienst befreit. Nur 5000 Dollar, vielleicht wäre ihm dann alles erspart geblieben. Er hatte Glück: Statt den Umgang mit Waffen zu erlernen, durfte er den Töchtern seines Majors Englisch beibringen.

          Ein paar Monate später erreicht der Arabische Frühling auch Syrien. In nur wenigen Wochen wird aus den Demonstrationen gegen das Assad-Regime ein Aufstand. Die Polizei schießt auf unbewaffnete Demonstranten. Es gibt Tote. Die Lage eskaliert. Auch Mohammed und seine Einheit sollen auf die Regimegegner schießen. Sie weigern sich und beschließen kollektiv zu desertieren. In der Nacht entkommen die Soldaten samt Major in einem ihrer Militärlaster. Es gibt es nur einen Weg: zur frisch formierten Freien Syrischen Armee (FSA), die Deserteuren wie ihnen Schutz und eine sichere Fluchtroute bietet.

          Mohammeds Eltern hatten andere Pläne

          Wochenlang werden Mohammed und seine Gruppe aus 35 Fahnenflüchtigen im Zickzackkurs durch die Kriegszonen geleitet. Von einem Dorf in Rebellenhand zum nächsten, dazwischen lebensgefährliche Passagen unter Feuer der Regierungstruppen. Mohammed sieht zum ersten Mal in seinem Leben, was Krieg bedeutet. Seine Kameraden scheinen weniger nachdenklich denn euphorisch. Es gibt ein Video von ihnen. Wie Fußballfans hängen sie aus den Fenstern eines Pick-ups und strecken die Kalaschnikows der FSA in den Himmel. Nur Mohammed läuft mit gesenktem Kopf nebenher. Man spürt die Euphorie seiner ehemaligen Kameraden: Sie hatten Scharfschützen und Kampfflugzeuge überstanden, in einem winzigen Boot den Euphrat überquert, sich vor Panzergranaten in Sicherheit gebracht und die Bombardements der Rebellengebiete überlebt.

          Ein paar Tage später leben von den 35 Deserteuren nur noch zwei: Mohammed und ein Freund. Ein Provinzaufseher hatte die Gruppe an die Regierungstruppen verraten. Mohammed überlebte nur durch Glück. Sein Heimatdorf Badda lag auf der Fluchtroute, also wurden er und der Freund vorgeschickt. Der Rest der Gruppe wollte es durch die Al-Kalamun-Berge nach Ostsyrien schaffen. Aber in den Bergen wartete ein Kampfhubschrauber der Armee und erschoss alle Deserteure - es war ein Massaker.

          Mohammed bekam von alldem nur wenig mit. Er war schon bei seinen Eltern, als er die vielen Schüsse und den Helikopter hörte, nur ein paar Kilometer entfernt. Ein paar Stunden später kamen die Gerüchte, viel später dann das Video. Es ist ein schreckliches Video, aber Mohammed will, dass man es sich ansieht. Er könnte jetzt auch so daliegen wie seine Freunde. Mit dem Fuß eines triumphierenden Soldaten im Rücken im blutigen Schotter, die Brust aufgeschossen, ein Loch im Hinterkopf, die Hände auf den Rücken gebunden.

          Dass er nicht in Syrien bleiben konnte, wusste Mohammed seit seiner Fahnenflucht. Aber jetzt hatte er auch einen Maßstab für das Risiko, das er bereit sein muss, auf seiner Flucht nach Europa einzugehen.

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          Mohammeds Eltern hatten andere Pläne. Sie verbaten ihrem Sohn die Flucht. Das Dorf zu verlassen sei viel zu gefährlich, und außerdem werde ja eh bald alles wieder gut. Mohammed gehorchte. Drei Jahre harrte er bei seiner Familie aus, half seinem Vater beim Verladen von Gemüse und gab im Freundeskreis Englischunterricht. Kein Tag verging ohne Angst. Und natürlich wurde nichts besser. Immer öfter drangen Soldaten der Regierung ins Dorf vor, schnappten echte und angebliche Rebellen und zerstörten Häuser mit Bomben und Feuer. Einmal griffen sie sogar seinen Bruder auf: Wo ist Mohammed? An einem anderen Tag stürmten sie vier Mal sein Zuhause - aber Mohammed entkam, weil ein Verwandter mit Kontakten die Familie vorgewarnt hatte. Der Krieg tobte auch mitten in Badda, das verstanden irgendwann auch die Eltern - und ließen ihn gehen. Mohammed spürte in diesem Moment vor allem Erleichterung. Die Zeit der hilflosen Angst wäre vorbei. An ihre Stelle träte das Gefühl, wieder Kontrolle über das eigene Leben zu haben.

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          Flucht wird oft falsch dargestellt. Wer flüchtet, weiß genau, was er tut. Flucht ist eine gewaltige Aufgabe, die intensiver Planung, Entscheidungskompetenz und Einteilung der Ressourcen bedarf. Wer sich einmal zur Flucht entscheidet, für den gibt es keinen Weg zurück. Es gilt nur noch der Flucht-Imperativ „Vorwärtskommen!“. Wer zu langsam ist oder stecken bleibt, verliert Zeit und damit Geld. Und nur mit Geld kann man die Schleuser bezahlen, die einem dabei helfen, große Distanzen und Hindernisse zu überwinden.

          Andererseits muss man alles meiden, was das Fortkommen verzögern könnte: also vor allem betrügerische Schleuser, versperrte Fluchtrouten, Polizisten und bürokratisches Geplänkel. Man darf nicht krank werden oder alt sein, sollte nicht Frau und Kinder bei sich haben. Wer von sich aus zu langsam ist, muss größere Risiken eingehen, also die riskanteren, aber auch schnelleren und vermeintlich leichteren Fluchtrouten nehmen: im Schlauchboot übers Meer, im Kühllaster durch den Ärmelkanaltunnel. Das hohe Risiko ist keine Folge schlechter Entscheidung: Es ist, in der „Immer vorwärts“-Fluchtlogik, die rationalere Wahl.

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          Mohammed hatte lange über dem idealen Fluchtplan gebrütet. Es ist ein bisschen, wie eine Reise zu planen, bei der die Übernachtungskosten gering, die Reisekosten immens und der Reiseplan sehr eng sind. Der einfachste Fluchtweg ist immer der teuerste. Für einen Flug mit gefälschten Papieren aus Griechenland nach Nordeuropa hätte Mohammed 7000 bis 8000 Euro zahlen müssen. Allerdings ist das Risiko sehr hoch, entdeckt zu werden. Wer sich finanziell nur einen einzigen Fluchtversuch leisten kann, wählt deshalb den Seeweg. Die Fahrt von der Türkei auf eine griechische Insel kostet 1000 Dollar Einheitspreis. Um nicht in Griechenland stecken zu bleiben - hier gibt es auch keine Zukunft -, muss man danach aber über den Landweg nach Zentraleuropa, eine lange, komplexe Route mit vielen Sackgassen.

          Wirklich wichtig war nur sein Smartphone

          Mohammed entschied sich für eine Zwischenlösung: per Auto von Syrien in die Türkei und dann mit dem Schiff nach Italien. Zusammen sollte das rund 6500 Euro kosten. Zusätzlich würden jeweils zwischen 200 und 900 Euro für Autofahrten mit Schleusern, eventuell mehrere hundert Euro Bestechungsgeld und die Lebenshaltungskosten dazukommen, etwa zehn Euro pro Fluchttag.

          Niemand in Mohammeds Familie hatte so viel Geld, immerhin ein Jahreseinkommen. Also verkaufte der Vater ein Stück Feigenplantage, um seinem Sohn einen Fluchtversuch zu ermöglichen. Von dem Betrag würde er zunächst den syrischen Schleuser bezahlen und den Rest Mohammed über einen Gelddienst zukommen lassen, sobald er sicher über der Grenze wäre. Auf dem gefährlichsten Stück seiner Flucht sollte sein Sohn kein wandelnder Geldbeutel sein.

          „Reise möglichst leicht“ war auch der Tipp, den Mohammed von anderen Flüchtlingen bekam, mit denen er ständig bei Whatsapp und Facebook sprach. Also füllte er eine einfache Laptoptasche mit zwei Hosen und Hemden, mit echten und gefälschten Papieren, Rasier- und Zahnputzzeug, etwas Taschengeld und dem Ladekabel für sein Smartphone. Nach jedem Grenzübertritt würde er sich neue Kleidung kaufen, um weniger als Flüchtling aufzufallen. Wirklich wichtig war nur sein Smartphone. Damit würde er mit seiner Familie, Schleusern und anderen Flüchtlingen in Kontakt bleiben, seinen Standort feststellen und spontan seine Fluchtpläne ändern können. Um Diebe abzuhalten, wählte er ein älteres Modell mit kleinem Bildschirm: Es hatte einen guten Ruf unter Flüchtlingen, weil es zwar billig aussah, aber auch robust war und eine gute Antenne hatte.

          Von Bekannten bekam Mohammed den Kontakt zu einem Schleuser, der ihn raus aus Badda und bis zur türkischen Grenze bringen sollte: ein ganz normaler Lastwagenfahrer, der hin und wieder auch Flüchtlinge in seinem Laster versteckte und dafür 500 Euro pro Kopf verlangte - zahlbar in bar nach geglückter Fahrt.

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          Am Vorabend der Flucht entschuldigte sich Mohammed bei seinen feiernden Verwandten: Er müsse noch eine

          Englischstunde für die Nachbarn vorbe-reiten. Zwei Tage zuvor hatte ihm der Schleuser das Signal gegeben: Warte am 23. März 2015 um fünf Uhr morgens an jener Straßenecke auf einen Lastwagen. Ich halte nur kurz, und mein Kollege macht dir die Ladetür auf. Spring rein und gehe ganz nach hinten. Erschrick nicht, es fährt noch jemand mit. Und vor allem: Hab keine Angst. Bleibe ganz still. Dann passiert dir auch nichts.

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          Die Fahrt hinter den Tomatenkisten läuft fast nach Plan. Die Person, vor der er sich nicht erschrecken solle: ein alter Schulfreund. Gemeinsam ist es leichter, die Angst zu ertragen, wenn der Laster mal wieder für einen Militärposten bremst, der Fahrer allzu forsch ums Schmiergeld feilscht oder ein Soldat die Abdeckplane anhebt. Nach 13 Stunden hält der Laster ein letztes Mal. Sie haben die syrische Grenzstadt A’zaz erreicht.

          Von hier ist es nur noch ein kurzer Fußmarsch bis zur Grenze. Aber der Grenzübertritt ist schwieriger als gedacht. Seitdem hier vor einem Jahr eine Autobombe 16 Menschen in den Tod gerissen hat, ist die Grenze dicht. Die Anwohner sagen: Es wird auf jeden geschossen, der sich ihr nähert. Besser soll er es nördlich von Aleppo versuchen: In Bab al Salam („Tor des Friedens“) schneide die Freie Syrische Armee jeden Abend für die Flüchtlinge ein Loch in den Grenzzaun.

          Der Tipp ist gut - und viele andere Syrer haben ihn auch bekommen. Mohammed sieht, wie sich Hunderte im hohen Gras verstecken. Er legt sich zu ihnen und wartet auf das Signal, stundenlang. Dann kann es plötzlich nicht schnell genug gehen. Es ist ein Rangeln und Stoßen, Babys schreien, Eltern rufen verzweifelt nach ihren Kindern. Wer es jetzt nicht schafft, bevor die türkischen Gendarmen kommen, hat seine Chance vertan. Mohammed hat Glück: Eine kräftige Männerhand streckt sich ihm aus der Dunkelheit entgegen und zieht ihn in die Türkei. Er rennt zum Wald hinter der Grenze - und sieht Taxis. Ganz normale Taxis. Sie fragen nicht, wohin es gehen soll. Jeder hat hier dasselbe Ziel: nach Kilis und dann weiter nach Mersin ans Mittelmeer. Und dann endlich ab nach Europa.

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          In Mersin wartet Mohammeds Cousin, auch er ist kurze Zeit zuvor aus Syrien geflüchtet. Aber er hat schlechte Nachrichten. Die Schleuser bieten kaum noch Fahrten nach Italien an, weil die Situation im Mittelmeer für Flüchtlinge immer schlimmer wird. Über einen Monat warten sie gemeinsam auf ein Zeichen des Schleusers. Das Warten nagt an Mohammeds Moral. Aber zum ersten Mal seit Jahren spürt er wieder, was Frieden bedeutet: Nachts brennen die Straßenlaternen, die Menschen hier lächeln. Niemand wird ihn erschießen.

          Jeden Abend sitzt Mohammed mit seinem Cousin am Meer. Sie hören von den steigenden Opferzahlen im Mittelmeer, aber das schreckt sie nicht ab. Eines Abends laufen im Fernsehen Bilder vom Schiffsunglück vor der italienischen Insel Lampedusa: 700 Flüchtlinge sind tot. Auf dem Handy erscheint eine Kurznachricht seiner Mutter. „Seht Ihr nicht die Bilder im Fernsehen? Wisst Ihr nicht, wie gefährlich es ist? Bitte fahrt nicht!“ Aber was sollen sie tun? Auf dem Landweg weiterreisen und irgendwo in Südosteuropa stecken bleiben? Sie wissen, wie in Mazedonien, Ungarn und Serbien mit Flüchtlingen umgegangen wird. Eine Zukunft haben sie dort nicht. Dann sich lieber dem Meer anvertrauen. „Es fühlt sich wie ein gigantisches Risiko an“, sagt Mohammed. „Du riskierst dein Geld, und du riskierst dein Leben. Aber wenn du keine Wahl hast, wenn es keinen Weg zurück gibt, wenn du feststeckst, musst du das einfach tun.“

          Nur zehn Kilometer bis Griechenland

          Irgendwann meldet sich doch noch der Schleuser. Er gibt auf. Ihm ist es zu riskant. Er sucht eine bessere Route. Wenn sie klug wären, sagt er, würden sie es ihm gleichtun und im Norden zur griechischen Insel Lesbos übersetzen. Noch am selben Abend nehmen sie den Bus nach Izmir und suchen sich einen neuen Schleuser, der Schlauchbootfahrten nach Griechenland organisiert. Mohammed gibt seinem Vater Bescheid, der ihm mehrere tausend Euro nach Izmir transferiert. Die 1000 Euro für den Schleuser hinterlegt Mohammed bei einer Art Notariat. Gelingt die Überfahrt, bekommt der Schleuser einen Auslösecode zugeschickt. Das System ist beliebt, aber riskant. Immer wieder brennen die Notare mit dem Geld der Flüchtlinge durch; einem Freund Mohammeds wurde für so einen Code schon der Arm gebrochen.

          Der erste Fluchtversuch scheitert, weil die Polizei den Laster des Schleusers entdeckt. Aber Mohammed und sein Cousin bekommen vom Schleuser ihr Geld zurück. Trotzdem wählen sie für den zweiten Versuch einen anderen Schleuser. Es ist ein alter Syrer, der seine Kunden bei sich zu Hause übernachten lässt und noch keine Tour verloren hat. Zum Sonnenuntergang sollen sie sich bereithalten, dann hole sie ein Lastwagen ab. Mohammed kauft sich in der Stadt noch schnell eine gute Rettungsweste für vierzig Euro und einen Luftballon, um sein Smartphone vor dem Meereswasser zu schützen. Ein völlig überfüllter Lkw bringt sie zum Strand. Dort entbrennt sofort Streit: Der Schleuser hatte ihnen zwei Schlauchboote versprochen, aber die Flüchtlinge sehen nur eines: fünf, sechs Meter lang, ein dürres Stück Kunststoff mit Außenbordmotor. 48 Menschen steigen in das Schlauchboot, einer von ihnen ergreift das Steuer. Es sind nur zehn Kilometer bis nach Griechenland, sie können Europa schon sehen. Aber das Boot kommt kaum vorwärts. Dann lässt auch noch der jugendliche Steuermann plötzlich das Ruder fallen. Er zittert und fleht: Er habe in seinem Leben noch kein Boot gesteuert. Er habe keine Ahnung, wohin er fahren müsse. Er mache das doch nur, weil er kein Geld für die Überfahrt hatte und ihm der Schleuser ein Angebot machte: kostenlose Überfahrt, dafür das Risiko, als Fluchthelfer festgenommen zu werden. Die Passagiere sind außer sich, aber bevor die Situation eskaliert, greift ein Vater, der mit seinen Kindern an Bord ist, nach dem Ruder und fährt die letzten Kilometer bis Lesbos.

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          Alle kommen sicher an. Sie machen Selfies und singen, während zwei Griechen das Schlauchboot demontieren und den Motor davontragen. Von der Polizei keine Spur. Mohammed kann sein Glück kaum fassen, aber er lacht und singt nicht. Stattdessen schreibt er seinen Eltern: „Ich habe es geschafft. Ich bin in Europa.“ Und denkt nur an das, was alles auf ihn zukommen wird. Seine Flucht aus Syrien ist zu Ende. Seine Flucht durch Europa hat gerade erst begonnen.

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          Eine amerikanische Aktivistin führt die frisch angelandeten Syrer zur Polizeistation. Man geht gut mit ihnen um, auch wenn allzu deutlich ist, wie die Inselbürokratie unter dem Ansturm der Flüchtlinge ächzt. In jenen Tagen kamen rund 150 Menschen täglich auf Lesbos an, derzeit sind es um die 1000. Aber sie bekommen anstandslos ihre Papiere, mit denen sie sich sechs Monate lang in Griechenland aufhalten können. Eine Fähre würde sie morgen nach Athen fahren. Die fünfzig Euro für das Ticket müssen sie selbst zahlen. Auf der Fähre beschließen Mohammed und sein Cousin ihre neue Route: Sie würden Griechenland über Thessaloniki so schnell wie möglich verlassen, dann durch Mazedonien, Serbien, Ungarn, Österreich, Deutschland nach Holland. Dort, so hört Mohammed, seien die Bedingungen für Flüchtlinge gut.

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          Der Weg nach Nordeuropa beginnt beschwerlich. Weil sie keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen dürfen, laufen Mohammed und sein Cousin zusammen mit einer kleinen Gruppe von Syrern zwölf Stunden lang von Thessaloniki entlang der Autobahn bis zum griechischen Grenzdorf Evzoni. Erschöpft vertrauen sie sich kurz vor dem Ziel einem scheinbar hilfsbereiten Polizisten an. Aber er bricht sein Versprechen und lässt sie zurück nach Thessaloniki fahren. Kaum ausgeruht, macht sich die Gruppe am nächsten Tag erneut auf: Fünfzig Kilometer zu Fuß.

          Diesmal gelingt ihnen der Durchbruch. Gemeinsam verstecken sie ihre Taschen mit der überflüssigen Kleidung und den falschen Papieren (die brauchten sie nur in Syrien) im Gebüsch. In der vier Fußstunden entfernten Stadt Gevgelija wollen sie sich neu einkleiden - und falls sie wieder nach Griechenland geschickt werden, warten ihre alten Sachen im Wald.

          Die Vorsicht zahlt sich aus: Die Polizisten entdecken das Lager der Flüchtlinge unter einer Brücke und vertreiben sie mit Prügeln. Im Chaos verliert Mohammed seine Papiere, bekommt sie aber von einem Jungen zurück, der sie gefunden hat und nun für zehn Euro an Mohammed verkaufen will. Mohammed zahlt sofort, aber das Glück währt nur kurz: Wieder greift sie die Polizei auf und fährt sie zurück über die Grenze.

          Beim dritten Versuch gehen sie in Zweiergruppen über die Grenze. Alles scheint gut, doch Mohammeds Körper macht die Strapazen nicht mehr mit. Tagsüber brennt die Sonne, nachts kommen die Gedanken. Er ist schrecklich erschöpft, schläft kaum, und dann verstaucht er sich beim Austreten im Wald auch noch den Fuß. Sein Gelenk schwillt an. An Weitergehen ist nicht mehr zu denken, da können die anderen aus der Gruppe noch so viel helfen. Mohammed trifft eine schwierige Entscheidung: Er trennt sich von der Gruppe und verabschiedet sich von seinem Cousin. Ohne ihn werden sie es leichter haben. Er müsse hier erst wieder zu Kräften kommen.

          Doch daraus wird nichts. Immer wieder greift ihn die Polizei auf und fordert ihn auf, das Dorf zu verlassen. Aber wie? Im Wald lauert die Mafia, warnt ihn ein Syrer. Der einzige Schleuser der Stadt ist ein Mörder und Dieb, sagen die Anwohner. Und den Linienbus ins nahe gelegene Strumitsa darf er nicht nehmen, sagt die Polizei. Als ihn die Polizisten ein viertes Mal mitnehmen, bleibt er einfach vor der Polizeistation sitzen und versinkt in Kummer. Dann geschieht ein kleines Wunder. Der anfängliche Ärger der Polizisten über den renitenten Flüchtling wandelt sich in Mitleid. Sie geben ihm eine Chance: Nimm den Bus heute um vier, sagen sie, wir werden ihn nicht kontrollieren. Die Polizisten halten ihr Wort - und ermöglichen so auch einem guten Dutzend anderer Syrer die Weiterreise.

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          Die Grenze zu Serbien wird streng kontrolliert. Also sucht Mohammed per Whatsapp nach der Telefonnummer eines Schleusers. Das funktioniert wie ein Taxidienst: Es gibt eine Telefonzentrale, die Fahrer und irgendwo im Verborgenen die Person, die abkassiert. In diesem Fall: 500 Euro für eine achtstündige Nachtwanderung durch den serbischen Grenzwald plus Busfahrt nach Belgrad. Auch hier: Flüchtlinge überall. Alle Hotels sind überfüllt, alle Mietwohnungen voll. Sie schlafen in Parks und Hinterhöfen und drängeln sich auf Parkbänken. Mohammed will so schnell wie möglich nach Ungarn - dann hat er es fast geschafft. Wieder läuft er die letzten Meter bis zur Grenze zu Fuß. Und wie immer läuft er in einer kleinen Gruppe. Flüchtlingsfaustregel: In der Gruppe über die Grenze, alleine durchs Land.

          Die schlimmste Zeit seiner Flucht

          Die Polizeistreifen sind überall. Die erste kann Mohammeds Gruppe noch mit fünfzig Euro bestechen, die zweite nimmt alle fest und fährt sie nach Budapest. Für Mohammed ist das gar nicht schlecht. Das liegt eh auf seinem Weg nach Wien. Aber in der Polizeiwache, eingepfercht in einer kleinen Zelle mit übelmeinenden Polizisten, bekommt er es mit der Angst zu tun. Das ist eine andere Kategorie als in der Zelle in Gevgelija. Die Polizei stellt alle vor die Wahl: Lasst euch die Fingerabdrücke abnehmen, oder ihr geht ins Gefängnis. Vielleicht muss man Flüchtling sein, um die Dramatik dieser Situation zu verstehen: Wer sich die Fingerabdrücke in einem Land abnehmen lässt, wird möglicherweise später dorthin abgeschoben. Und Flüchtling in Ungarn, Serbien, Mazedonien möchte man nicht sein. Also entscheiden sich viele der Gefangenen, auch Mohammed, lieber für das Gefängnis: 270 Kilometer östlich in Nyírbátor an der ukrainischen Grenze.

          Für Mohammed ist das die schlimmste Zeit seiner Flucht. Zwei Wochen lang ist er zum Nichtstun verdammt. Es gibt keine Bücher, kein Telefon, nur hin und wieder ein paar Minuten Internet am Gruppencomputer. Er fällt in eine tiefe Depression, aus der er 13 Tage später von einer Lautsprecherdurchsage gerissen wird. Er wird zurück nach Serbien gefahren - und versucht sofort ein zweites Mal nach Ungarn zu kommen. Wieder will eine Polizeistreife bestochen werden, wieder wird die Gruppe festgenommen. Aber Mohammed kann durch den Wald entkommen und läuft eilig ins ungarische Szeged, nimmt sich für 150 Euro einen Schleuser nach Budapest und dort für 250 Euro einen nach Wien.

          Auf der Rückbank versteckt, fährt Mohammed über die Grenze nach Österreich - und spürt ein unbekanntes Gefühl in sich aufsteigen. Es ist eine existentielle Erleichterung: Ich muss keine Angst mehr haben. Ich habe es geschafft.

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          Von da an geht wieder alles von allein. Eine Woche kommt er in Wien unter, dann fährt er mit einem Freund über Deutschland nach Holland. Am 26. Juni, fast drei Monate nachdem Mohammed nahe seines syrischen Heimatdorfes Badda in einen Tomatenlaster kletterte, steigt er in Amsterdam aus einem Auto. Sein Bart ist gewachsen, seine eh schon dunklen Augen sind rot unterlaufen, er hat wunde Füße und schwielige Hände. Und er hat eine kleine Tasche, deren Inhalt er auf einem Tisch ausbreitet: was von seinen Papieren übrig ist, ein Paar kurze Socken, das zerkratzte Handy und ein Einweg-Rasierer. Mehr braucht er nicht für seine Zukunft. „Ich habe alles richtig gemacht. Ich war vorsichtig, und ich war geduldig. Ich bin hier, und ich lebe noch.“

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