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Auf Umwegen nach Europa : Fliehen - wie funktioniert das?

  • -Aktualisiert am

Auf nach Europa: Flüchtlinge an der serbisch-ungarischen Grenze Bild: dpa

Die Übernachtungskosten sind gering, die Reisekosten immens, und die schnellsten Routen die riskantesten. Mohammed kannte die Geschichten derer, die es vor ihm versucht hatten. Protokoll einer Flucht aus Syrien.

          Am Abend des 22. März 2015 schaute Mohammeds Familie noch einmal zum Abendessen vorbei. Sein Onkel war schon da, seine Schwestern und Schwager hatten Süßigkeiten mitgebracht, um den syrischen Muttertag nachzufeiern. Aber Mohammed war zum Schreien zumute. Niemand von ihnen durfte erfahren, dass er morgen früh verschwinden würde und sie ihn vielleicht nie wiedersehen würden. Nur seine Eltern waren eingeweiht: Morgen früh um fünf Uhr würde er an einem geheimen Treffpunkt in einen Lastwagen klettern, sich hinter ein paar Tomatenkisten verstecken und mit einem Schleuser bis zur türkischen Grenze fahren. Danach würde er durch ein Loch im Grenzzaun in die Türkei steigen, mit einem Taxi bis zur türkischen Küste fahren und einem Schleuser ein paar tausend Dollar geben, damit der ihn in einem völlig überfüllten Frachter übers Mittelmeer nach Italien fahre. Dann würde er sich irgendwie in den Norden durchschlagen, nach Schweden am besten, und dort ein neues Leben aufbauen. Und diesen Krieg, diesen Wahnsinn endlich hinter sich lassen. Zumindest war das Mohammeds Plan. Er kannte die Geschichten von jenen, die es schon vor ihm versucht hatten: von denen, die von Schleusern verraten und von Soldaten ermordet worden, die im Mittelmeer ertrunken, im Maschinenraum erstickt oder entkräftet von irgendwelchen Banditen im Wald halb tot geprügelt worden waren.

          Mohammed kannte das Risiko. Aber hier zu bleiben, in seinem Heimatdorf Badda, wäre sein sicherer Tod. Weil Mohammed nicht beim Bürgerkrieg mitmachen wollte, war er schon auf der Flucht, lange bevor er sein Land verließ, ein Deserteur, der von der syrischen Armee gesucht wurde. Also hörte er auf diejenigen, die ihm Hoffnung machten, auf seine Freunde, die schon irgendwo in Europa in einem Auffanglager auf Asyl warteten, die auf ihrem Weg Freunde verloren und beinahe unerträgliche Zustände überlebt hatten, die aber wenigstens wieder etwas hatten, das Mohammed nur noch aus Erinnerungen kannte: eine Zukunft.

                                                                      ***

          Ich habe Mohammed über das Internet kennengelernt. Der niederländische Journalist Sam Nemeth, der Mohammed auf Lesbos begegnet war, hatte Bilder und Whatsapp-Nachrichten seiner Flucht auf Facebook veröffentlicht. Wochenlang konnte man dort verfolgen, wie Mohammed über den Balkan floh, im Gefängnis landete oder verletzt irgendwo festsaß. Dieser Live-Bericht war spannend und rührend - vor allem aber erfüllte er nicht die naiven Vorstellungen, die ich bis dahin von Flucht hatte. Schon das Wort Flüchtling ist so irreführend: Mohammed war kein Getriebener, sondern jemand, der all seine finanziellen, mentalen und sozialen Ressourcen zusammentat, um seinem Leben wieder eine Perspektive zu geben.

          Die Route von Badda im Süden Syriens bis nach Budel in den Niederlanden. Bilderstrecke

          Nach Mohammeds gelungener Flucht machte ich ein Treffen mit ihm im Auffanglager im niederländischen Budel aus. (Mohammed ist ein Pseudonym, seinen richtigen Namen soll man nicht in der Zeitung lesen.) Drei Tage lang interviewte ich ihn zu allen Details seiner Flucht, wir rekonstruierten seine Fluchtroute, stellten Etappenpläne auf und führten Buch über seine Ausgaben und Kontakte. Mich überraschte seine Offenheit, die manchmal an Entblößung grenzte. Aber das hatte System: „Niemand versteht, wie schrecklich Flucht ist“, erklärte er mir. „Wenn ich aber dazu beitragen kann, dass mehr Menschen das verstehen, dann haben es vielleicht diejenigen leichter, die nach mir kommen.“

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