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Auf Umwegen nach Europa : Fliehen - wie funktioniert das?

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Der Weg nach Nordeuropa beginnt beschwerlich. Weil sie keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen dürfen, laufen Mohammed und sein Cousin zusammen mit einer kleinen Gruppe von Syrern zwölf Stunden lang von Thessaloniki entlang der Autobahn bis zum griechischen Grenzdorf Evzoni. Erschöpft vertrauen sie sich kurz vor dem Ziel einem scheinbar hilfsbereiten Polizisten an. Aber er bricht sein Versprechen und lässt sie zurück nach Thessaloniki fahren. Kaum ausgeruht, macht sich die Gruppe am nächsten Tag erneut auf: Fünfzig Kilometer zu Fuß.

Diesmal gelingt ihnen der Durchbruch. Gemeinsam verstecken sie ihre Taschen mit der überflüssigen Kleidung und den falschen Papieren (die brauchten sie nur in Syrien) im Gebüsch. In der vier Fußstunden entfernten Stadt Gevgelija wollen sie sich neu einkleiden - und falls sie wieder nach Griechenland geschickt werden, warten ihre alten Sachen im Wald.

Die Vorsicht zahlt sich aus: Die Polizisten entdecken das Lager der Flüchtlinge unter einer Brücke und vertreiben sie mit Prügeln. Im Chaos verliert Mohammed seine Papiere, bekommt sie aber von einem Jungen zurück, der sie gefunden hat und nun für zehn Euro an Mohammed verkaufen will. Mohammed zahlt sofort, aber das Glück währt nur kurz: Wieder greift sie die Polizei auf und fährt sie zurück über die Grenze.

Beim dritten Versuch gehen sie in Zweiergruppen über die Grenze. Alles scheint gut, doch Mohammeds Körper macht die Strapazen nicht mehr mit. Tagsüber brennt die Sonne, nachts kommen die Gedanken. Er ist schrecklich erschöpft, schläft kaum, und dann verstaucht er sich beim Austreten im Wald auch noch den Fuß. Sein Gelenk schwillt an. An Weitergehen ist nicht mehr zu denken, da können die anderen aus der Gruppe noch so viel helfen. Mohammed trifft eine schwierige Entscheidung: Er trennt sich von der Gruppe und verabschiedet sich von seinem Cousin. Ohne ihn werden sie es leichter haben. Er müsse hier erst wieder zu Kräften kommen.

Doch daraus wird nichts. Immer wieder greift ihn die Polizei auf und fordert ihn auf, das Dorf zu verlassen. Aber wie? Im Wald lauert die Mafia, warnt ihn ein Syrer. Der einzige Schleuser der Stadt ist ein Mörder und Dieb, sagen die Anwohner. Und den Linienbus ins nahe gelegene Strumitsa darf er nicht nehmen, sagt die Polizei. Als ihn die Polizisten ein viertes Mal mitnehmen, bleibt er einfach vor der Polizeistation sitzen und versinkt in Kummer. Dann geschieht ein kleines Wunder. Der anfängliche Ärger der Polizisten über den renitenten Flüchtling wandelt sich in Mitleid. Sie geben ihm eine Chance: Nimm den Bus heute um vier, sagen sie, wir werden ihn nicht kontrollieren. Die Polizisten halten ihr Wort - und ermöglichen so auch einem guten Dutzend anderer Syrer die Weiterreise.

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Die Grenze zu Serbien wird streng kontrolliert. Also sucht Mohammed per Whatsapp nach der Telefonnummer eines Schleusers. Das funktioniert wie ein Taxidienst: Es gibt eine Telefonzentrale, die Fahrer und irgendwo im Verborgenen die Person, die abkassiert. In diesem Fall: 500 Euro für eine achtstündige Nachtwanderung durch den serbischen Grenzwald plus Busfahrt nach Belgrad. Auch hier: Flüchtlinge überall. Alle Hotels sind überfüllt, alle Mietwohnungen voll. Sie schlafen in Parks und Hinterhöfen und drängeln sich auf Parkbänken. Mohammed will so schnell wie möglich nach Ungarn - dann hat er es fast geschafft. Wieder läuft er die letzten Meter bis zur Grenze zu Fuß. Und wie immer läuft er in einer kleinen Gruppe. Flüchtlingsfaustregel: In der Gruppe über die Grenze, alleine durchs Land.

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