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Auf Umwegen nach Europa : Fliehen - wie funktioniert das?

  • -Aktualisiert am

Der erste Fluchtversuch scheitert, weil die Polizei den Laster des Schleusers entdeckt. Aber Mohammed und sein Cousin bekommen vom Schleuser ihr Geld zurück. Trotzdem wählen sie für den zweiten Versuch einen anderen Schleuser. Es ist ein alter Syrer, der seine Kunden bei sich zu Hause übernachten lässt und noch keine Tour verloren hat. Zum Sonnenuntergang sollen sie sich bereithalten, dann hole sie ein Lastwagen ab. Mohammed kauft sich in der Stadt noch schnell eine gute Rettungsweste für vierzig Euro und einen Luftballon, um sein Smartphone vor dem Meereswasser zu schützen. Ein völlig überfüllter Lkw bringt sie zum Strand. Dort entbrennt sofort Streit: Der Schleuser hatte ihnen zwei Schlauchboote versprochen, aber die Flüchtlinge sehen nur eines: fünf, sechs Meter lang, ein dürres Stück Kunststoff mit Außenbordmotor. 48 Menschen steigen in das Schlauchboot, einer von ihnen ergreift das Steuer. Es sind nur zehn Kilometer bis nach Griechenland, sie können Europa schon sehen. Aber das Boot kommt kaum vorwärts. Dann lässt auch noch der jugendliche Steuermann plötzlich das Ruder fallen. Er zittert und fleht: Er habe in seinem Leben noch kein Boot gesteuert. Er habe keine Ahnung, wohin er fahren müsse. Er mache das doch nur, weil er kein Geld für die Überfahrt hatte und ihm der Schleuser ein Angebot machte: kostenlose Überfahrt, dafür das Risiko, als Fluchthelfer festgenommen zu werden. Die Passagiere sind außer sich, aber bevor die Situation eskaliert, greift ein Vater, der mit seinen Kindern an Bord ist, nach dem Ruder und fährt die letzten Kilometer bis Lesbos.

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Alle kommen sicher an. Sie machen Selfies und singen, während zwei Griechen das Schlauchboot demontieren und den Motor davontragen. Von der Polizei keine Spur. Mohammed kann sein Glück kaum fassen, aber er lacht und singt nicht. Stattdessen schreibt er seinen Eltern: „Ich habe es geschafft. Ich bin in Europa.“ Und denkt nur an das, was alles auf ihn zukommen wird. Seine Flucht aus Syrien ist zu Ende. Seine Flucht durch Europa hat gerade erst begonnen.

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Eine amerikanische Aktivistin führt die frisch angelandeten Syrer zur Polizeistation. Man geht gut mit ihnen um, auch wenn allzu deutlich ist, wie die Inselbürokratie unter dem Ansturm der Flüchtlinge ächzt. In jenen Tagen kamen rund 150 Menschen täglich auf Lesbos an, derzeit sind es um die 1000. Aber sie bekommen anstandslos ihre Papiere, mit denen sie sich sechs Monate lang in Griechenland aufhalten können. Eine Fähre würde sie morgen nach Athen fahren. Die fünfzig Euro für das Ticket müssen sie selbst zahlen. Auf der Fähre beschließen Mohammed und sein Cousin ihre neue Route: Sie würden Griechenland über Thessaloniki so schnell wie möglich verlassen, dann durch Mazedonien, Serbien, Ungarn, Österreich, Deutschland nach Holland. Dort, so hört Mohammed, seien die Bedingungen für Flüchtlinge gut.

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