https://www.faz.net/-gqz-870bj

Auf Umwegen nach Europa : Fliehen - wie funktioniert das?

  • -Aktualisiert am

Von hier ist es nur noch ein kurzer Fußmarsch bis zur Grenze. Aber der Grenzübertritt ist schwieriger als gedacht. Seitdem hier vor einem Jahr eine Autobombe 16 Menschen in den Tod gerissen hat, ist die Grenze dicht. Die Anwohner sagen: Es wird auf jeden geschossen, der sich ihr nähert. Besser soll er es nördlich von Aleppo versuchen: In Bab al Salam („Tor des Friedens“) schneide die Freie Syrische Armee jeden Abend für die Flüchtlinge ein Loch in den Grenzzaun.

Der Tipp ist gut - und viele andere Syrer haben ihn auch bekommen. Mohammed sieht, wie sich Hunderte im hohen Gras verstecken. Er legt sich zu ihnen und wartet auf das Signal, stundenlang. Dann kann es plötzlich nicht schnell genug gehen. Es ist ein Rangeln und Stoßen, Babys schreien, Eltern rufen verzweifelt nach ihren Kindern. Wer es jetzt nicht schafft, bevor die türkischen Gendarmen kommen, hat seine Chance vertan. Mohammed hat Glück: Eine kräftige Männerhand streckt sich ihm aus der Dunkelheit entgegen und zieht ihn in die Türkei. Er rennt zum Wald hinter der Grenze - und sieht Taxis. Ganz normale Taxis. Sie fragen nicht, wohin es gehen soll. Jeder hat hier dasselbe Ziel: nach Kilis und dann weiter nach Mersin ans Mittelmeer. Und dann endlich ab nach Europa.

                                                            ***

In Mersin wartet Mohammeds Cousin, auch er ist kurze Zeit zuvor aus Syrien geflüchtet. Aber er hat schlechte Nachrichten. Die Schleuser bieten kaum noch Fahrten nach Italien an, weil die Situation im Mittelmeer für Flüchtlinge immer schlimmer wird. Über einen Monat warten sie gemeinsam auf ein Zeichen des Schleusers. Das Warten nagt an Mohammeds Moral. Aber zum ersten Mal seit Jahren spürt er wieder, was Frieden bedeutet: Nachts brennen die Straßenlaternen, die Menschen hier lächeln. Niemand wird ihn erschießen.

Jeden Abend sitzt Mohammed mit seinem Cousin am Meer. Sie hören von den steigenden Opferzahlen im Mittelmeer, aber das schreckt sie nicht ab. Eines Abends laufen im Fernsehen Bilder vom Schiffsunglück vor der italienischen Insel Lampedusa: 700 Flüchtlinge sind tot. Auf dem Handy erscheint eine Kurznachricht seiner Mutter. „Seht Ihr nicht die Bilder im Fernsehen? Wisst Ihr nicht, wie gefährlich es ist? Bitte fahrt nicht!“ Aber was sollen sie tun? Auf dem Landweg weiterreisen und irgendwo in Südosteuropa stecken bleiben? Sie wissen, wie in Mazedonien, Ungarn und Serbien mit Flüchtlingen umgegangen wird. Eine Zukunft haben sie dort nicht. Dann sich lieber dem Meer anvertrauen. „Es fühlt sich wie ein gigantisches Risiko an“, sagt Mohammed. „Du riskierst dein Geld, und du riskierst dein Leben. Aber wenn du keine Wahl hast, wenn es keinen Weg zurück gibt, wenn du feststeckst, musst du das einfach tun.“

Nur zehn Kilometer bis Griechenland

Irgendwann meldet sich doch noch der Schleuser. Er gibt auf. Ihm ist es zu riskant. Er sucht eine bessere Route. Wenn sie klug wären, sagt er, würden sie es ihm gleichtun und im Norden zur griechischen Insel Lesbos übersetzen. Noch am selben Abend nehmen sie den Bus nach Izmir und suchen sich einen neuen Schleuser, der Schlauchbootfahrten nach Griechenland organisiert. Mohammed gibt seinem Vater Bescheid, der ihm mehrere tausend Euro nach Izmir transferiert. Die 1000 Euro für den Schleuser hinterlegt Mohammed bei einer Art Notariat. Gelingt die Überfahrt, bekommt der Schleuser einen Auslösecode zugeschickt. Das System ist beliebt, aber riskant. Immer wieder brennen die Notare mit dem Geld der Flüchtlinge durch; einem Freund Mohammeds wurde für so einen Code schon der Arm gebrochen.

Weitere Themen

Topmeldungen

Prominenz ohne Abstand auf der Ehrentribüne des FC Bayern: unter anderem mit Ehrenpräsident Uli Hoeneß und Präsident Herbert Hainer (rechts daneben)

Aufregung um FC Bayern : Münchner Eigentor

Dass die Funktionäre des selbstverliebten FC Bayern ganz offensichtlich gegen das Hygienekonzept der Bundesliga verstoßen und sich so Millionen Menschen präsentieren, ist unfassbar naiv. Oder eine gezielte Provokation?

Moria : Wie viele Flüchtlinge sollen kommen?

Mehrere deutsche Städte wollen Flüchtlinge aus Griechenland aufnehmen. Ein Landrat von der CDU warnt deshalb vor einer „Sogwirkung“. Eine SPD-Oberbürgermeisterin hält das für zynisch.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.