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Auf Umwegen nach Europa : Fliehen - wie funktioniert das?

  • -Aktualisiert am

Wirklich wichtig war nur sein Smartphone

Mohammed entschied sich für eine Zwischenlösung: per Auto von Syrien in die Türkei und dann mit dem Schiff nach Italien. Zusammen sollte das rund 6500 Euro kosten. Zusätzlich würden jeweils zwischen 200 und 900 Euro für Autofahrten mit Schleusern, eventuell mehrere hundert Euro Bestechungsgeld und die Lebenshaltungskosten dazukommen, etwa zehn Euro pro Fluchttag.

Niemand in Mohammeds Familie hatte so viel Geld, immerhin ein Jahreseinkommen. Also verkaufte der Vater ein Stück Feigenplantage, um seinem Sohn einen Fluchtversuch zu ermöglichen. Von dem Betrag würde er zunächst den syrischen Schleuser bezahlen und den Rest Mohammed über einen Gelddienst zukommen lassen, sobald er sicher über der Grenze wäre. Auf dem gefährlichsten Stück seiner Flucht sollte sein Sohn kein wandelnder Geldbeutel sein.

„Reise möglichst leicht“ war auch der Tipp, den Mohammed von anderen Flüchtlingen bekam, mit denen er ständig bei Whatsapp und Facebook sprach. Also füllte er eine einfache Laptoptasche mit zwei Hosen und Hemden, mit echten und gefälschten Papieren, Rasier- und Zahnputzzeug, etwas Taschengeld und dem Ladekabel für sein Smartphone. Nach jedem Grenzübertritt würde er sich neue Kleidung kaufen, um weniger als Flüchtling aufzufallen. Wirklich wichtig war nur sein Smartphone. Damit würde er mit seiner Familie, Schleusern und anderen Flüchtlingen in Kontakt bleiben, seinen Standort feststellen und spontan seine Fluchtpläne ändern können. Um Diebe abzuhalten, wählte er ein älteres Modell mit kleinem Bildschirm: Es hatte einen guten Ruf unter Flüchtlingen, weil es zwar billig aussah, aber auch robust war und eine gute Antenne hatte.

Von Bekannten bekam Mohammed den Kontakt zu einem Schleuser, der ihn raus aus Badda und bis zur türkischen Grenze bringen sollte: ein ganz normaler Lastwagenfahrer, der hin und wieder auch Flüchtlinge in seinem Laster versteckte und dafür 500 Euro pro Kopf verlangte - zahlbar in bar nach geglückter Fahrt.

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Am Vorabend der Flucht entschuldigte sich Mohammed bei seinen feiernden Verwandten: Er müsse noch eine

Englischstunde für die Nachbarn vorbe-reiten. Zwei Tage zuvor hatte ihm der Schleuser das Signal gegeben: Warte am 23. März 2015 um fünf Uhr morgens an jener Straßenecke auf einen Lastwagen. Ich halte nur kurz, und mein Kollege macht dir die Ladetür auf. Spring rein und gehe ganz nach hinten. Erschrick nicht, es fährt noch jemand mit. Und vor allem: Hab keine Angst. Bleibe ganz still. Dann passiert dir auch nichts.

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Die Fahrt hinter den Tomatenkisten läuft fast nach Plan. Die Person, vor der er sich nicht erschrecken solle: ein alter Schulfreund. Gemeinsam ist es leichter, die Angst zu ertragen, wenn der Laster mal wieder für einen Militärposten bremst, der Fahrer allzu forsch ums Schmiergeld feilscht oder ein Soldat die Abdeckplane anhebt. Nach 13 Stunden hält der Laster ein letztes Mal. Sie haben die syrische Grenzstadt A’zaz erreicht.

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