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Auf Umwegen nach Europa : Fliehen - wie funktioniert das?

  • -Aktualisiert am

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Mohammeds Eltern hatten andere Pläne. Sie verbaten ihrem Sohn die Flucht. Das Dorf zu verlassen sei viel zu gefährlich, und außerdem werde ja eh bald alles wieder gut. Mohammed gehorchte. Drei Jahre harrte er bei seiner Familie aus, half seinem Vater beim Verladen von Gemüse und gab im Freundeskreis Englischunterricht. Kein Tag verging ohne Angst. Und natürlich wurde nichts besser. Immer öfter drangen Soldaten der Regierung ins Dorf vor, schnappten echte und angebliche Rebellen und zerstörten Häuser mit Bomben und Feuer. Einmal griffen sie sogar seinen Bruder auf: Wo ist Mohammed? An einem anderen Tag stürmten sie vier Mal sein Zuhause - aber Mohammed entkam, weil ein Verwandter mit Kontakten die Familie vorgewarnt hatte. Der Krieg tobte auch mitten in Badda, das verstanden irgendwann auch die Eltern - und ließen ihn gehen. Mohammed spürte in diesem Moment vor allem Erleichterung. Die Zeit der hilflosen Angst wäre vorbei. An ihre Stelle träte das Gefühl, wieder Kontrolle über das eigene Leben zu haben.

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Flucht wird oft falsch dargestellt. Wer flüchtet, weiß genau, was er tut. Flucht ist eine gewaltige Aufgabe, die intensiver Planung, Entscheidungskompetenz und Einteilung der Ressourcen bedarf. Wer sich einmal zur Flucht entscheidet, für den gibt es keinen Weg zurück. Es gilt nur noch der Flucht-Imperativ „Vorwärtskommen!“. Wer zu langsam ist oder stecken bleibt, verliert Zeit und damit Geld. Und nur mit Geld kann man die Schleuser bezahlen, die einem dabei helfen, große Distanzen und Hindernisse zu überwinden.

Andererseits muss man alles meiden, was das Fortkommen verzögern könnte: also vor allem betrügerische Schleuser, versperrte Fluchtrouten, Polizisten und bürokratisches Geplänkel. Man darf nicht krank werden oder alt sein, sollte nicht Frau und Kinder bei sich haben. Wer von sich aus zu langsam ist, muss größere Risiken eingehen, also die riskanteren, aber auch schnelleren und vermeintlich leichteren Fluchtrouten nehmen: im Schlauchboot übers Meer, im Kühllaster durch den Ärmelkanaltunnel. Das hohe Risiko ist keine Folge schlechter Entscheidung: Es ist, in der „Immer vorwärts“-Fluchtlogik, die rationalere Wahl.

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Mohammed hatte lange über dem idealen Fluchtplan gebrütet. Es ist ein bisschen, wie eine Reise zu planen, bei der die Übernachtungskosten gering, die Reisekosten immens und der Reiseplan sehr eng sind. Der einfachste Fluchtweg ist immer der teuerste. Für einen Flug mit gefälschten Papieren aus Griechenland nach Nordeuropa hätte Mohammed 7000 bis 8000 Euro zahlen müssen. Allerdings ist das Risiko sehr hoch, entdeckt zu werden. Wer sich finanziell nur einen einzigen Fluchtversuch leisten kann, wählt deshalb den Seeweg. Die Fahrt von der Türkei auf eine griechische Insel kostet 1000 Dollar Einheitspreis. Um nicht in Griechenland stecken zu bleiben - hier gibt es auch keine Zukunft -, muss man danach aber über den Landweg nach Zentraleuropa, eine lange, komplexe Route mit vielen Sackgassen.

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