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Auf Umwegen nach Europa : Fliehen - wie funktioniert das?

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Die Zukunft - sie war Mohammed vor drei Jahren abhandengekommen. Er hatte seinen Abschluss in Englischer Literatur und Ägyptisch an der Universität von Damaskus gemacht, als er zum Pflichtwehrdienst in der ostsyrischen Stadt Deir ez-Zor eingezogen wurde. Mohammed hielt nichts davon, Soldat zu sein. Hätten seine Eltern Geld gehabt, hätten sie ihn vielleicht vom Wehrdienst befreit. Nur 5000 Dollar, vielleicht wäre ihm dann alles erspart geblieben. Er hatte Glück: Statt den Umgang mit Waffen zu erlernen, durfte er den Töchtern seines Majors Englisch beibringen.

Ein paar Monate später erreicht der Arabische Frühling auch Syrien. In nur wenigen Wochen wird aus den Demonstrationen gegen das Assad-Regime ein Aufstand. Die Polizei schießt auf unbewaffnete Demonstranten. Es gibt Tote. Die Lage eskaliert. Auch Mohammed und seine Einheit sollen auf die Regimegegner schießen. Sie weigern sich und beschließen kollektiv zu desertieren. In der Nacht entkommen die Soldaten samt Major in einem ihrer Militärlaster. Es gibt es nur einen Weg: zur frisch formierten Freien Syrischen Armee (FSA), die Deserteuren wie ihnen Schutz und eine sichere Fluchtroute bietet.

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Mohammeds Eltern hatten andere Pläne

Wochenlang werden Mohammed und seine Gruppe aus 35 Fahnenflüchtigen im Zickzackkurs durch die Kriegszonen geleitet. Von einem Dorf in Rebellenhand zum nächsten, dazwischen lebensgefährliche Passagen unter Feuer der Regierungstruppen. Mohammed sieht zum ersten Mal in seinem Leben, was Krieg bedeutet. Seine Kameraden scheinen weniger nachdenklich denn euphorisch. Es gibt ein Video von ihnen. Wie Fußballfans hängen sie aus den Fenstern eines Pick-ups und strecken die Kalaschnikows der FSA in den Himmel. Nur Mohammed läuft mit gesenktem Kopf nebenher. Man spürt die Euphorie seiner ehemaligen Kameraden: Sie hatten Scharfschützen und Kampfflugzeuge überstanden, in einem winzigen Boot den Euphrat überquert, sich vor Panzergranaten in Sicherheit gebracht und die Bombardements der Rebellengebiete überlebt.

Ein paar Tage später leben von den 35 Deserteuren nur noch zwei: Mohammed und ein Freund. Ein Provinzaufseher hatte die Gruppe an die Regierungstruppen verraten. Mohammed überlebte nur durch Glück. Sein Heimatdorf Badda lag auf der Fluchtroute, also wurden er und der Freund vorgeschickt. Der Rest der Gruppe wollte es durch die Al-Kalamun-Berge nach Ostsyrien schaffen. Aber in den Bergen wartete ein Kampfhubschrauber der Armee und erschoss alle Deserteure - es war ein Massaker.

Mohammed bekam von alldem nur wenig mit. Er war schon bei seinen Eltern, als er die vielen Schüsse und den Helikopter hörte, nur ein paar Kilometer entfernt. Ein paar Stunden später kamen die Gerüchte, viel später dann das Video. Es ist ein schreckliches Video, aber Mohammed will, dass man es sich ansieht. Er könnte jetzt auch so daliegen wie seine Freunde. Mit dem Fuß eines triumphierenden Soldaten im Rücken im blutigen Schotter, die Brust aufgeschossen, ein Loch im Hinterkopf, die Hände auf den Rücken gebunden.

Dass er nicht in Syrien bleiben konnte, wusste Mohammed seit seiner Fahnenflucht. Aber jetzt hatte er auch einen Maßstab für das Risiko, das er bereit sein muss, auf seiner Flucht nach Europa einzugehen.

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