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Fluchverbot : Für immer Punk?

  • -Aktualisiert am

Ein bisschen rumrüpeln ist in Ordnung, so lange die Ausdrucksweise jugendfrei bleibt: Swae Lee auf dem Wireless Festival, Sommer 2018. Bild: dpa

Auf einem britischen Popfestival darf nicht mehr geflucht werden, aber immerhin darf man noch laut klatschen. Das ist auf der Insel nicht überall mehr erlaubt.

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          Freundlich dienstbereit sieht er aus, der Wagen, der da am Morgen das Herbstlaub vor der Frankfurter Börse wegbläst, wo die Happy-together-Gemeinde der Ausdauersportler, denen Frankfurt Woche für Woche die Innenstadt absperrt, schon fiebernd darauf wartet, ihre Glieder in Bewegung zu setzen. „Ich fahr ab auf Sauberkeit“, ist am Chassis zu lesen.

          Lange vor unserer Zeit, als sich die Pädagogik noch nicht in den Glauben vernarrt hatte, dass der Nachwuchs schon mit Kindesbeinen auf seinen ersten Ultra hintrainiert, da hieß es in der „Bravo“ in der Hobby-Rubrik: Musik hören, Freundin, Faulenzen. Wenden wir uns der Musik zu, wo im Augenblick der größte Klärungsbedarf besteht (sorry, liebe Freundinnen, ihr müsst euch einen Augenblick gedulden, und Faulenzen, zu dir später). Für alle, denen ernsthaft am Fortbestand des Rock gelegen ist und die wir erst einmal herzlich grüßen, stellt sich heute die Frage: Welcher derbe Spaßvogel hat verfügt, dass auf dem britischen Wireless-Festival nicht mehr geflucht werden darf, und zwar, wie nach öffentlichem Protest herausgekommen ist, schon seit 2014, und das nicht nur für den Breitmaulfrosch Hip-Hop, der demnächst die Festival-Bühne bespielen soll, sondern: für alle.

          Campino muss es richten

          Man muss nicht viele Worte machen. Ein Rockkonzert ohne Lizenz zum Fluchen ist ein Wald ohne Bäume. Oder, mit Guttenberg zu reden, die niemals machbare, ja verwegene und in adiectu zum Scheitern verurteilte Quadratur des Kreises. Immerhin, die britischen Post-Rock-Fans dürfen laut klatschen. Bei politischen Veranstaltungen des Studentenwerks Manchester ist ihnen das mittlerweile aber auch schon verboten, aus Rücksicht auf Gehörlose und zum Leidwesen von Blinden, die vom nunmehr stummen Gebärden-Applaus nichts mitbekommen.

          Einsame Insel, wo treibst du hin? Johnny Thunders ist tot (sicher, der war Amerikaner, aber ist Pop nicht eine grenzenlose Bewegung?) und Johnny Rotten, der seiner schwarzen Seele im Fernsehdschungel die letzte Ölung verpasste, war schon lange für den Punk verloren. Kommen noch härtere Tage? Wächst aus Gefahr auch ein Retter? Campino, leg bitte die „Bravo“ beiseite und hör einmal gut zu: Du musst es richten. Wenn du die Strafe dafür abgebüßt hast, dass du im Dresdner Freibad in einer lauen Sommernacht (ja, der Sommer war groß) mit zwei Freundinnen über den Absperrzaun stiegst, um dort ungeniert zu faulenzen, wenn das alles wieder im Lot ist, dann zieh nach England und sieh dort nach dem Rechten. Noch ist Karthago nicht verloren. Zurück nach Frankfurt, wohin die Brexit-Banker mit ihrem feinen Gespür für sinkende Schiffe bald rübermachen werden: Wo Laub lag, liegen jetzt Becher. Inzwischen sind die Marathonläufer glückstrunken über die Ziellinie gedüst, haben strahlend ihre Endorphinausschüttung in Empfang genommen und ein Finisher-Shirt mit ihrem ureigenen Namen ausdrucken lassen. Den Letzten bissen die Hunde.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

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