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Fluchten in die Phantasie : Auf zum Frontstaat des Komischen Krieges!

Auffahrt zur Festung Schnapsfürmich, in deren Kerker die Regimegegner inhaftiert sind. Deutschsprachige Reisebereicht sprechen von „Burg Hohenstein“. Bild: Dupuis/Carlsen Verlag

Nicht jeder, der sich derzeit in ein fremdes Land phantasiert, landet in der schönsten aller Welten. Manche Träume erweisen sich als Albträume. Eine imaginäre Reise nach Bretzelburg.

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          Die Grenze zu Bretzelburg ist so sichtbar, wie man es in Mitteleuropa sonst nicht mehr gewöhnt ist. Hier sieht er noch Schlagbäume und Wechselstuben. Und martialische Grenzschützer. Nicht nur solche, die jenseits der Schranke auf ihn warten: Vertreter der für Friedhofsruhe sorgenden Bretzpolizei. Sondern auch schon Bewaffnete auf seiner Seite, bei der Ausreise. Denn wer wie er nach Bretzelburg will, muss sich verdächtig machen; die Zollbeamten wissen, wie viel Material und auch Menschen dorthin geschmuggelt werden – in Bretzelburg fehlt es an allem, und im Ausland aktive Regimegegner werden regelmäßig verschleppt, um auf Nimmerwiedersehen in den Folterkammern der berüchtigten Festung Schnapsfürmich zu verschwinden.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Dort will er hin, aber nicht in Handschellen, sondern als Tourist. Die sind in der an Natur- und Kulturschönheiten überreichen Monarchie aber gar nicht erwünscht. Kein Wunder, denn nachdem er einmal hinter die Kulissen geblickt hat, achtet er nicht mehr auf die unberührten Gebirgslandschaften und prächtigen Fachwerk-Innenstädte, auf die zahllosen Zwiebeltürmchen der Dorfkirchen oder die pittoreske Silhouette von Schnapsfürmich hoch über der Hauptstadt Krollstadt. Fortan sieht er nurmehr den Glanz von Uniformen und Pickelhauben, deren Träger aus Bretzelburg einen Staat gemacht haben, der germanophilen Besuchern eigentlich eine Traumkombination verspräche: bajuwarische Landschaft bei preußischem Ordnungssinn. Doch für Kosmopoliten ist das Königreich ein Albtraum. Entsprechend wenig ist dort los.

          Das Land hat bessere Tage gesehen, und seine Politik sowieso. Der immer noch ledige König Ladislas steht unter dem Einfluss des nationalen Sicherheitsberaters General Schmetterling, und eine ganze Bevölkerung ist in dem mittlerweile rein auf Rüstungsproduktion ausgerichteten Bretzelburg zum Leben und Arbeiten unter nahezu vormodernen Bedingungen verurteilt. Überall herrscht Ersatzstoff vor, die Kleidung, die er sieht, ist immer noch aus dem Papier jener Zeitungen gefertigt, die bei der Beseitigung der Pressefreiheit vor vielen Jahren magaziniert wurden. Der Bus, den er in Krollstadt besteigt, wird über Pedale mit Muskelkraft angetrieben, man strampelt in den Sitzreihen wie auf einer Galeere, auch er, denn wer mitfährt, hat auch mitzuschuften. Als junger Passagier gehört es sich deshalb in Bretzelburg, älteren Fahrgästen anzubieten, deren Sitzplatz einzunehmen. Nun ja, genug Kraft ist da; angereist war er immerhin noch mit Dampfkraft auf einer der wenigen Zugstrecken nach Bretzelburg, von Paris über Basel und Zürich nach Krollstadt. Kein Halt in Deutschland.

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          Das hat seinen Grund. Als zum ersten Mal einigermaßen verlässliche Nachrichten über die Situation in Bretzelburg in die freie Welt gelangten, war der Zweite Weltkrieg kaum mehr als anderthalb Jahrzehnte vorbei und der europäische Kontinent in einer Systemkonkurrenz gefangen, die einer Despotie zwischen den Fronten das Überleben leichtgemacht hat. Was man von Bretzelburg wusste, beruhte lange Zeit nur auf Gerüchten. In der Bundesrepublik bauschte man die noch zusätzlich auf: Im ersten deutschsprachigen Bericht über das Land wurde es als Satellitenstaat der Sowjetunion porträtiert, der König als „Stavo“ bezeichnet, als ein willfähriger Staatsratsvorsitzender nach DDR-Vorbild, der von sowjetischen Militärberatern gegängelt würde. Das hielt man wohl für witzig, der Kalte Krieg sollte zum Komischen Krieg werden. Die im Ausland damals noch unbekannte Graue Eminenz Schmetterling wurde dementsprechend als ein gewisser „Marschall Sownjet“ identifiziert, von Krollstadt sprach man hierzulande zunächst konsequent als „Berlin-O“, als wäre auch Bretzelburg ein verlorengegangenes deutsches Ostgebiet.

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