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Fluchten in die Phantasie : Die Wolken-Wasser-Klause

Festlich erleuchtet: Blick in das Badehaus aus Hayao Miyazakis Film „Chihiros Reise ins Zauberland“. Bild: Interfoto

Über allem lag der Duft von warmem Holz: eine imaginäre Reise zum Badehaus der Götter, beflügelt von Hayao Miyazakis „Chihiros Reise ins Zauberland“.

          4 Min.

          Der Shinkansen war kurz vor Jomo-Kogen aus dem Tunnel geschossen und wie ein Speer durch das Weißgrau des Schneelands gepflügt. Flocken hatten sich wie verklumpte Schriftzeichen gegen einen zeitungseitengrauen Himmel abgezeichnet. Herr Yanagihara hatte zur Uhr geblickt. Schwer, teuer, ein Geschenk seines Schwiegervaters. Sein Blick war am ruhelosen Sekundenzeiger hängengeblieben.

          Axel Weidemann
          Redakteur im Feuilleton.

          Jetzt streckte Herr Yanagihara im heißen Bad des Senkyo-Ryokans die Beine aus. Ein Handtuch lag gefaltet auf seinem Kopf. Er wurde warm, weich und leicht. Währenddessen dachte er an das Badehaus in Kitasenju im Norden Tokios, das er als Kind mit seinem Vater oft besucht hatte. Dorthin kamen selbst Yakuza noch zum Baden. Einst hatte er mit vier Tätowierten im heißen Wasser gekauert und den Blick nicht abwenden können von den Götter-, Drachen- und Dämonenbildern auf ihrer Haut.

          Die Wasserdampfschwaden wurden nun dichter, die Hitze nahm zu. Ihm wurde schwindelig. Er grunzte, krabbelte auf allen Vieren aus dem Becken und blinzelte in den Dunst. „Ding!“ Der geschliffene Ton einer Handzimbel. Ein Windstoß fegte den Nebel fort. In der Ferne der anschwellende Ton einer Mundorgel. Das Senkyo-Bad war verschwunden. Er stand auf einer Holzbrücke, die über eine Schlucht führte. Er schloss die Augen, öffnete sie wieder. Alles blieb, wie es war. Hinter der Brücke ragte ein hölzernes Gebäude mit geschwungenen Dächern, Terrassen und Anbauten in einen klaren Nachthimmel. Es strahlte im Dunkel wie eine gigantische Laterne. Auf einem Schild aus Zypressenholz, das an einem Tor hinter der Brücke angebracht war, prangten drei Schriftzeichen: Wolken-Wasser-Klause.

          Der Sekundenzeiger war zur Ruhe gekommen

          Herr Yanagihara kratzte sich am Po, nahm das Tuch vom Kopf und bedeckte seine Blöße. Dann wurde er unsanft zur Seite geschubst. Ein Bein, groß wie ein Tempelpfeiler, schob sich an ihm vorbei. Zum Bein gehörte ein purpurroter, geflügelter Riese mit drei Häuptern, wildem schwarzen Haar, das von einer Flammenaura umgeben war und gekrönt von einem Reif, den sieben Schädel schmückten. Die Brücke ächzte unter jedem Schritt. Herr Yanagihara blinzelte abermals und blickte dann zur Uhr, die er auch beim Baden noch trug. Der Sekundenzeiger war zur Ruhe gekommen.

          Ein Brummen ließ ihn aufblicken. Ein Zwergpanda, gekleidet in einen Überwurf mit den Insignien der Wolken-Wasser-Klause, reichte ihm einen Bademantel mit Ozeanwellen-Muster und schob ihn ungeduldig auf den Eingang zu. Sie tauchten ein in einen Strom vielförmiger Gestalten. Unterwegs drängte der Panda, während er seinen Kopf wiederholt zur Entschuldigung senkte, eine Münz-Schlange beiseite, deren Körper aus radgroßen Wado-Münzen bestand, aufgefädelt auf einer lebendigen roten Kordel. Eine grünäugige Fuchsdame im weißgoldenen Yukata glitt elegant zwischen beiden hindurch.

          Das Innere der Wolken-Wasser-Klause bestand aus Licht, Wärme und Lärm. Raunen, Rauschen, Gurgeln, Plätschern, Hämmern, Singen. Dunkles Holz, roter Lack, die Wände getäfelt mit lebendigen Bildern von Bäumen und Bergen auf Goldgrundierung. Das Wehklagen der höfischen Musik war hier deutlicher zu hören. Und über allem lag der Duft von warmem Holz.

          Die Uhr schob sich wie eine Raube über den Gang

          Herr Yanagihara hielt inne und staunte über den Feierabendansturm der Götterwesen. Ein Froschmann, der unter dem Gewicht eines Reisweinfasses fast zusammenbrach, wurde von einem Schweinegott beiseitegequiekt, der geschickt auf einer rollenden Donnertrommel vorbeibalancierte. Als Herr Yanagihara zur Uhr sehen wollte, weil er sich fragte, ob er es wohl pünktlich zurück zum Abendessen schaffte, stellte er fest, dass sie fehlte. Er seufzte, begab sich auf die Knie und begann seine sinnlose Suche.

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