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Flucht aus der Kontaktarmut : Der Egoismus der Urlauber

  • -Aktualisiert am

Die Reiselust der Deutschen ist trotz der Pandemie ungebrochen. Bild: dpa

Kontakte reduzieren? Was einst das Gebot der Stunde war, interessiert offenbar nur noch wenige, schließlich lockt Mallorca. Die Vorsichtigen bleiben derweil hier und protestieren kontaktlos.

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          Dass der Austausch von Bargeld kein Covid-19-Ansteckungsrisiko birgt, ist Epidemiologen schnell klargeworden, doch die Weltgesundheitsorganisation hat – sicher ist sicher – früh dazu geraten, möglichst kontaktlos zu bezahlen, also mit Girokarte, Kreditkarte oder Smartphone. Ist ja ohnehin praktischer, als ständig ein von lauter Kleingeld ausgebeultes Portemonnaie mit sich herumzutragen. Die Empfehlung der WHO war gewissermaßen der Startschuss zu einem kontaktarmen Konsumverhalten, womit man sich in vielen Fällen inzwischen ganz gut arrangiert hat.

          Die Paketzustellung und Essenslieferung erfolgt kontaktlos, man leiht kontaktlos Bücher aus, mietet Werkzeug, zieht kontaktlos um (das Umzugsteam räumt die Bude aus, während man abwesend ist), absolviert kontaktlos Karatetraining, und Hundesalons dürfen Hunde frisieren, sofern diese nach einer Terminvereinbarung kontaktlos zugestellt werden – wobei nach einem Gerichturteil das im Einzelhandel erlaubte Prinzip Click & Collect gilt. Innovationswille zeigt sich selbst dort, wo man ihn nicht vermutet hätte. Schon seit einigen Wochen steht im Kölner Dom und in anderen Kirchen ein das Weihwasserbecken ersetzender sensorischer Weihwasserspender, der ähnlich wie ein Seifenspender funktioniert. Man hält seine Hand darunter, und schon fließt aus dem Behälter Weihwasser, freilich erst nachdem man sich vorher die Hände desinfiziert hat.

          Stiller Protest

          Beim Versandgiganten Amazon ist die Nachfrage nach Weihwasserspendern offenbar rasant gestiegen, jedenfalls ist jener aus Holz der Marke Holyart derzeit nicht verfügbar, dafür aber das Modell Holy Drop für schlappe 1050 Euro. Diese vielen vorbildlichen, ein Gefühl von Sicherheit spendenden Bemühungen, aus der ärgerlichen Kontaktlosigkeit irgendwie das Beste zu machen, dürften angesichts der großen Kontaktlust der Bevölkerung, die schon lange nicht mehr die Füße stillhalten will, bald komplett verpuffen. Inzwischen drängt sich ja der Eindruck auf, dass die Flugverbindungen nach Mallorca über die Osterfeiertage angesichts der gigantischen Nachfrage von den Fluggesellschaften stündlich aufgestockt werden, als liege der Inzidenzwert im einstelligen Bereich und das Gebot der Kontaktreduzierung gelte nur noch für Hasenfüße. In Xanten indes lässt man sich den Verstand vor lauter Reisesehnsucht und kognitiver Dissonanz nicht so leicht vernebeln.

          Anlässlich des siebten globalen Klimastreiks kündigte Fridays for Future eine coronakonforme Aktion an: Vom 19. März an soll eine mit möglichst vielen Kärtchen bestückte Klimagirlande mehrere Tage auf dem Xantener Markt hängen, wobei jedes Kärtchen für einen Demonstrierenden steht. Ein stiller Protest für eine engagiertere Klimapolitik. Kontaktlos und so sicher wie der Holy Drop – aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

          Melanie Mühl
          Redakteurin im Feuilleton.

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