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Finanzkrise in Spanien : Im Sinkflug ohne Motor

Auf Pump gebaut: Spaniens Immobilienwirtschaft Bild: picture-alliance/ dpa

In Spanien kam vor der Finanzkrise die Immobilienkrise: Fast jeder Spanier wohnt in den eigenen vier Wänden, doch sie sind bedroht wie noch nie. Zigtausende können ihre Wohnungskredite nicht mehr bedienen.

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          Die Nachkriegszeit dauerte in Spanien mehr als zwanzig Jahre. Man zählt sie nicht von 1945, sondern von 1939 an. Ein grausamer Bürgerkrieg hatte gewütet, und die Franco-Diktatur schickte das Land in die bleiernen Jahre der Depression. Als Hitlers Reich längst untergegangen war, die Deutschen mit der D-Mark einkauften und zwischen Hamburg und Garmisch schon wieder Wohlstandsträume erblühten, lebten die spanischen Bauern immer noch wie im neunzehnten Jahrhundert.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          „Hungerjahre“ nennt man die späten vierziger Jahre in Spanien. Die Industrie lag am Boden. Hunde und Katzen verschwanden von den Straßen, weil es sonst nichts zu essen gab. Erst 1954 erreichte das Durchschnittseinkommen wieder das Niveau von 1936, das auch nicht berauschend gewesen war. Der Bürgerkrieg hatte ein Land getroffen, das gerade erst begonnen hatte, in die Moderne einzutreten.

          Boomjahre eines Spätentwicklers

          In den späten fünfziger Jahren bewegte sich die Inflation im zweistelligen Bereich, aus dem übrigen Westeuropa drangen Nachrichten fabelhaften Wohlstands über die Pyrenäen, und spanische Arbeiter wurden unruhig. Da begriff Franco, dass sein Staat dem Bankrott nahe war. Es begann die Ära der Technokraten des Opus Dei, die das Finanz- und Verkehrsministerium übernahmen. Der „Stabilisierungsplan“ von 1959, der die Inflation bekämpfen und die öffentlichen Ausgaben senken sollte, war eine Rosskur.

          Löhne wurden eingefroren, der Tourismus angekurbelt, Hunderttausende Spanier gingen fort und fanden Arbeit in Frankreich, Deutschland und der Schweiz. „Entwicklungsjahre“ nennt man die Zeit zwischen 1961 und 1973, und die Zähne knirschen dabei hörbar. Doch das Land kam auf die Füße. Keine andere europäische Nation der nichtkommunistischen Welt konnte ein Wirtschaftswachstum von sieben Prozent vorweisen. Am Anfang des Booms besaß nur jeder hundertste Spanier ein Auto; am Ende war es jeder zehnte.

          Volkssport Immobilienspekulation

          Das spanische Wirtschaftswunder brachte auch das Phänomen hervor, das den Leuten jetzt den Atem abschnürt: den Immobilienboom. Es geht nicht nur darum, dass ein mächtiger Industriezweig buchstäblich Wohl und Wehe eines Staates in Händen hält, sondern um eine regelrechte Verschiebung der Mentalität. In den frühen sechziger Jahren mussten Millionen Landflüchtige aus Baracken am Stadtrand in vernünftige Wohnungen gebracht werden. Aber die Wohnungen gab es nicht. Also wurden sie zu Millionen aus dem Boden gestampft. Das Regime förderte Hausbesitz mit großzügigen Krediten.

          „Subventioniertes“ Bauen war allerdings nicht ganz dasselbe wie im übrigen Europa. Von billigen Krediten und Steuervorteilen profitierte die Mittelklasse mehr als die Armen, denn jetzt begann ein neuer Volkssport, die Immobilienspekulation, an der sich die Privatindustrie nicht weniger bereicherte als die Politik. Die Moral ging ja nicht erst mit dem Immobilienskandal von Marbella vor die Hunde, der uns mit der erstaunlichen Tatsache konfrontiert, dass sich die letzten drei Bürgermeister(innen) der Stadt schmieren ließen.

          Schon lange vorher hatten ein absurdes Mietrecht, eine löcherige Steuergesetzgebung und dringender Bedarf nach Geldwäsche die Spanier in eine Nation von Hausbesitzern verwandelt. Vor 1960 lebte die Hälfte der Bevölkerung zur Miete. Dreißig Jahre später waren es nur noch zwölf Prozent, die niedrigste Quote, die sich in Westeuropa finden lässt. Wer in den Boomjahren Geld anlegen wollte, kaufte sich eine Zweit-, dann eine Drittwohnung. Die Wertentwicklung war phantastisch. Im Übrigen lebte man auf Pump.

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