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Filmkritik „Malmkrog“ : Muss die Türkei „zivilisiert“ werden?

  • -Aktualisiert am

Der Film Malmkrog ist auf dem Streaming-Portal MUBI zu sehen. Bild: MUBI

Gespräche über große Fragen: Cristi Puiu macht aus einem Buch von Wladimir Solowjow einen Film. Er wirkt wie aus der Zeit gefallen und ist großes Historienkino.

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          Im Mai 1900 erschien in Russland ein Buch mit dem Titel „Drei Gespräche über Krieg, Fortschritt und das Ende der Weltgeschichte mit Einschluss einer kurzen Erzählung vom Antichrist“. Der Verfasser war Wladimir Sergejewitsch Solowjow, ein Religionsphilosoph und Dichter, der zwischen einem phantasierten „pan-mongolischen“ Asien und der europäischen Zivilisation nach einer heilsgeschichtlichen Deutung suchte. Die Figuren bei Solowjow sind gebildete russische Aristokraten, die an der französischen Riviera alle Muße haben, sich den großen Fragen zu widmen. Heute sind die drei Gespräche weitgehend vergessen, die „eingeschlossene“ kurze Erzählung vom Antichrist hingegen ist berühmt geworden als eine Endzeitvision, bei der man trefflich darüber streiten kann, ob sie etwas von der heutigen Geopolitik geahnt hat.

          Krieg, Fortschritt und das Ende der Weltgeschichte sind aber natürlich weiterhin von großem Belang. Bei dem rumänischen Filmemacher Cristi Puiu war das Interesse an den drei Gesprächen sogar so stark, dass er das Wagnis einer Adaption auf sich nahm. Das Ergebnis lief vor einem Jahr auf der Berlinale und steht nun auf dem Streaming-Portal MUBI zu genauerem Studium zur Verfügung: „Malmkrog“, ein dreieinhalbständiges Salonstück mit der Pointe, dass die Erzählung vom Antichrist eben nicht „eingeschlossen“ ist, sondern ausgespart bleibt.

          Das hat vermutlich mit Gattungsaspekten zu tun: Innerhalb des Buchs von Solowjow fiele der Antichrist, auf das Kino umgelegt, eher in die Domäne von Ridley Scott oder Roland Emmerich. Cristi Puiu aber ist einer der großen Formalisten des Weltkinos. Er wurde mit dem Protokollfilm „Der Tod des Herrn Lazarescu“ bekannt, in dem er Schritt für Schritt verfolgte, wie ein sterbenskranker alter Mann durch das rumänische Gesundheitssystem geschoben wird wie durch ein Diagramm verfehlter Politik. Bei der Geschichte vom Antichrist würde er nicht so sehr auf die Bildwelten abheben, die Solowjow evoziert, sondern auf den reinen Text.

          Gespickt mit Andeutungen 

          Und das gilt nun ebenso und naheliegenderweise für die drei Gespräche. Schon der Titel des Films verweist auf eine Veränderung gegenüber der Vorlage, in der auch schon ein beträchtliches Stück neuer Deutung steckt: „Malmkrog“ ist ein Ort im Westen Rumäniens, in einer Gegend, die stark ungarisch geprägt ist und in der mit den Dienstboten Deutsch gesprochen wird. Das bis heute habsburgisch imprägnierte Czernowitz (ukrainisch Tscherniwzi) ist die nächstgelegene Metropole. Solowjows Russen geraten bei Puiu also in einen sehr aktuellen Resonanzraum: Es ist, auch gut hundertzwanzig Jahre später, das europäische Zivilisationsprojekt, um das „Malmkrog“ kreist.

          Der rumänische Regisseur Cristi Puiu
          Der rumänische Regisseur Cristi Puiu : Bild: MUBI

          Und wenn Edouard, eher der Vernünftler unter den fünf Hauptfiguren, davon spricht, dass es eine der Aufgaben Europas sei, „die Türkei zu zivilisieren“, dann kann man in dieser Formulierung eine Menge mithören: das konkrete Hin und Her um eine mögliche EU-Beitrittskandidatur der Türkei wie auch Skepsis gegenüber einer normativen Vorstellung von Europa, das dem Rest der Welt ein Niveau vorgeben wollte. Sätze wie dieser klingen anders, wenn sie nicht in einem privilegierten (oligarchischen) Exil am französischen Mittelmeer gesprochen werden, sondern in der komplexen Geschichtslandschaft Osteuropas in einem Moment (wie aktuell), in dem Russland eher einen Antagonismus zu Europa zu betonen scheint als das – offenkundig auch für Puiu bedeutendere – Verbindende.

          Die Sache mit der Türkei war für Solowjow auch noch in einer anderen Hinsicht wichtig. Mehrfach kommen die Gespräche auf die Baschi-Basuks, ein Name, den man erst nachschlagen muss: gemeint sind irreguläre Truppen im Osmanischen Reich, die für ihre Greuel berüchtigt waren („sie verbrennen Kinder“, heißt es im Film). An diesem Sachverhalt, der zugleich eine Projektion ist, reibt sich in den Gesprächen der moralische Optimismus der privilegierten Figuren, die sich auch über die Berechtigung von Gewalt Gedanken machen: Gibt es so etwas wie ein „Christus-liebendes Heer“ ? Kann man zugleich dem Evangelium und einem militärischen Befehlshaber folgen?

          Parallelen zu „Die Schlafwandler“ 

          „Malmkrog“ wurde tatsächlich in einem Schloss in dem gleichnamigen Ort gedreht, in einem historischen Setting, mit Bücherwänden und Teppichen und Kandelabern. Nikolai, Olga, Madeleine, Edouard und Ingrida, die fünf Hauptfiguren, stecken in den steifen Kostümen des späten 19. Jahrhunderts und in dem distinguierten Französisch, das damals noch als Umgangssprache in einem geistigen Europa gelten mochte. Puiu folgt den Gesprächen mit einer Kamera, die sich so gut wie möglich unsichtbar macht, zwischendurch gibt es aber auch immer wieder ausgesuchte Kompositionen mit Spiegeln, Fenstern und vor allem Türen und Zimmerfluchten. Die Schauspieler kommen aus allen Teilen Europas, sie treffen sich in einer niemals deklamatorischen, aber als Medium eines angestrebten Übereinkommens erkennbaren Sprache.

          In mancherlei Hinsicht könnte man sich an Christopher Clarks „Die Schlafwandler“ erinnert fühlen, zumal in Passagen, in denen Edouard ausdrücklich über die Unmöglichkeit eines Krieges in Europa räsonniert. Zugleich macht Puiu mit ein paar pointierten Interventionen deutlich, dass er den privilegierten Diskurs nicht mit sich allein lassen will: „Malmkrog“ ist in sechs Kapitel unterteilt, zu den fünf Hauptfiguren tritt eines über den Oberdiener Istvan, den man als Glied in einer rigiden Hierarchie kennenlernt. In dem rätselhaftesten Moment des ganzen Films kommt es schließlich zu so etwas wie einer Revolte, deren Ausmaß und Konsequenzen jedoch unklar bleiben.

          Drei Mal sollte man sich seinen Film ansehen, hat Cristi Puiu verlauten lassen, um in den vielen Verästelungen der Debatte halbwegs einen Faden zu finden. Tatsächlich erwies sich „Malmkrog“ bei der Kinovorführung auf der Berlinale 2020 als ein Block, eine Überforderung. Im Streaming kann man nun anders mit diesem Film umgehen, philologischer, aber auch distanzierter. Umso deutlicher wird dabei der zentrale Umstand: „Malmkrog“ ist ein riesiger Anachronismus und gerade dadurch einer der großen Glücksfälle im neueren Kino.

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